Grand Prix-Vorschau (Archivversion) Schwarz-Rot-Gold?

Schwarze Werks-Aprilia, rote Kombi – diese Farben sollen die 250er-Weltmeisterschaft zu Beginn des neuen Jahrtausends dominieren. Ralf Waldmann will seine lange Karriere endlich mit dem Titel vergolden.

Die MoviStar-Teampräsentation in Jerez war eine beeindruckende Multimedia-Show. Angel Nieto, Teamchef des von MoviStar unterstützten 125-cm3-Weltmeisters Emilio Alzamora, lächelte und schien sich zu wundern, wie sehr sich der Motorradrennsport verändert hat, seit er ihn mit 13 WM-Titeln dominierte. Damals, vor 20 Jahren, war Rennsport in Spanien ein Hobby wetterfester Abenteurer auf selbst getunten Bastelmaschinen. Jetzt, im Jahr 2000, ist Motorradrennsport in Spanien eine Gala der Dollarmillionen, der Königsempfänge und der Stars, die von den Fans vergöttert werden wie brasilianische Fußballkünstler.Nieto tritt mit seinen Fahrern nur deshalb in der 125er-Klasse an, weil in der dicht gedrängten Halbliter-Phalanx keine konkurrenzfähigen Maschinen und keine siegfähigen Fahrer mehr zu ergattern waren. Allein bei Honda sind zwei Spanier, Weltmeister Alex Crivillé und Sete Gibernau, in der 500er-WM unter Vertrag. Bei Yamaha zeigt sich Carlos Checa vom Sturzinferno der letzten Saison erholt. Das schmucke Yamaha-Team von Luis d`Antin mit Starpilot Norick Abe zählt ebenso zum stolzen spanischen Aufmarsch in der Königsklasse wie der Suzuki-Rennstall mit Kenny Roberts, der von der iberischen Telefongesellschaft MoviStar gesponsert wird. Abe und Roberts sprechen zwar kein Spanisch, sind aber trotzdem so gut wie eingemeindet, schon deshalb, weil sie während der Saison in Sitges bei Barcelona residieren.Waren die Spanier zu Nietos Zeiten vor allem in den Schnapsglasklassen vorn, so hat sich das Geschehen längst zum Prestigekampf um die 500er-Krone verdichtet. Neben der Konkurrenz aus den eigenen Reihen sind es dabei vor allem die Italiener, die es zu schlagen gilt. Yamaha-Star Max Biaggi und der zu Honda übergelaufene Valentino Rossi geben sich die Ehre. Dritter im Bunde ist Loris Capirossi im spanischen Team von Sito Pons. Die beiden Supermächte des Motorradsports rasseln mit den Säbeln, und fast könnte man neidisch werden beim Blick nach Süden. Doch die deutschen Grand Prix-Helden, im letzten Jahr ohne einen einzigen Sieg, wittern zumindest bei den 250ern wieder Morgenluft. Ohne Rossi und Capirossi sollte Ralf Waldmann endlich freie Bahn nach oben und bessere Chancen denn je haben, seine lange Karriere doch noch mit einem Titel zu krönen. »Mit der neuen Werks-Aprilia kann ich später bremsen, leichter einlenken und schneller durch die Kurve fahren. Außerdem hat der Motor übers ganze Drehzahlband in einer Art und Weise zugelegt, wie ich das nie für möglich gehalten hätte”, frohlockte der Deutsche.Waldi war schneller als Rossi-Nachfolger Marco Melandri, sieht sich als Nummer eins bei Aprilia und macht kein Geheimnis aus seinen Titelambitionen. «Und sein Teamkollege beschleunigt ihn nur noch mehr”, stellt Stappert zufrieden fest. Denn 125-cm3-Aufsteiger Klaus Nöhles, der mit dem Vertrag im Aprilia Germany-Team und der Betreuung durch den erfahrenen Cheftechniker Sepp Schlögl das große Los zog, steigerte sich bei der ersten Begegnung mit seiner neuen, käuflichen Semi-Werksmaschine Aprilia RS 250 und der Sepang-Piste schnell von 2.20 auf 2.12 Minuten und blieb nur zwei Sekunden unter Waldis Bestzeit. »Das hätte beim letzten Grand Prix für einen Startplatz unter den ersten Zehn gereicht. Allerhand!” lobte Dieter Stappert.Regelmäßige Top Ten-Plätze peilt auch Alex Hofmann an. Weil von den letztjährigen Honda-Privatfahrern nur der super aggressive Australier Anthony West für 2000 eine Werksmaschine erhält, entschied sich auch der Deutsche für eine Aprilia RS 250, um dem Werksfahrerstatus wenigstens einen Schritt näher zu kommen. Bei den traditionellen Jerez-Tests im Februar fühlte sich Hofmann jedenfalls pudelwohl. Er fuhr sofort vorn mit und schaffte auch die Umstellung auf eine Daumenbremse fürs Hinterrad ohne Probleme, um in Rechtskurven mehr Bewegungsfreiheit für den rechten Fuß zu schaffen. »Mein Plan ist, alle Privatfahrer abzuhängen, denn dann lässt mich Aprilia in Zukunft sicher nicht im Regen stehen. Und mein Traum ist es, gelegentlich als bester Deutscher dazustehen - einmal ist mir das im letzten Jahr ja schon geglückt”, schmunzelte er in guter Erinnerung an den Argentinien-Grand Prix, bei dem er Ralf Waldmann frech überholt hatte. An solche Husarenstückchen verschwendet Mike Baldinger derzeit noch keine Gedanken. »Natürlich ist einer wie der Sebastian Porto schneller als ich”, verglich sich der WM-Neuling mit dem Argentinier, der den schlagkräftigen neuen Yamaha-Production Racer beim Saisonfinale 1999 hemmungslos zum vierten Platz getrieben hatte. Doch wenn das neu formierte Kurz-Yamaha-Team mit Ex-GP-Pilot Tex Geissler an der Spitze weiter so schnell Fortschritte macht, dürfte sich der Rückstand bald verringern. »Wir hatten Riesenprobleme mit der Gabel, doch nach zwei Tagen intensiver Arbeit funktioniert sie jetzt einwandfrei. Andere hängen an so einem Dreck die halbe Saison”, meinte der EM-Zweite bei den Jerez-Tests befriedigt.Eine schnelle Standortbestimmung tut auch bei den beiden deutschen 125-cm3-Piloten not. Dank der Hilfe des ADAC haben Steve Jenkner und Reinhard Stolz eine neue Chance, doch im Jahr 2000 müssen Erfolge her, um die Startplätze zu verteidigen und die Sponsoren bei der Stange zu halten.Steve Jenkner versucht sein Glück dabei mit einem Markenwechsel. Nach vier Jahren auf Aprilia bestellte der tapfere Sachse erstmals eine Honda und steigt außerdem von Öhlins- zu White Power-Federelementen um. Reinhard Stolz fährt weiter Honda, kehrte aber seinem ungeliebten italienischen Team, das ihn 1999 stets als fünftes Rad am Wagen behandelt hatte, den Rücken. Jetzt trommelte Stolz ein eigenes, durch und durch bayerisches Team mit Horst Kassner als neuem Cheftechniker zusammen und war in Jerez schon mal eine halbe Sekunde schneller als im Vorjahr. In der 500er-Königsklasse sind deutsche Fahrer und Teams dagegen Fehlanzeige. Markus Ober wurde für die Saison 2000 nicht als Starter akzeptiert, das deutsch-schweizerische MZ-Weber-Team ist Ende 1999 sang- und klanglos auseinander gefallen. Motorenfabrikant Albert Weber und die Schweizer Compro AG als Teambesitzerin drehten den Geldhahn zu, Teammanager Rolf Biland scheiterte bei der Suche nach neuen Sponsoren. Statt im Schweizer Burgdorf wird die Zukunft des MZ-Rennsports nun direkt im Werk in Zschopau geplant. »MZ arbeitet an einem eigenen Team”, bestätigt Geschäftsführer Petr-Karel Korous. Dass der Name MZ vorläufig nicht auf der offiziellen Nennliste erscheint, liegt am Tauziehen hinter den Kulissen. Denn alle Versuche, die im März 1999 in den Besitz der Compro AG übergegangenen GP-Motorräder zurückzukaufen, scheiterten laut Korous an überhöhten finanziellen Forderungen und «nicht annehmbaren Vertragsbedingungen”. Jetzt will MZ die Maschinen selbst bauen.

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