Grand Prix von Österreich in Zeltweg (Archivversion) Kampfansage

Ralf Waldmann war nach der Niederlage beim Österreich-Grand Prix ein schlechter Verlierer - und erklärte seinem Gegner Olivier Jacque den offenen Krieg.

Luca Boscoscuro verpaßte den Bremspunkt vor der ersten Kurve und fuhr wie ein Schneepflug geradeaus durch das dichte 250-cm3-Feld. Sebastian Porto und Eustaquio Gavira konnten nach einem Ausritt weiterfahren, Jose Luis Cardoso, Marcellino Lucchi und der Übeltäter selbst gingen zu Boden.Kaum hatte er sich wieder aufgerappelt, ließ Lucchi die Fäuste sprechen. Stocksauer über die entgangene Chance, als Vertreter des verletzten Giuseppe Fiorillo auf dem A1-Ring im österreichischen Zeltweg nochmals einen WM-Lauf zu bestreiten und zum Ende seiner Karriere hin vielleicht doch noch den ersehnten Grand Prix-Sieg zu erringen, bestrafte er Boscoscuro, der schon öfter solche Gewaltaktionen angezettelt hatte, mit physischer Gegengewalt und ließ erst ab, als sich die Streckenposten einmischten. »Eine ganz normale Reaktion«, hob Aprilia-Teamdirektor Carlo Pernat beschwichtigend die Hände. Ralf Waldmann hätte auf die Schlußattacke von Olivier Jacque am liebsten ebenso normal reagiert, wurde aber von seinem Teamchef Dieter Stappert gestoppt. »Wenn mich der Dieter nicht am Kragen zurückgehalten hätte, hätte ich ihn kaputtgeschlagen«, meinte Waldi erbost. Denn wenn es zur Wut Lucchis noch eine Steigerung gab, dann war es der heilige Zorn Ralf Waldmanns. Der sonst so gutmütige Waldi geriet in jener denkwürdigen letzten Runde des 250er Laufs von Zeltweg derart in Rage, daß er bei der Rückkehr zu schnell an den Boxen vorfuhr und vom Motorrad kippte. Mit grimmiger Miene ließ er die Siegerehrung über sich ergehen und zielte statt mit Champagnerfontänen mit einer verbalen Breitseite auf den Kollegen. »Jacque ist wie in Jerez viel zu schnell innen reingestochen und hat sich dann raustragen lassen. Wenn ich nicht aufgemacht hätte, wären wir beide gestürzt. Ich ärgere mich kolossal, ich kann es gar nicht beschreiben. Die Schmach dieser Niederlage ist unglaublich«, ließ Waldi Luft ab. »Das war das Unfairste, was mir in meiner elfjährigen Karriere je passiert ist. Mit solchen Gewaltattacken, die beide in Gefahr bringen, kommt man offenbar weiter als mit normaler Fahrweise. Heutzutage kann man treten, schlagen, schubsen, alles ist erlaubt. Ich glaube, ich muß künftig auch unfairer werden. In Le Castellet werde ich sicherlich ganz anders fahren und es dem Jacque heimzahlen. Das ist eine Kampfansage!«wetterte er. In der Auslaufrunde donnerte Waldi dem Franzosen »zur Übung« schon mal absichtlich in die Verkleidung, und als sich Jacque später bei ihm entschuldigen wollte, verweigerte Waldi ihm den Handschlag. Starker Tobak für eine Aktion, die auf den Fernsehbildschirmen viel weniger schlimm aussah und keine Unfairneß von Sieger Jacque erkennen ließ. Ralf Waldmann war ein schlechter Verlierer. Dank eines von Teamtechniker Sepp Schlögl modifizierten Rahmens hatte Waldi schon im Training überlegen auftrumpfen können und sich mit exaktem Timing in letzter Sekunde die Pole Position erobert. Im Rennen hatte er sich mit Jacque im Windschatten vom Feld abgesetzt und schien auch den Franzosen locker unter Kontrolle zu haben.Erst in der letzten Runde fuhr er etwas zu sorglos auf der Ideallinie in Richtung der Gösser-Kurve, einer Bergab-Rechtskehre nach einer langen Geraden. Jacque sah eine Lücke und die Chance, Waldmann innen auszubremsen. Eine halbe Radlänge war er schon vor Waldi, als er beim Einbiegen einen Rutscher hatte und dabei Waldis Maschine touchierte. »Er hat sich voll gegen mich gelehnt. Wenn ich nicht nachgegeben hätte, wären wir beide gestürzt«, zürnte Waldmann. »Eine saubere Attacke. Jacque hat sich nichts vorzuwerfen«, meinte dagegen Ex-Weltmeister Dieter Braun, der das Geschehen als Eurosport-Kommentator ebenso live verfolgen konnte wie Millionen Fernsehzuschauer. Der Gescholtene selbst erklärte, Rennsport sei nun mal kein klassisches Musikkonzert. »Ich habe ein paarmal probiert, wie gut ich gegen ihn beim Bremsen bin. Ralf bremste am Ende der Gegengeraden zwar auch sehr spät, ließ aber innen eine Lücke, und das nutzte ich aus«, erklärte Jacque. Max Biaggi zog sich diplomatisch aus der Affäre und winkte ab, er habe die Aktion nicht gesehen. Und tatsächlich war der Weltmeister, im Training von hartnäckigem Vorderradrattern und einer kaputten Schaltautomatik geplagt, auch vollkommen damit ausgelastet, den immer aufdringlicher werdenden Loris Capirossi abzuwehren.Wie schon in Mugello schien es, als könne Biaggis Nachfolger bei Aprilia dem Weltmeister ein Schnippchen schlagen. Capirossi überholte Biaggi auf dem Bergabstück in der letzten Runde, verspielte seinen Vorsprung aber wie schon in Italien beim Beschleunigen aus der letzten Kurve und zog beim Passieren der schwarzweiß-karierten Flagge um drei Tausendstelsekunden den kürzeren. Capirossis vierter Platz war besonders undankbar. In der dritten Runde starb dem Italiener der Motor ab, worauf er für eine Weile im Mittelfeld untertauchte, dann aber zu einer starken Aufholjagd ansetzte und mehrmals den alten Rundenrekord pulverisierte. »Max fuhr im Schneckentempo durch die Kurven und war eine leichte Beute. Leider hatte er einen viel stärkeren Motor als ich - und das hat er am Ende geschickt ausgenutzt«, schilderte Capirossi seine Sicht der Dinge. Sein Aprilia-Teamkollege Tetsuya Harada, zuvor in Mugello wegen Motorschaden ausgeschieden, fiel in Österreich einem besonders exotischen Defekt zum Opfer: Er verlor eine Visierschraube, mußte einen neuen Helm ausfassen und erreichte nach seinem Boxenstopp nur noch Rang 17. Es war ein schwarzer Tag für das kleine venezianische Werk, denn auch in der 125er Klasse reichte es Aprilia nicht zum Sieg. Vizeweltmeister Masaki Tokudome führte mit seiner Docshop-Aprilia die ersten vier Runden und hielt auch für den Rest des Rennens ständig den Anschluß nach vorn, hatte am Schluß aber keine Nerven für die entscheidende Attacke. Marlboro-Aprilia-Hoffnung Garry McCoy war stark auf der Bremse, zeigte seinen Kollegen immer wieder das Vorderrad und führte kurzzeitig, fiel am Ende jedoch wegen Hinterradratterns auf Rang vier zurück. Aprilia-Star Kazuto Sakata vom UGT 3000-Team patzte zweimal zu Anfang des Rennens und verpaßte die Ideallinie, fiel zurück und rettete sich auf Rang sechs. Jorge Martínez kam wegen eines schlechtlaufenden Motorrads nie auch nur in die Nähe der Spitze und verabschiedete sich drei Runden vor Schluß durch Sturz. Und selbst Aprilias Jungstar Valentino Rossi hatte nicht seinen allerbesten Tag. Er schaffte es zwar als einziger, den Anschluß an den unwiderstehlich aufdrehenden Honda-Piloten Nobby Ueda zu halten und zwängte sich in der letzten Runde sogar an dem Japaner vorbei in Führung. Doch eingangs der letzten Kurve verlor Rossi so viel Schwung, daß Ueda zurückschlagen konnte und in einem Fotofinish um vier Tausendstelsekunden als Erster über die Linie sauste. Es war der Lohn für eine Aufholjagd, bei der Ueda von Platz zehn nach der ersten Runde noch im ersten Renndrittel ganz nach vorn stieß. »Mamma mia!« brach es aus dem Italien-Liebhaber hervor, als er das Foto-Finish im Replay bewunderte. »Am Start stieß ich mit Martínez zusammen und verlor eine Menge Zeit, aber ich zweifelte nie daran, daß ich wieder aufholen würde. Als Valentino überholte, dachte ich schon, das Rennen sei verloren, doch dank seinem Fehler drehte ich den Spieß nochmals um.« Ohne sich lange zu grämen, legte Rossi in der Auslaufrunde den Arm um Ueda und ließ ihn begeistert hochleben. »Meine Vorderbremse zog nicht mehr richtig, deshalb habe ich diesen Fehler gemacht«, stellte er fest. »Außerdem war in der Bergauf-Kurve im ersten Gang mein Motor zu giftig, Ueda konnte viel besser beschleunigen. Das hier ist ganz klar eine Honda-Strecke«, fügte er hinzu. Ein Umstand, den sich auch das deutsche UGT 3000-Team unter der Leitung von Mario Rubatto zunutze machte. Die Abstimmung von Tomomi Manakos Werks-Honda paßte erstmals in diesem Jahr haargenau, worauf der WM-Dritte sich nicht lange bitten ließ und von Anfang in der Spitzengruppe mithielt. »Leider hat mich Garry McCoy lange aufgehalten, deshalb sind Rossi und Ueda entwischt«, erzählte Manako. »Dafür hatte ich im Endspurt Glück: Eingangs der letzten Rundde war ich noch Fünfter, doch dann machten sowohl Tokudome als auch McCoy einen Fehler und haben mir Platz drei auf dem Silbertablett präsentiert.« Auch das deutsch-japanische Yamaha-Kurz-Team hoffte auf einen Podestplatz. Youichi Ui startete verwegen und tauchte in Runde zwei an zweiter Stelle auf, doch dann begann sich die erstaunliche Motorleistung seiner Yamaha allmählich zu verflüchtigen. Am Ende wurde er Siebter. Dank Luca Cadalora kommt Yamaha in der Halbliterklasse dagegen immer besser in Schwung. Auf Platz zwei in Mugello ließ der Italiener in Österreich als Dritter gleich den nächsten Podestplatz folgen, obwohl er sich nach einem verheerenden Start mühsam von Platz zehn nach vorn arbeiten mußte. »Das Handling des Motorrads ist nun auf allen Strecken gut. Doch uns fehlt Motorleistung«, zog Cadalora Bilanz. In der Yamaha-Riege ist er klar Primus: Norifumi Abe, der nach wie vor keine Ahnung von der Abstimmung seiner Maschine hat, wurde Neunter. Troy Corser stürzte übers Vorderrad, und Sete Gibernau mußte aufgeben, weil das stürzende Motorrad von Regis Laconi ihm Fußraste und Bremshebel entzweibrach. Gewinnt Cadalora teamintern durch seine lange Erfahrung, so wirft Anthony Gobert bei Suzuki die Kraft der Jugend in die Waagschale. Im zweiten Grand Prix seiner Laufbahn hetzte er seine Suzuki bereits auf den siebten Platz und besiegte im Endspurt nicht nur den um seinen Job fürchteten Alberto Puig, sondern demütigte auch seinen abgehalfterten Teamkollegen Daryl Beattie, der als geschlagener Elfter einlief. Und doch verblaßte all das angesichts der Dramen innerhalb der Honda-Riege. Vor dem Österreich-GP verhängte Michael Doohan eine Informationssperre und verbat sich die Weitergabe der von ihm erarbeiteten Einstelldaten. »Das ist keine Maßnahme gegen Alex Crivillé, denn der geht längst seinen eigenen Weg. Doch es gibt andere, die sich den roten Teppich auslegen lassen«, spielte er auf Tadayuki Okada und Nobuatsu Aoki an, die wegen des Honda-internen Informationstransfers im Warm Up am Sonntagmorgen bislang regelmäßig Doohans Set-Up ausprobieren durften. Tadayuki Okada war schon wegen seines in Italien angeknacksten Handgelenks angeschlagen. Als er im Abschlußtraining des Österreich-GP dann auch noch von einer Bö erfaßt wurde, bei über 200 km/h spektakulär stürzte und eine schwere Hüftprellung davontrug, wettete keiner einen Pfifferling mehr auf ihn. Doch Okada bewies Willenskraft und stellte die Gesetze von Natur und Technik in einer Weise auf den Kopf, wie man es zuletzt bei Wayne Gardner gesehen hatte. Nach zweistündiger Physiotherapie am Sonntag entschied er erst zur Mittagszeit, überhaupt an den Start zu gehen. Weil er kaum gehen konnte, wurde Okada von seinen Mechanikern förmlich in den Sattel gehievt. Wie er unter diesen Umständen einen zweiten Platz erobern konnte, bleibt unbegreiflich, denn Okada hatte nach dem Rennen nicht einmal mehr genügend Energie, Champagner zu versprühen. Völlig erschöpft wurde er vom Podium statt zur Pressekonferenz direkt zu Grand Prix-Arzt Claudio Costa verfrachtet. Zwei entscheidende Zwischenfälle schmälern seine Leistung nicht. Gleich in der dritten Kurve des Rennens übertrieb Zweizylinder-Star Takuma Aoki seinen Ehrgeiz, stürzte und holte sich eine Gehirnerschütterung. Drei Runden vor dem Ende leistete sich Alex Crivillé einen Ausritt, fiel von Platz zwei auf Rang fünf zurück und erwachte jäh aus dem schönen Traum, seinem großen Erzrivalen wie im Vorjahr kurz vor dem Ende die Show zu stehlen. »Michael Doohan wurde für seinen 38. Grand Prix-Sieg mit großer Hochachtung gefeiert. »Es war hart, weil Alex mir wie üblich als zweiter Schatten folgte. Doch ich versuchte, mit jeder Runde noch besser zu fahren und noch mehr Druck auf ihn auszuüben. Schließlich machte er den Fehler, auf den ich gewartet habe.“

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