Grand Prix von Imola/I (Archivversion) Max, der Bruchpilot

Superstar Max Biaggi wurde beim Grand Prix der Stadt Imola nervös und stürzte. Ralf Waldmann stürmte dagegen frühzeitig in Führung, gewann - und wurde drei Rennen vor Saisonende vom Außenseiter zum Angstgegner in der 250er WM.

Vor der Box drängten sich die Fans, im Hospitality-Zelt warteten die Journalisten, am Motorhome gaben sich Teamchefs und Sponsoren die Klinke in die Hand. Max Biaggi hetzte von einem Schauplatz zum nächsten, gab flugs ein paar Autogramme, sprach flüchtige Sätze ins Mikrofon und biß sich hinter verschlossenen Türen und verhärteten Fronten in Verhandlungsmarathons fest. Daß es bei alldem noch den Grand Prix der Stadt Imola zu gewinnen gab, verkümmerte fast schon zur Nebensache. Am ersten Tag noch Schnellster, gab sich der nervöse 250er Weltmeister im verregneten Samstagstraining mit der fünftbesten Zeit zufrieden und redete irritiert davon, er sei mit der Getriebeabstimmung nicht zurechtgekommen.Am Sonntag war das Wetter wieder besser, nicht jedoch die Form des Superstars. Biaggi vermasselte den Start aus der Pole Position, kam beim Aufholen gegen eine vier Mann starke Honda-Meute nur zäh voran und leistete sich in Runde elf einen folgenschweren Leichtsinnsfehler. Nach einer mißglückten Attacke auf Platz fünf zurückgefallen, drängelte sich Biaggi zu ungestüm am viertplazierten Jürgen Fuchs vorbei, kam zu schnell an der berühmten »Piratella«-Kurve an und von der Strecke ab. Fuchs sah Biaggis Sturz aus nächster Nähe und erhielt seinen vierten Platz zurück. Beim Zieleinlauf wiederholte sich das Spiel auf nicht ganz so dramatische Weise mit dem zweiten Aprilia-Werksfahrer. Marcellino Lucchi hatte Fuchs bereits besiegt und auf Platz fünf verdrängt, als sich sein Motor in der letzten Schikane verschluckte und kein Gas mehr annahm. Hilflos und wütend ruderte Lucchi mit dem Arm, während Fuchs einen letzten heftigen Rutscher ausbalancierte und auf Platz vier durchs Ziel marschierte. Der am Boden zerstörte Max Biaggi verbarrikadierte sich über eine Stunde lang in seinem Motorhome, bevor er seinen Sturz kommentierte und seiner Aprilia eine Teilschuld ankreidete. »Eingangs dieser Kurve hatte ich einen Vorderradrutscher. Es gelang mir zwar, ihn abzufangen, doch dann ging mir der Asphalt aus«, berichtete Biaggi nach dem viertletzten Grand Prix dieser Saison. »Der dritte Platz von Tohru Ukawa beweist: Die Honda waren hier klar im Vorteil. Ich mußte voll ans Limit gehen, um auch nur mithalten zu können. Jetzt wird es schwierig, die WM-Führung zu verteidigen. Ich bin zuversichtlich für Barcelona, weil mir die Strecke liegt, aber sehr pessimistisch für Brasilien und Australien, wenn es uns nicht gelingt, das Motorrad zu verbessern. Denn Honda hat einen gewaltigen Schritt nach vorn gemacht.« Vor allem das HB-Team von Ralf Waldmann. Zu Saisonbeginn wurde er von einem Schlüsselbeinbruch und mysteriösen Fahrwerksschwierigkeiten aufgehalten. Dann gab der Hauptsponsor den Rückzug zum Saisonende bekannt. Alles in allem kam es knüppeldick.Doch bei HB-Honda stand nicht der Fahrer, sondern hauptsächlich Teamchef Dieter Stappert im Sturm. Anders als Max Biaggi, der seine Zukunft mutterseelenallein aushandelt, schottete sich Waldi in Stapperts Windschatten ab und konzentrierte sich auf seinen Job. Dank der Erfahrung und der stoischen Gelassenheit von Cheftechniker Sepp Schlögl kam das Team auch technisch über jede Hürde. Als Ralf Waldmann am Freitag Schwierigkeiten mit der Gabelabstimmung hatte und wegen des strömenden Regens am Samstag auf Startplatz zehn steckenblieb, wetteten viele im Rennen keinen Pfifferling auf ihn. Doch am späten Samstag abend zog sich das Team zu einer zweistündigen Beratung zurück, und am Sonntag waren die Probleme plötzlich aussortiert. Mit einem Katapultstart hämmerte sich Waldi aus der dritten Reihe in den Windschatten von Olivier Jacque und Jürgen Fuchs, übernahm in Runde sechs die Führung und flitzte nach einer mutigen und fehlerfreien Fahrt am Ende mit 4,7 Sekunden Vorsprung über die Linie. »Ich hatte einen brillanten Start, war sofort Dritter und habe gleich gesehen, daß die andern nicht so schnell fahren können. Ich war um zwei Sekunden pro Runde schneller als im Training und ziehe den Hut vor meinen Leuten, die das Motorrad so phantastisch hingekriegt haben. Denn weil heute morgen noch feuchte Stellen auf dem Asphalt waren, konnten wir nicht mal das Warm-Up zu richtigen Probefahrten nutzen«, jubelte Waldi nach seinem vierten Saisonsieg, mit dem er den Rückstand bei drei ausstehenden Rennen auf nur noch zwölf Punkte verkürzt hat. »Jetzt ist Biaggi unter Druck. Er kämpft an allen Fronten, weil Aprilia nicht auf seine Geldforderungen eingeht und Honda ihm nur einen Zweizylinder geben will. Vielleicht zahlt es sich für mich aus, daß er nicht mit dem Herzen auf der Rennstrecke ist. Ich bin mental jedenfalls unheimlich stark - und fühle mich so fit wie nie. Die Weltmeisterschaft ist wieder offen.« Wie die in der 125-cm³-Klasse. Titelverteidiger und Tabellenführer Haruchika Aoki hatte zwar eine Sternstunde, als sein neuer Drei-Jahres-Vertrag als 250er Werksfahrer im Polini-Team von Francesco Pileri am Samstag offiziell bekanntgegeben und gefeiert wurde, erlebte ansonsten aber wieder ein rabenschwarzes Wochenende. Gleich nach wenigen Minuten des einzigen Trocken-Trainings donnerte ihm Kazuto Sakata ins Heck, so daß Aoki mit dem allerletzten Startplatz vorlieb nehmen mußte. Kaum hatte er sich im Rennen aufgerappelt und den elften Platz übernommen, fiel sein Schalthebel ab. Und wie Ralf Waldmann bei den 250ern nutzte auch Masaki Tokudome den Ausfall des WM-Rivalen genüßlich aus. Zu Anfang vier Runden in Front, ließ sich der kluge Taktiker für eine Weile vorsichtig zurückfallen, schlug im Endspurt bergauf nach dem »Tosa«-Linksknick aber derart aus dem Windschatten zu, daß seinen Gegnern Emilio Alzamora, Jorge Martínez, Garry McCoy und Valentino Rossi Hören und Sehen verging. »Es fiel mir leicht zu überholen. In manchen Sektionen war ich beim Einbiegen langsamer, dafür war ich beim Herausbeschleunigen überall schneller. Mein Motorrad lief wie eine Rakete«, jubelte Tokudome, der den WM-Rückstand mit dem vierten Saisonsieg auf magere drei Punkte verkürzte. Seine Techniker atmeten ebenfalls auf und verpaßten der Zündkerze, die diesmal klaglos durchgehalten hatte, einen Ehrenplatz auf der Siegertrophäe. UGT-Pilot Tomomi Manako verteidigte trotz Leistungsmangel Platz sechs im Rennen und Rang drei in der WM-Wertung, doch die anderen deutschen Teams wurden empfindlich gerupft. Im ersten Zeittraining wurde Dirk Raudies von demselben Lucio Cecchinello abgeschossen, der ihn schon in England aus dem Sattel torpediert hatte. Raudies trug einen angebrochenen Mittelhandknochen davon. Statt sich zu entschuldigen, beschwerte sich Cecchinello, Raudies sei zu langsam vor ihm hergefahren. Beim 14. Platz im Rennen wurde Raudies nicht von Schmerzen, sondern vom verlorenen Endstück des Schalthebels aufgehalten. Hatte er noch die Chance, gelegentlich mit der Hand nach unten zu langen und irgendwie weiterzufahren, so wurde Peter Öttls Fahrt an siebter Stelle abrupt von einem Kolbenklemmer beendet. »Wir stehen vor einem Rätsel. Im Training ist das Motorrad gelaufen wie ein Uhrwerk«, wunderte sich der Bayer, der nach dem vierten Ausfall in der WM auf den achten Gesamtrang abrutschte. »Es ist traurig, denn jetzt kann ich ein gutes Endresultat abschreiben - ich habe in der Punktetabelle den Anschluß verloren.« Wenigstens rettete Tex Geissler die Ehre des Aprilia Deutschland-Teams: Obwohl er am Start zu vorsichtig die Kupplung kommen ließ und weit zurückfiel, wurde er am Ende Neunter und bester Deutscher. Bei den 500ern hatten etliche der Stars nach schwachem Start auf einen starken Endspurt gesetzt, doch ein Gewitterschauer beendete das Halbliterrennen bereits nach 16 von geplanten 25 Runden. Norifumi Abe, Luca Cadalora und Scott Russell hatten starken Vorwärtsdrang gezeigt, blieben aber auf den Rängen fünf bis sieben sitzen und rauften sich die Haare, weil Jean-Michel Bayle allmählich nachzulassen begann und seinen vierten Rang sicher abgegeben hätte. Auch Alex Crivillé sah im Sandwich zwischen seinen Repsol-Honda-Teamkollegen, dem führenden Michael Doohan und dem endlich wieder einmal in Topform antretenden Zweizylinder-Piloten Tadayuki Okada, locker und komfortabel aus. Ob er den Weltmeister am Schluß angegriffen und womöglich wie zuletzt in Österreich und Brünn noch knapp vor der Ziellinie abgefangen hätte, oder ob er zurückgefallen wäre, blieb eine ungeklärte Frage. Im ersten Training war der Spanier nämlich schwer gestürzt, hatte Blut gespuckt und sich derart die rechte Hand geprellt, daß er kaum die Finger bewegen konnte. Von Grand Prix-Arzt Claudio Costa mit allen denkbaren Tricks verarztet, fuhr Crivillé ein tapferes Rennen, war aber heilfroh, als die Fahrt zu Ende war. »Meine Hand schmerzt wie die Hölle. Aber was soll´s: Der Job ist getan«, lächelte er, nachdem das Repsol-Honda-Team im Formationsflug auf den Podestplätzen eingetroffen war. Während Michael Doohan den nächsten WM-Titel nach Saisonsieg Nummer sieben wohl Mitte September in Barcelona feiern wird, glich die Premiere des lange erwarteten Big Bang-Motors der elf 500 eher einer mißglückten Generalprobe. Chris Walker stürzte bereits in der ersten Runde, Juan Borja hoppelte nach zwei Runden an die Box, weil sich das Hinterrad in der Schwinge gelockert hatte.

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