Guzzi-Verkauf (Archivversion) Weiche Landung

Lange kreiste der Pleitegeier bedrohlich über dem Guzzi-Werk am Comer See. Jetzt muss sich das ausgehungerte Vieh ein neues Ziel suchen. Aprilia übernimmt Guzzi ­ und alles wird gut. Hoffentlich.

Guzzi ist gerettet. Rund 85 Millionen Mark zahlte Aprilia-Chef und Alleininhaber Ivano Beggio für die Traditionsfirma. Übernahm außerdem die Schulden, die sich auf rund 50 Millionen Mark belaufen. Damit nicht genug: Um das veraltete Werk in Mandello del Lario wieder auf Vordermann zu bringen, sind noch mal 50 Millionen fällig. Doch Käufer Beggio ficht das nicht an. Er will schnell und viel investieren, um Guzzi rasch in die schwarzen Zahlen zu bringen. Am Geld sollte es nicht scheitern: Aprilia machte 1999 einen Umsatz von 1,2 Milliarden Mark, ist nach Piaggio der zweitgrößte Zweiradhersteller Europas. Der weitaus größte Teil der 310 000 Zweiräder, die Aprilia im letzten Jahr baute, sind allerdings Roller. Und das ficht Beggio schon deutlich mehr an. Sein Ziel heißt, sich vom großen Rollerproduzenten zum bedeutendsten europäischen Motorradhersteller zu mausern.Da kommt Guzzi gerade recht. Die Ehe mit Aprilia scheint für beide Firmen ideal: Moto Guzzi bringt eine lange Geschichte und jede Menge Mythos mit, befindet sich aber im Würgegriff veralteter Technik und desolater Finanzlage. Aprilia dagegen hat jede Menge Geld und modernste Technik in den Werken und Entwicklungszentren im Veneto, sehnt sich dafür aber nach dem historischen Unterbau.Von den möglichen Bewerbern um die Hand der angejahrten Braut Moto Guzzi ist Aprilia mit Sicherheit die beste Wahl. Zu den Freiern gehörten außerdem Ducati und Piaggio. Ducati, um seine Modellpalette in Richtung Custom und Cruiser auszudehnen, Piaggio, um neben der Roller- eine Motorradproduktion als zweites Standbein aufzubauen. Doch weder Ducati noch Piaggio wollten so viel zahlen wie Beggio. Und beide hätten wahrscheinlich das Werk geschlossen und nur den Markennamen behalten. So herrscht denn in Mandello derzeit Erleichterung, von den 304 Angestellten bis hin zum Chef. Gewerkschafter Alberto Anghileri: »Wir sind zu jeder Kooperation bereit.« Sogar Guzzi-Chef Mario Scandellari zeigt sich zufrieden, auch wenn sein Job am meisten in Gefahr ist. »Das ist genau das, was Guzzi jetzt braucht. Einen tatkräftigen Unternehmer wie Beggio, der Entscheidungen allein treffen kann und nicht die Zustimmung von Aktionären braucht.«Denn von Aktionären hat man in Mandello die Nase voll. Schließlich waren es die überwiegend amerikanischen Share-holder der Muttergesellschaft Moto Guzzi Corporation, die den Adler fast zum Absturz gebracht hätten. Endlose Streitereien und gekränkte Eitelkeiten führten dazu, dass sich die Aktionäre gegenseitig blockierten und Investitionen unmöglich machten. Eine untragbare Situation, die sich fast vier Jahre lang hinschleppte. Erst als die Verluste bei Guzzi besorgniserregende Ausmaße annahmen, einigten sich die Aktionäre darauf, einen solventen Käufer zu finden.Bleibt die spannende Frage, was Ivano Beggio mit seinen beiden Firmen vorhat. Eine Verschmelzung wird es nicht geben, dafür werden die oft strapazierten Synergien bemüht. Die betreffen zum einen die Zulieferer, bei denen man günstigere Konditionen aushandeln kann, wenn die Stückzahlen höher liegen. Zum anderen sind Änderungen in der Motorenproduktion wahrscheinlich. Aprilia verfügt über Europas modernstes Entwicklungszentrum für Motorradmotoren, lässt aber derzeit bei Rotax fertigen. Was liegt da näher, als die Produktion ins 250 Kilometer entfernte Guzzi-Werk in Mandello zu verlagern? Nach der Modernisierung der Produktionsanlagen, versteht sich.Die Modellpalette der beiden Marken wird sich kaum überschneiden. Aprilia soll weg vom Roller-Image und hin zu den sportlichen, großvolumigen Motorrädern. Die jüngsten Erfolge in der Superbike-WM schaffen da gute Voraussetzungen. Guzzi dagegen soll auf Tradition setzen. »Ich kann mir vorstellen, dass Guzzi sich in einiger Zeit in der Nähe von BMW wieder findet«, sagt Beggio. »Mit klassischen Motorrädern, die allerdings sportlicher sein werden als die aus München.« Das wird man bei BMW mit Interesse vernehmen. Schließlich hatte man dort Guzzi als uninteressant deklassiert. Offenbar wollte sich BMW nach dem englischen Patienten Rover nun nicht einen italienischen ans Bein binden.

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