Güttner, Siegfried: Porträt zum Ruhestand (Archivversion) Einmal um die ganze Welt

Sigi, den jeder für einen Ur-Schwaben hält, stammt eigentlich aus Breslau. Sein Hochdeutsch legt er ab 1947 systematisch ab. Da war er, zehn Jahre jung, in Nürtingen angekommen - das Ende einer Flüchtlingsodyssee. Bei Metabo lernte er Mechaniker und an der Solitude, damals GP-Kurs, die Rennerei lieben. Das erste Geld reichte für NSU Pony, das zweite für ‘ne Fox, aber ein »richtiges« Motorrad, eine 650er-BSA, legte er sich erst 1960 in Australien zu. »Ich musste weg von zu Hause.« Weiter weg jedenfalls als der Bruder, den es von der Schweiz allwochenendlich nach Hause trieb. Am anderen Ende der Welt schaffte Siggi zunächst gut schwäbisch beim Bosch. Dann, als die Konjunktur abflachte, zog Sigi in die Snowy Mountains - Pionierarbeit leisten bei der Erschließung der heutigen Touristenregion. Dort traf er einen Amerikaner, was Sigi auf die Idee brachte, es doch mal in den USA zu versuchen. Gesagt, getan und in Frisco und Aukland ein Jahr lang als Mechaniker gejobbt und 200er-Ducati gefahren.1963 dann retour nach Deutschland. »Ich komme wieder zurück, hatte ich meiner Mutter geschworen.« Sigi hält, was er verspricht, entschwand nach einem Jahr aber schon wieder über den Großen Teich. Diesmal Detroit. Wo er sein erstes Rennmotorrad kaufte - Bultaco TSS 200 – und anno 1965 seine Rennfahrerkarriere startete. »Stopp«, sagt da der Sigi. »Ich bin Sport-, kein Rennfahrer. So wie andere wandern gehen, bin ich im Kreis herumgefahren.« Zunächst in Kanada, dann auch in den USA. Der Newcomer - mit 28 nicht gerade der Jüngsten einer - machte schnell auf sich aufmerksam. Mit seinem ungeheuer gelassenen Fahrstil - ästhetisch, blitzsauber und mit atemberaubenden Schräglagen. »Ich fahr’ halt so, und zwar schon immer«, meint der Sigi, »das ist irgendwie angeboren, kann man nicht lernen.« »Easy goin’ Fred« nannten ihn die Amis, weil ihnen Siegfried nur schwer von den Lippen geht und weil bei ihm alles so leicht und spielerisch aussieht. 1966 schloss er mit Kenny Roberts Bekanntschaft, als Sigi beim Versuch, ihn beim 250er-Rennen in Laconia auszubremsen, den Abflug machte. Sein spektakulärster Erfolg: Mit seiner 350er-Yamaha holt er in Daytona im 750er-Rennen (!) einen glorreichen fünften Platz. Einen Rang vor ihm: ein gewisser Phil Read.Als Sigi 1974 nach Deutschland übersiedelte, wollte er dort »so gut und selbständig leben wie in den USA«. Rennen zu fahren gehörte unbedingt dazu. Und Zweiter in der DM war so schlecht nicht. Wie der Zufall so spielt: »In Hockenheim hat mich ein MOTORRAD-Redakteur gefragt, ob ich nicht für die Zeitschrift arbeiten wolle.« Sigi wollte. Hat fortan fast jedes Motorrad gemessen, jeden Reifen getestet. Und schüttelt bis heute den Kopf über die jüngeren Kollegen mit ihrem neumodischen Hanging-off. Er zeigt ihnen, wie der Bartel den Most holt. Mit dem Knie am Tank.

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