Grand-Prix-Vorschau (Archivversion) Stars und Sternchen

Valentino Rossi, Daijiro Katoh und Youichi Ui sind die großen Titelfavoriten in der Straßen-WM. Doch die heißeste Attraktion ist die erste 250-cm3-Pilotin der Grand-Prix-Geschichte.

Daijiro Katoh glänzte bei den Vorsaisontests mit Superzeiten und empfahl sich mit seinem italienischen Gresini-Honda-Team weit vor den Aprilia-Werkspiloten Marco Melandri, Roberto Locatelli und Klaus Nöhles als klarer Favorit für die 250er-WM. Die Sensation war trotzdem eine andere. Katja Poensgen, Grand-Prix-Fans bisher nur als Grid-Girl von Kenny Roberts bekannt, zeigte nach Schirm und Charme nun auch noch Melone und stülpte sich selbst den Helm über den Kopf. Das hübsche Renntalent wurde vom englischen Aprilia-Umoto-Team als erste 250-cm3-Pilotin der Grand-Prix-Geschichte engagiert.Weil Teamchef Martin Wilding zu wenig Geld auftrieb, platzte der Deal. Dieter Theis, Manager des Racing Factory-Teams mit Alex Hofmann, hatte jedoch vorsorglich eine Ersatzmaschine bei den traditionellen Februar-Tests in Jerez dabei und ermöglichte der Gestrandeten so die ersten Proberunden.Acht Sekunden Rückstand auf Katohs Bestzeit störte die Katja-Poensgen-Fans nicht im geringsten – zumal sich die 24-Jährige schon dicht bis an den Vorletzten, den brasilianischen Yamaha Kurz-Piloten Cesar Barros, herangerobbt hatte. »Katja war in Hunderten von Zeitungen. Und wenn wir sie alle anrücken ließen, hätten wir jeden Tag ein Kamerateam im Haus”, schildert Vater Bert Poensgen. »Spielesendungen, Diskussionsrunden, Personality-Shows - so eine gewaltige Resonanz hätten wir uns im Leben nicht vorgestellt!” Dieter Theis legte sich erfolgreich bei der Teamvereinigung IRTA ins Zeug, um Katjas in sein Racing Factory-Team zu hieven. Auch Bert Poensgen, der als Verkaufsleiter von Suzuki Deutschland ganze Generationen von Rennfahrern mobil gemacht hatte, zog alle Register. Binnen Tagen war das nötige Sponsorpaket geschnürt. Die größte Hürde ist nun sportlicher Natur. Der Sprung von der Superstock-EM ins harte GP-Geschäft ist gewaltig, und auf der komplexen, schwierigen Hochgeschwindigkeitspiste von Suzuka zum Saisonauftakt am 8. April wäre schon die Qualifikation wie ein Sieg. »Katja braucht Kilometer. Sie wird nicht von null auf hundert explodieren, sondern sie wird sich vorarbeiten müssen. Dass sie den Anschluss schafft, bezweifle ich bei ihrem Ehrgeiz nicht”, meint Papa Bert.Auch Katja selbst ist kein bisschen bange. »Ich möchte mich verbessern und irgendwann gewinnen. Nicht dieses, auch nicht nächstes Jahr - aber irgendwann”, erklärt die einstige ADAC-Junior-Cup-Siegerin kämpferisch und wischt die gelegentlich spürbaren Vorbehalte gegen eine Frau am Stummellenker vom Tisch. Nur die Unterarme, sagt Katja, muss sie vielleicht etwas mehr trainieren als die Jungs. Kaum Muskeltraining hat die neue Gilera 125 nötig, mit der sich das traditionsreiche italienische Werk in der GP-Szene zurückmeldet. Gleich bei der Feuertaufe in Jerez kam Pilot Manuel Poggiali auf die sechstbeste Rundenzeit. Das Geheimnis für den Erfolg: Weil die Gilera-Mutter Piaggio das marode spanische Derbi-Werk übernommen hat, ist Poggialis neuer Arbeitsplatz bis zur kleinsten Schraube mit der von Harald Bartol gebauten Derbi identisch.Ist Derbi-Pilot Youichi Ui klarer WM-Favorit, so gehen die drei deutschen Piloten mit vorsichtigem Optimismus in die neue Saison. Steve Jenkner, vom ADAC Sachsen wegen enttäuschender Resultate fallen gelassen, kam dank des Lörracher Grauimporteurs Ralf Schindler im italienischen UGT-Team unter und steigt nach einem Jahr auf Honda wieder auf eine Aprilia-Werksmaschine. »Der Steve hat noch eine Chance verdient”, gab Schindler die Losung aus.Ganz neu dabei ist der erst 17-jährige Phillipp Hafeneger, der bei den ersten Fahrversuchen im Team des belgischen PS-Zauberers Olivier Liegois noch mit einer Standard-Honda zufrieden sein musste. Dank eines frisch eingetroffenen Honda-Werkskits und der formidablen Betreuung des Pforzheimer Ex-GP-Piloten Stefan Kurfiss katapultierte sich der deutsche Meister Jarno Müller bei den Jerez-Tests dagegen sofort unter die ersten Zehn. Wo der Sachse in seiner Karriere dereinst hin will, war aufgrund einiger bekannt wirkender gelber Streifen am Heck seiner Ersatzmaschine unschwer zu erraten. »Der Rossi ist halt genial”, meinte er grinsend.Doch so spielerisch, wie es ihm seine Fans zutrauen, wird der italienische Honda-Star trotz seiner Bestzeit in Jerez sicher nicht in Richtung Halbliter-Titel davonbrausen. Zwar plagte die Suzuki-Stars auch mit neuem Motorgehäuse der alte PS-Mangel. Dennoch ballt sich in der Königsklasse eine nie dagewesene Leistungsdichte zusammen: Rossi hat es nicht nur mit Roberts, sondern auch mit acht abgebrühten Yamaha-Werksfahrern zu tun. Jürgen van den Goorbergh mischt auf der stark verbesserten Dreizylindermaschine von Kenny Roberts ebenfalls weit vorne mit. Und dann rüsten sich noch die anderen Honda-Werksteams: Tohru Ukawa fährt auf seiner Repsol-500er schon genauso lässig wie zuletzt auf seiner 250er, ebenso schnell sind Loris Capirossi und Alex Barros. Sieger war ihr spanisches Pons-Team bereits vor Saisonbeginn: Weil die Hamburger Tabakmanufaktur Reemtsma mit ihrer Marke West ganz wie in der Formel 1 in die höchste Liga wollte, holten sich die deutschen 250er-Teams und Fahrer schon im November eine Absage - das Budget von rund 2,5 Millionen Dollar landete bei Sito Pons.

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