Grand-Prix-Vorschau (Archivversion)

Wo Rauch ist…

Loris Capirossi ließ es mit der Desmosedici kräftig qualmen – und erbeutete bei den letzten Vorsaisontests in Barcelona den ersten Sieg für das neue Ducati-MotoGP-Team.

Gut möglich, dass Valentino Rossi noch ein Ass im Ärmel hat. Die wenigen Schwachstellen seiner Honda RC 211 V sind dank einer neuen Anti- Hopping-Kupplung und eines modifizierten Fahrwerks mit noch besserer Traktion ausgemerzt, und schon bei privaten Probefahrten in Malaysia schwärmte der Weltmeister, er könne die gewaltige Leistung seines Fünfzylindermotors nun überall sicher auf den Boden bringen. Dass er sich bei den letzten großen Vorsaisontests vor der versammelten MotoGP-Konkurrenz mit Rang fünf zufrieden gab, mag ein Teil der Rossi-Show gewesen sein – so wie sein neuer Helm, auf dem er mit der Ziffer 7 dem verstorbenen Barry Sheene gedachte und gleichzeitig «Liebe statt Krieg” propagierte. »Im letzten Jahr gab es nur eine Handvoll Viertakter”, heizte er in Interviews gleichzeitig die Spannung an. »Diese Saison rücken jedoch sämtliche Werke und die besten Fahrer der Welt auf Viertakt-Prototypen aus. Erst jetzt ist die MotoGP-Klasse die wahre Herausforderung – und wird für mich sicher nicht mehr zum Spaziergang.” Wie schwer es der Champion wirklich haben wird, wird sich erst beim ersten Rennen in Suzuka am 6. April herausstellen. Doch fest steht bereits, dass die Konkurrenz gefährlich nahe gerückt ist – nicht nur das Yamaha-Team, in dem Alex Barros weiterhin souverän auftritt. In Barcelona war er Dritter, freute sich aber hauptsächlich darüber, die Abstimmungsprobleme mit der neuen Benzineinspritzung seiner Reihenvierzylinder-M1 gelöst zu haben. »Ursprünglich waren wir der Meinung, wir könnten unbesorgt zwischen Vergasern und dem Einspritzsystem hin und her tauschen. Aber es zeigte sich: Nach einer solchen Modifikation am Motor bedarf es auch einer völlig neuen Fahrwerksabstimmung”, klärte der Brasilianer auf. Noch überraschender als die neue Beständigkeit des Yamaha-Teams, das nunmehr auf allen Strecken vorne mitspielen kann, sind die Leistungseruptionen der italienischen Werke. So sorgte ausgerechnet Aprilia mit der um neun Kilogramm abgespeckten RS Cube bereits bei den traditionellen Februar-Tests in Jerez für die Sensation, als Colin Edwards mit der zweitbesten Zeit hinter Barros auftrumpfte. Ein um 2000 Touren breiteres Drehzahlband – der Motor zieht nicht wie letztes Jahr ab 10 000/min, sondern neuerdings ab 8000/min kräftig bis zur Höchstdrehzahl von 16 000/min durch – lieferte dem Superbike-Weltmeister die gewohnte Leistungsspanne. Nach formidablen Auftritten in Valencia, Jerez und Estoril war schon von möglichen Siegen die Rede – bis sich das Team ausgerechnet bei Mugello-Tests in Abstimmungsschwierigkeiten verstrickte und die RS Cube auch in Barcelona nicht in Schwung brachte. Als man das Motorrad endlich auf das Set-up von Valencia zurückgerüstet hatte, funktionierte es noch genau eine halbe Runde. Dann wurde Edwards durch einen Defekt abgeworfen und brach sich einen Finger der linken Hand. Den größten Unterhaltungswert bietet freilich Ducati. Die Desmosedici ist so bärenstark, dass Loris Capirossi in Barcelona nicht nur mit sagenhaften 325,9 km/h Topspeed aufwartete, sondern beim Beschleunigen immer wieder eindrucksvolle Qualmwölkchen vom Hinterrad aufsteigen ließ.Außerdem demonstrierte der kleine Italiener, dass er die große Show keineswegs seinen Landsleuten Rossi und Max Biaggi überlassen will. Am Sonntagmittag noch wegen einer lecken Ölleitung und eines verschmierten Hinterrads aus dem Sattel katapultiert, drehte er zwei Stunden später wieder unerschrocken auf – und gewann das simulierte einstündige Qualifying und eine von BMW ausgelobten 330 Cdi-Limousine. Biaggi dürfte sich gefragt haben, ob er aufs richtige Pferd gesetzt hat: Im vergangenen Juli hatte er in der Überzeugung, man brauche unbedingt eine Honda zum Gewinnen, eine Ducati-Offerte ausgeschlagen und sich am Ende mit dem Honda-Satellitenteam von Sito Pons auf einen Drei-Jahres-Vertrag geeinigt. Sind die Honda-Kundenmotorräder auch ohne die allerneuesten Teile konkurrenzfähig – Biaggis Teamkollege Tohru Ukawa zauberte die zweitschnellste Zeit auf die Catalunya-Piste –, so fahren die anderen Hersteller Suzuki, Kawasaki, Proton und Harris-WCM klar hinterher.In Jerez hatte Suzuki die jüngste Version der GSV-R mit V4-Motor vorgestellt, doch die Stimmung im Team blieb auf dem Niveau der wenig erbaulichen Rundenzeiten. Trotz des komplett neuen Aufbaus mit anderem Zylinderwinkel, anderer Gewichtsverteilung, einer stärkeren Hinterradschwinge und einer neu konstruierten Kupplung trat das Team auf der Stelle. Auch neue, vermeintlich stärkere Motoren, die nach Barcelona geliefert wurden, brachten keine Wende - die Motorräder waren weiterhin zu langsam, und zu allem gesellten sich noch Fahrwerksprobleme, bei denen ein Michelin-Techniker hinter vorgehaltener Hand sogar von einer Chassis-Fehlkonstruktion berichtete. Der junge, vom Red Bull-Team übernommene John Hopkins mühte sich trotzdem nach Kräften, während Exweltmeister Kenny Roberts wirkte wie einer, der schon vor dem Saisonstart das Handtuch geworfen hat. Fehlten Hopkins in Barcelona zwei Sekunden zur Spitze, so waren es bei Kawasaki-Star Garry McCoy deren 2,3. All die kleinen Fortschritte, die die Grünen durch steifere Fahrwerke und Verbesserungen am Set-up über die Wintermonate erzielt hatten, wurden von der stärker gewordenen Konkurrenz wieder hinweggefegt. Am Rückstand zur Weltspitze hat sich seit den Debütrennen bei den letzten vier GP der Saison 2002 wenig geändert. Neben den ständig nachgebesserten Fahrwerken bereitet vor allem mangelnder Reifengrip Sorgen – trotz etlicher gut gemeinter Neukonstruktionen tappt Dunlop auf der Suche nach einem Rezept gegen die überlegene Konkurrenz von Michelin weiterhin im Dunkeln. Beim Proton-Team sind es nicht etwa die Bridgestone-Reifen, sondern Verzögerungen beim Bau des neuen V5-Viertaktmotors, die eine erfolgreiche Teilnahme von Jeremy McWilliams und Nobuatsu Aoki bei den Vorsaisontests verhinderten. Wie Besucher aus einer fernen Zeit rückten die beiden in Barcelona auf den alten Dreizylinder-Zweitaktern aus. Vielleicht sind die Zweitakt-Zeiten doch noch nicht abgelaufen – die Wetten stehen gut, dass das Proton-Team auch beim Saisonauftakt in Suzuka noch mit den KR3-Modellen antritt.
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MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Minibikes statt MotoGP

Ralf Waldmanns erste Tests auf der neuen Harris-WCM in England waren die letzten. »Das Fahren hat mir keinen Spaß gemacht mit dem Ding«, stellte der zweifache 250er-Vizeweltmeister fest. »Wenn es eine 250er gewesen wäre, hätte es vielleicht anders ausgeschaut. Doch der Viertakter ist breit, groß, klobig und hat so viel Dampf, dass auch im sechsten Gang das Hinterrad durchdreht. Und da habe ich mich gefragt: Was mache ich hier überhaupt? Mit 36 Jahren hat man nicht mehr die gleichen Perspektiven wie ein Alex Hofmann. Mir war plötzlich klar: Meine Zeit als aktiver Rennfahrer ist vorbei.« Während sein Nachfolger auf der auf R1-Basis aufgebauten, 192 PS starken Maschine entweder Jason Vincent oder Kevin Curtain heißen wird, verwirklicht der auf einem großen Bauernhof im bayerischen Obing residierende Waldi selbst nun seinen lang gehegten Traum einer Rennfahrerschule. »Bei uns in der Nähe, in Ampfing, gibt’s eine Go-Kart-Strecke vom Allerfeinsten. Dort halte ich Minibike-Lehrgänge für Kinder ab – ein Riesenspaß. Und mein eigener Hof wird zur Dirt Track-Ranch im Stil von Kenny Roberts. Die 100-cm3-Maschinen dafür habe ich schon bestellt!“

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion)

Start-Nr. Fahrer Nation Maschine Team3 Max Biaggi I Honda Camel Pramac Pons4 Alex Barros BR Yamaha Gauloises Yamaha Team6 Makoto Tamada J Honda Pramac Honda7 Carlos Checa E Yamaha Fortuna Yamaha Team8 Garry McCoy AUS Kawasaki Kawasaki Racing Team9 Nobuatsu Aoki J Proton KR Proton Team KR10 Kenny Roberts USA Suzuki Suzuki Grand Prix Team11 Tohru Ukawa J Honda Camel Pramac Pons12 Troy Bayliss AUS Ducati Ducati Marlboro Team15 Sete Gibernau E Honda Telefonica MoviStar Honda19 Olivier Jacque F Yamaha Gauloises Yamaha Team21 John Hopkins USA Suzuki Suzuki Grand Prix Team33 Marco Melandri ITA Yamaha Fortuna Yamaha Team35 Chris Burns GB Harris WCM WCM41 Noriyuki Haga J Aprilia Alice Aprilia Racing45 Colin Edwards USA Aprilia Alice Aprilia Racing46 Valentino Rossi I Honda Repsol Honda56 Shinya Nakano J Yamaha Yamaha D’Antin65 Loris Capirossi I Ducati Ducati Marlboro Team69 Nicky Hayden USA Honda Repsol Honda74 Daijiro Kato J Honda Telefonica MoviStar Honda88 Andrew Pitt AUS Kawasaki Kawasaki Racing Team99 Jeremy McWilliams GB Proton KR Proton Team KR

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Katja Poensgen

2001 machte Katja Poensgen als erste Frau mit WM-Punkten in der 250er-Klasse Karriere –Deutschland fand den Superstar. Nur mit ihren bankrotten GP-Teams hatte die attraktive Lady kein Glück und fuhr 2002 die Superstock-IDM. Jetzt wagt die 26-Jährige mit dem holländischen Molenaar-Honda-Team ein GP-250-Comeback: »Meine letzte Chance, in der WM Fuß zu fassen.“

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Christian Gemmel

Der Deutsche Meister und EM-Vize hat große Pläne im GP-Sport. »Wir haben sechs Jahre hart gearbeitet, um so weit zu kommen. Jetzt wollen wir auch hier oben bleiben«, erklärt der 22-Jährige aus Idar-Oberstein. Ein Vorteil: Honda-Werksmaschinen gibt’s nicht mehr, die Kit-Honda der Motorradhändler Jochen und Stefan Kiefer entspricht allen anderen Honda 250 im GP-Feld.

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Dirk Heidolf

»Ich muss schneller werden und künftig regelmäßig in die Punkte fahren«, fordert Dirk Heidolf von sich selbst. Ginge es nur um die Finanzen, wäre der Hohenstein-Ernsttahler Aprilia-Pilot jetzt schon Weltmeister: Neben einem Geldinstitut überzeugte er einen Energiekonzern von der Werbewirksamkeit der 250er-Klasse. Der 16-jährige Engländer Chaz Davies kaufte sich als Teamkollege ein.

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Alex Hofmann

Dass der Mindelheimer die 250er-Saison 2002 aus Sponsormangel verpasste, wurde zu seinem großen Glück: Denn nur deshalb hatte der 22-Jährige Zeit, als Ersatzfahrer ein der Königsklasse einzuspringen und dort Talent zu beweisen. Nach Platz zehn am Sachsenring engagierte ihn Kawasaki als MotoGP-Testfahrer – und Alex soll 2003 bis zu sechs Wild-Card-Einsätze absolvieren.

MotoGP-WM 2003: Vorschau (Archivversion) - Steve Jenkner

Der Hohenstein-Ernstthaler wechselte vom italienischen LAE-UGT-Aprilia-Team ins ebenfalls italienische Exalt Cycle-Team, das Weltmeister Arnaud Vincent hervorbrachte. Doch nicht nur deshalb gilt der 26-Jährige als echter Titelaspirant. Bereits 2002 scheffelte »Stevie Wonder« drei Podestplätze, hat derzeit aber Sorgen mit dem Fahrwerk seiner neuen Aprilia 125.

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