Grand Prix Welkom/Südafrika (Archivversion) Der kleine Prinz

Der kleine Australier Garry McCoy demütigte die großen Halbliter-Könige beim WM-Start in Südafrika mit spektakulären Drifts.

Noch am Samstagabend vor dem ersten 500er-Grand Prix der Saison behauptete Carlos Checa, die neue Yamaha habe so viel Traktion beim Beschleunigen, dass man sie nicht mehr mit dem Hinterrad steuern könne. Die anderen Stars der Halbliterklasse schienen das Gleiche zu denken. Denn als Garry McCoy, aus der dritten Reihe gestartet und bis zur Hälfte der Distanz im Mittelfeld versteckt, auf Angriff schaltete, brach jede Gegenwehr zusammen.In zwölf Runden stürmte der xx-jährige Australier um zehn Plätze nach vorn an die Spitze, und während seine Konkurrenten relativ brav Vorder- und Hinterrad in der Spur hielten, traktierte McCoy die Welkom-Strecke wie eine Dirt Track-Piste. Quer hinein in die Kurve und mit herzhaft aufgerissenem Gasgriff und qualmendem Hinterreifen wieder heraus, bis er seine spektakuläre Fahrt zum ersten Halbliter-Sieg mit einem langen Wheelie krönte.Die Zuschauer wie auch sicherlich die meisten Beobachter am Fernsehen waren außer Rand und Band. Ein krasser Außenseiter, der eine ganze Reihe der großen Favoriten nicht mit höherer Motorleistung, sondern mit radikalem Drehen am Gasgriff hinweggebügelt hatte. Die Honda-Stars Tadayuki Okada, Sete Gibernau und Valentino Rossi blieben wegen Stürzen, Yamaha-As Max Biaggi wegen einer Muskelzerrung und Reifensorgen auf der Strecke. Die anderen Weltstars wurden abgeledert – von einem entfesselten McCoy und den nicht viel höher gesetzten Carlos Checa und Loris Capirossi, die sämtliche Vorhersagen über den Ausgang des ersten Rennens über den Haufen warfen. »Im Titelkampf bedeuten diese drei auf dem Podium wohl kaum eine Gefahr”, trösteten sich die Gedemütigten wie Weltmeister Alex Crivillé, der sich noch hinter Alex Barros mit Platz fünf begnügen musste. Doch völlig egal, wer im Oktober zum Weltmeister gekrönt wird, McCoys Siegfahrt in Welkom wird für immer eine Grand Prix-Legende bleiben. Er ist vom gleichen Schlag wie der furchtlose Draufgänger Kevin Schwantz, nur klopft McCoy keine so großen Sprüche. Und was seine Story noch spannender macht, sind seine Drifts und Wendungen abseits der Rennstrecke.McCoy schlug sich stets auf eigene Faust durchs Zickzack des Lebens und ist vor allem bei deutschen Fans kein Unbekannter. Von Exweltmeister Barry Sheene als Driftkünstler bei lokalen Veranstaltungen in Australien entdeckt und im Team des damaligen deutschen agv-Importeurs untergebracht, tauchte McCoy 1993 erstmals in Europa auf. Ein Jahr später holte er in Australien und Österreich 125er-WM-Podestplätze. Weil das Motorrad aber nicht immer optimal lief, desertierte der enttäuschte McCoy zusammen mit seinem Fahrwerksspezialisten Mario Rubatto noch vor Saisonende und scheiterte beim Versuch, als Ersatzfahrer im Aprilia-Werksteam unterzukommen.1995 kehrte er im »Team Europa” auf einer Honda zurück und bescherte Teamchef Mario Rubatto in sintflutartigem Regen von Malaysia einen Überraschungssieg. Doch schon beim Europa-Auftakt in Jerez fiel die Truppe wegen eines lächerlichen Streits zwischen Rubatto und dem Team-Physiotherapeut auseinander, und McCoy stand abermals auf der Straße. Erst 1996 schien er dauerhaft in der WM Tritt zu fassen. Der sprachbegabte Australier unterschrieb für das italienische 125er-Aprilia-Team Alfa Bieffe und krönte eine mittelprächtige Saison mit dem zweiten Sieg seiner Karriere in Australien.Ein Jahr später wurde er dort WM-Siebter, und als er 1998 vom neuen australischen Shell Advance-Team für die 500er-Klasse angeheuert wurde, schien er den lang ersehnten Durchbruch endlich geschafft zu haben. »Ich wollte immer schon die großen, die richtigen Motorräder fahren. Schnelle, starke Maschinen sind meine Passion – wie die CR 500, mit der ich mich zu Hause auf der Moto Cross-Piste fit halte. 125er waren für mich immer nur der Einstieg. Die einzige Chance, mir einen Namen zu machen”, hält McCoy fest.Wer den schmächtigen Jungen für einen geborenen 125er-Piloten hielt, wurde schon in jenem Jahr eines Besseren belehrt. Trotz krass unterlegener Motorleistung wurde er mit dem Zweizylinder-Production Racer einmal Zehnter und zweimal Elfter, doch ein Beinbruch beim Training in Brünn bremste seinen Tatendrang abermals. Und als er für 1999 keinen Startplatz erhielt, stand er schon wieder vor dem Nichts.Monatelang vertrieb er sich die Zeit mit Moto Cross-Fahren und hatte sich im Juni bereits entschlossen, einen »normalen Job” zu suchen. »Mein Onkel hat eine kleine Firma, die Garagen-Rolltore montiert, und wir einigten uns auf das Datum, an welchem ich anfangen sollte. Zwei Tage vorher kam dann der Anruf«, erinnert sich McCoy. Peter Clifford war in der Leitung, einst Journalist und nun Manager des Red Bull-Yamaha-Teams, der einen Nachfolger für den auf Michelin-Reifen gescheiterten Simon Crafar suchte. Während andere Teams verzweifelt nach siegfähigen Fahrern Ausschau hielten und verbrauchte Alt-Stars mit Millionen lockten, erinnerte sich Clifford an den mutigen Australier. McCoy kam nach Assen, holte beim allerersten Kontakt mit einer V4-500er den 15. Platz und steigerte sich danach weiter mit dramatischem Tempo – bis hin zu jenem Valencia-Grand Prix, bei dem er direkt hinter seinem Teamkollegen Regis Laconi den zweiten Platz erbeutete.Die Show, die er mit seinen Drift- und Beschleunigungsorgien und langen, schwarzen Gummispuren auf dem Asphalt aufführte, war über alle Kritik erhaben, und McCoys lapidare Art, seinen Fahrstil als die natürlichste Sache der Welt darzustellen, machte die Heldensaga nur noch besser. »Für mich war das Wichtigste, keine Dummheiten zu machen und jedes Sturzrisiko zu vermeiden”, erklärte McCoy in der Siegerpressekonferenz und erntete eine Lachsalve der erschöpften Journalistenschar, die seinen Parforceritt mit Herzklopfen am Monitor verfolgt hatte. Doch McCoy meinte, was er sagte. »Ich bin jahrelang Speedway gefahren. Solche Drifts sind für mich die natürlichste Sache der Welt. Ich fühle mich wohl dabei”, beteuerte er.Das Einzige, was dem Späteinsteiger 1999 gefehlt hatte, war, die Kraft des durchdrehenden Hinterrads auch tatsächlich in Vortrieb umzuwandeln. »Wir brauchen mehr Traktion«, verlangte McCoy. Hamish Jamieson, einst Cheftechniker des australischen Stars Daryl Beattie, und Michelin fanden die Lösung: McCoy rückte in Welkom mit einem 16,5 Zoll-Hinterrad aus, das in Schräglage mehr Gummi auf den Asphalt bringt als die gewöhnlichen 17-Zöller und laut McCoy auch die Lenkfähigkeit verbessert. Beim Saisonauftakt hatte der neue Yamaha-Star diese Dimension noch exklusiv – doch bei den nächsten Rennen wird die Konkurrenz wohl um solche Reifen Schlange stehen.

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