Grand Prix von Rio de Janeiro/BR (Archivversion) King Kenny der Zweite

Kenny Roberts junior gewann die WM – und wurde als würdiger Nachfolger seines berühmten Vaters zu King Kenny II. gekrönt.

Im Abschlusstraining zum Rio-Grand-Prix qualifizierte sich Valentino Rossi für die erste Startreihe und schlug dem Beinahe-Champion Kenny Roberts einen für beide Seiten profitablen Handel vor. »Lass mich das Rennen gewinnen – du kriegst dafür den Titel”, strahlte er großzügig.Selbst bei drei Rossi-Siegen in den letzten drei Rennen genügte Roberts ein magerer sechster Platz für seine Mission, und sein Suzuki-Team hatte bereits kistenweise Weltmeister-T-Shirts und eine große Fahne mit der Aufschrift »King Kenny II.” im Gepäck, weil keiner am Karneval in Rio zweifelte. Die ganze Saison über hatte Roberts konstant gepunktet und war stets bis ans Limit seiner in Sachen PS leicht unterlegenen Suzuki, aber nie darüber hinaus gegangen. Der einzige Rennsturz der Saison in Assen erfolgte aufgrund eines heimtückischen Kolbenklemmers, und deshalb war kaum zu erwarten, dass der abgeklärte, selbstsichere Amerikaner den greifbar nahen Erfolg noch durch Nervosität aufs Spiel setzen würde.Die Entscheidungsschlacht glich denn auch eher einer fröhlichen Operette als einem Drama. Roberts lag zwar noch an achter Stelle, als Valentino Rossi nach furioser Aufholjagd zu Halbzeit an Garry McCoy und Lokalmatador Alex Barros vorbei in Führung ging. Doch als es im Finale des Rennens drauf ankam, leisteten die beiden Piloten vor Kenny Roberts keinen nennenswerten Widerstand. Sete Gibernau als Roberts’ künftiger Teamkollege verzichtete ebenso auf eine Konteroffensive wie der geknickte Regis Laconi, der von seinem Red-Bull-Team zu Beginn des Wochenendes die Kündigung erhalten hatte.Fünf Runden vor Schluss war Roberts mithin am benötigten Minimum im Rennen und am Maximum eines lebenslangen Traums. »Mir ist, als sei eine 27-jährige Saison zu Ende”, meinte er nach der Zieldurchfahrt und einer feierlichen Auslaufrunde, für die er sich bei einem kurzen Zwischenstopp bereits die Nummer eins auf die Verkleidung kleben ließ.Ins Ambiente einer Rennfahrerfamilie hineingeboren, driftete er schon als Dreikäsehoch mit Kalibern wie Eddie Lawson, Wayne Rainey oder Randy Mamola auf den Dirt-Track-Pisten der väterlichen Ranch um die Wette. Die Entscheidung, Profi zu werden, traf er allein. »Mein Vater trieb mich nie zum Fahren. Er wollte es mir sogar ausreden”, schilderte Kenny. »Doch ich beobachtete John Kocinski beim Fahren. Und ich dachte mir: Was der kann, kann ich auch...”Ganz so einfach wie beim »Außerirdischen” war der Weg nach oben freilich nicht. Gleich in seiner ersten 250er-GP-Saison mit dem gelähmten Wayne Rainey als Teamchef lernte er die düsteren Seiten des Rennsports mit einem schlecht heilenden Oberarmbruch kennen. In seiner ersten Halbliter-Saison 1996 genoss Kenny junior zwar die vielen PS, die ihm endlich Drifts wie beim Dirt Track ermöglichten, brauchte aber dann noch zwei weitere Jahre im Dreizylinder-Modenas-Team seines Vaters, bis er endlich die nötige Reife hatte, im Suzuki-Team als Siegfahrer und WM-Kandidat anzutreten. »Wenn wir alle mit 21 Jahren so fahren könnten wie Rossi, dann wäre das Leben ein Kinderspiel”, meinte er nach dem Rio-Rennen denn auch launig.So wird seinem kleinen Bruder Kurtis, der eine Woche zuvor in Amerika die Supersport-600-Meisterschaft gewann, mehr Naturtalent nachgesagt. Aber Kenny junior verdiente sich den Titel nicht wegen überirdischer Fahrmanöver, sondern wegen seiner geradezu mathematischen Präzision und Gleichmäßigkeit. »Dieses Jahr waren wir eingeschränkt, doch dank unserer Beständigkeit reichte es, den Titel zu holen”, ließ Roberts nochmals den Leistungsmangel seines Motors anklingen. »Nächstes Jahr würde ich gerne sagen: Wir haben gewonnen, weil wir schneller waren als alle anderen!”Um das zu erreichen, muss sich die Entwicklungsabteilung allerdings einiges einfallen lassen: Bei der Generalprobe am Samstag wurde die Suzuki-Mannschaft von einem Kurbelwellenbruch aufgeschreckt. Motorschäden waren zu den Zeiten von Kenny Roberts senior an der Tagesordnung, als es noch kein Data Recording gab und die Rennmaschinen nach Gefühl und Kolbenbild abgestimmt wurden. Im Gegensatz zu Kenny junior ging die Grand-Prix-Laufbahn King Kenny I. mehr auf Zufälle und Improvisationskunst zurück. Der Yamaha-Angestellte Roberts war zwar besser als alle anderen, hatte gegen die Überlegenheit der pefekt ausbalancierten Harley-Davidson-Maschinen aber keine Chance, die in den 70er Jahren aus Straßen- und aus Dirt-Track-Rennen bestehende US-Meisterschaft zu gewinnen.1978 wurde der US-Star nach Europa geschickt. »Ich kann diese Truthähne besiegen”, meinte Kenny Roberts über seine Gegner, die er bereits bei Einladungsrennen wie den Match Races kennen gelernt hatte. Leichter und wendiger als die 750er, doch stark genug, um im typischen Dirt-Track-Stil durchs Gasgeben mit dem Hinterrad lenken zu können, war die Yamaha TZ 500 wie für Roberts geschaffen, obwohl der gewöhnliche, schlitzgesteuerte Reihen-Vierzylindermotor mit rund 140 PS breit wie eine Ölbohrinsel im Fahrtwind stand und ein sehr spitzes Leistungsband aufwies. Roberts trat auf amerikanischen Goodyear-Reifen an, die exklusiv für ihn gefertigt wurden – so exklusiv,dass Techniker der Firma immer wieder an den europäischen Schauplätzen gesichtet wurden, um Asphaltproben aus den Rennstrecken zu meißeln. Trotzdem warfen die Reifen auf manchen Pisten Blasen – zum Beispiel auf dem brandgefährlichen Straßenkurs im finnischen Imatra. Beim Saisonfinale 1978 am Nürburgring hätte Barry Sheene gewinnen müssen, um seinen Titel zu verteidigen, doch Roberts verwies ihn taktisch geschickt auf den vierten Rang und holte die erste von drei 500er-Weltmeisterschaften hintereinander. »Anfang der 80er Jahre hatte ich ein Gehalt, das fast dem von Formel-1-Weltmeister Nelson Piquet entsprach”, verrät Roberts. »Schau dir an, was heute im Motorradsport verdient wird und was einer wie Schumacher einsackt. Die Formel 1 hat sich weiterentwickelt – doch wir sind im Kreis gegangen und wieder da angekommen, wo wir vor 20 Jahren waren!”Wenigstens scheint die Talsohle im Sponsorgeschäft durchschritten. Die spanische Telefonica, schon jetzt Sponsor von Kenny juniors Suzuki-Team, zahlt nächstes Jahr drei Millionen Dollar für ein 250er-Werksteam mit Emilio Alzamora und Daijiro Katoh, der in Rio aus lauter Freude zu seinem zweiten Saisonsieg fuhr. Um das französische Tech-3-Team mit den beiden Yamaha-Stars Olivier Jacque und Shinya Nakano reißen sich die Sponsoren, Gauloises bot sogar einen Fünf-Jahres-Vertrag an, um den Philip Morris-Konzern auszubooten. Vor dem Aufstieg in die Halbliterklasse müssen Jacque und Nakano den 250er-Titel allerdings erst noch unter Dach und Fach bringen. Denn ausgerechnet auf der Strecke, auf der er bereits zweimal überlegen gewonnen hatte, baute Jacque diesmal gleich zwei Stürze. Den ersten, als er ungefährdet in Führung lag, den zweiten, nachdem er sich bei seiner Aufholjagd ohne Windschutzscheibe bereits wieder an die elfte Stelle gerobbt hatte. Nakano musste sich nach einem Kolbenklemmer in der ersten Kurve mit dem vierten Platz begnügen und die Podestplätze den Honda-Stars Katoh und Ukawa sowie dem italienischen Teenager Marco Melandri überlassen. Der wird bei Aprilia in der nächsten Saison wohl der einzige Pilot mit Star-Gage sein, denn für alle anderen hat Renndirektor Jan Witteveen die Trauben hoch gehängt. Klaus Nöhles, in Rio nur 17., unterschrieb einen Zwei-Jahres-Vertrag, bei dem er zwar zwei Werksmaschinen erhält, bis auf die Einkünfte seiner persönlichen Sponsoren aber nur für Podestplätze honoriert wird. Weil das Halbiter-Projekt endgültig beerdigt wird, soll auch Tetsuya Harada wieder eine 250er steuern, muss sich dabei jedoch auf ein ähnliches Abkommen einlassen. Zu einer Wende kam es auch bei den 125ern. »Ich will den Titelkampf unbedingt offen halten – sonst kommen meine vielen Freunde nicht zum Rennen nach Motegi”, grinste der japanische Derbi-Pilot Youichi Ui schon nach dem Training vergnügt. Im Rennen fiel WM-Leader Roberto Locatelli wegen einer gebrochenen Kurbelwelle aus, worauf Ui nach langer Führung einen sicheren dritten Platz ins Ziel brachte und die in der WM-Tabelle ungefährlichen Simone Sanna und Masao Azuma ziehen ließ. »Ich wusste, dass mein Hinterreifen nur 14 Runden halten würde – aber dieser Typ hat mir am besten behagt”, meinte Ui listig.

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