Gustav Reiner ist gestorben (Archivversion) Aus einer anderen Zeit

Schwer zu sagen, in welchem Jahr Gustav Reiner selbst rückblickend den Höhepunkt seiner Motorradsport-Karriere gesehen hätte. War es 1979, als er Deutscher 500er-Meister wurde und mit Platz vier in Belgien sein bestes WM-Resultat erreichte? In einem Rennen freilich, bei dem nur elf Piloten angetreten waren und das ein gewisser Dennis Ireland aus Neuseeland gewonnen hatte, während sonst unerschrockene Weltstars wie Barry Sheene, Randy Mamola oder gar der holländische Haudegen Boet van Dulmen den Start verweigert hatten, weil die frisch asphaltierte Strecke in Spa-Francorchamps spiegelglatt war. Was eindeutige Rückschlüsse auf die Kompromisslosigkeit des Mannes zuließ, von dem deutsche Rennfans ehrfurchtsvoll als »Kamikaze-Gustl« erzählten.
Oder war es 1986, als der Bietigheimer Betonbauer erneut Deutscher Halb­litermeister wurde und, wie schon ein Jahr zuvor, Gesamt-14. der 500er-WM? Oder doch 1981? Da durfte er beim tschechischen 350-cm³-Grand-Prix als Dritter zum ersten und einzigen Mal ein WM-Siegertreppchen hochklettern.
Wie dem auch sei: 1981 zählte Gustav Reiner 28 Lenze, war so alt, wie Valentino Rossi mit seinen 135 Podestplätzen, 88 GP-Siegen und sieben WM-Titeln heute ist. Ein Hinweis darauf, dass Reiner zu einer Rennfahrergeneration gehörte, die ihren Sport unter für heutige 17-jährige GP-Youngster unvor­stellbaren Bedingungen betrieb. Sechsstellige Sponsorbeträge? Fette Wohnmobile? Grand-Prix-Anreise per Flugzeug? Rennfahrer als Fulltime-Job? Pustekuchen. Wer Rennen fahren wollte, musste dafür arbeiten und sein Sparschwein verhungern lassen. Der Schwabe Reiner hat nie was fürs »Häusle baua« auf die Seite gebracht.
Soll niemand glauben, dass deshalb im Fahrerlager flächendeckend Trübsal geblasen wurde. Da wurden genügend Späße gemacht, und je derber sie ausfielen, desto wahrscheinlicher war, das Gustav Reiner damit zu tun hatte – »der Mann, der barfuss Funken schlägt«, wie er sich bisweilen selbst vorstellte.
Seinen Humor hat er trotz der zahlreichen Sturzverletzungen, denen er den »Kamikaze«-Titel verdankte, bis zuletzt nicht verloren. Am 24. November starb er mit 54 Jahren an Herzversagen im schwäbischen Bietigheim-Bissingen.Andreas Schulz

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