Habsburg-Lothringen, Karl von: Porträt (Archivversion) Kaisers neue Kleider

Der Enkel des letzten Kaisers von Österreich, Karl von Habsburg-Lothringen, thront leidenschaftlich gern auf seinem Sportler. Und mischt als einer von 626 Parlamentariern in der Europapolitik mit.

Wenn Habsburgs früher im Vierspänner durch Wien kurvten, machte der Plebs untertänigst Platz. Noch Franz Joseph I, der bis 1916 als Kaiser von Österreich, König von Ungarn und Monarch einer langen Liste von Ländern regierte, konnte von Böhmen bis zur Adria kutschieren und blieb doch in seinem Reich. Wenn es den Enkel des letzten Kaisers in der Gashand juckt und Karl von Habsburg-Lothringen durchs republikanische Salzburg düst, grüßen ihn höchstens die anderen Biker. Vorfahrt hat er auch nicht. Im Verkehrsgetümmel bevorzugt der älteste Sohn der Dynastie deshalb Motorräder. »Es ist das Gefühl für Geschwindigkeit, die Beweglichkeit und Unabhängigkeit, die mir unheimlich Spaß machen.« Spricht´s und fährt in Jeans, Nietengürtel und Turnschuhen zum Harley-Händler, wo er sich eine Buell leiht. Nebst Jacke, Helm. Und zwei linken Handschuhen. Für einen Konservativen nicht der rechte Fingerzeig. Doch nachdem aus den Handwärmern doch noch ein Paar wird, drückt der 37jährige gelassen auf den Startknopf.»Meine eigene Maschine, eine Yamaha FZ 750, ist zur Zeit kaputt«, sagt er. Das Bollern aus den Auspufftüten quittiert er mit einem verzückten Grinsen, doch seine 194 Zentimeter falten sich einfach nicht paßgerecht auf den Bock. Trotzdem lächelt er artig für den Fotografen. Der potentielle Thronerbe ist Medienprofi: Er moderierte ein Jahr lang eine Quizshow im TV. Was seine hochadlige weitverzweigte Verwandtschaft ungehörig fand. Übrigens auch der österreichische Fernsehrat. Der jedoch kritisierte die kostenlose Werbung für einen Politiker. Lange vor dem Auftritt auf dem Brüsseler Parkett begann der Kaiser-Enkel mit dem Biken. Mit Anfang 20 knatterte er allein mit seiner 500er Einzylinder-Honda nach Spanien und Marokko. Weil er in nobleren Hotels nächtigte, durchlitt er in verdreckten Klamotten manch Spießrutenlauf von der Tür zur Rezeption. Das Zimmer aber war dem Habsburger sicher. Anfang der 80er Jahre, als das Schmuddelimage vom Biker noch tief saß, galt Kradeln nicht als standesgemäß. Mit Peter Fonda kann sich Karl von Habsburg-Lothringen dennoch nicht identifizieren. »Ich mag Easy Rider nicht, weil der Film jegliche Form der Wertvorstellung in den Schmutz tritt.« Ein Rebell war er nie. Für den Stammhalter bleibt eins wichtig: »Daß meine Eltern unterstützen und akzeptieren, was ich mache. Dann ist mir völlig wurscht, was andere sagen.« So spulte er mit dem Segen des Papas rund 100 000 Kilometer ab, kaufte sich nach der Honda eine Yamaha XV 750, deren Elektrik marode war. »Aber ich hatte sie trotzdem wahnsinnig gern.« Und fährt seit acht Jahren eine FZ 750. Auf die neuesten High-Tech-Produkte verzichtet er lieber. »Die Maschine entspricht meinen Ansprüchen.« Bislang fiel er auch noch nie vom Stahlroß: »Ich habe mich nur ein einziges Mal ernsthaft verletzt, als ich das Motorrad geschoben habe. Ich bin ausgerutscht und hingefallen. Das Motorrad hat mir mit der Fußraste die Kniescheibe zertrümmert. Da ist nicht mal der Motor gelaufen.« Von dieser »idiotischen Geschichte« mal abgesehen, wie er sie nennt, stieß ihm nichts Gravierendes zu. Obwohl er schon mal in Afghanistan entführt wurde. »Das passiert aber jedem dort.« Ganz Diplomat, bog er die Geiselnahme in eine Einladung zum Abendessen um. Dank Glück, der richtigen Vorbereitung - einschließlich Koranstudium - und seiner Einstellung. Der Berufspilot und Fluglehrer haßt unkalkulierbare Risiken. »Ich bin wesentlich lieber ein paar Sekunden feige.« Seit 1996 sitzt er für die konservative ÖVP im Europaparlament. Auch dabei tritt er in die Fußstapfen des Vaters, Otto von Habsburg, der seit 1979 die bayerische CSU in Brüssel repräsentiert. Für den Sohnemann kam nie eine andere Karriere in Frage. »Wir sind seit 800 Jahren Berufspolitiker.« Im Parlament unterstützt er die Föderation europäischer Motorradfahrer (FEMA). »Die in Brüssel sind viel zu monoman auf Auto und Schiene eingestellt. Nur weil Motorradfahren kein echter Massensport ist, sollen Rechte eingeschränkt und alles reglementiert werden. Das ist für mich nicht akzeptabel.« Motorradfahren gilt ihm als Ausdruck des Individualismus. »Das ist zweifellos auch eine politische Aussage. Irgendwo.« Denn der Habsburger will die Rechte des einzelnen schützen. So steht´s in den Leitlinien der Paneuropabewegung, der er in Österreich als Präsi vorsitzt, während der Papa international der Chef ist. Christlich, konservativ, freiheitlich und europäisch heißt es im Grundsatzprogramm. Demokratisch fehlt in der Aufzählung. Aber Karl von Habsburg-Lothringen grenzt sich energisch gegen Reaktionäre ab. »Das Bewährte und ewig Gültige« in dem Programm stellt für ihn die Institution der Familie dar.Die Bewegung spricht sich aber auch für eine »neue saubere und anständige Politik« aus. Nur Pech, daß die Zollbehörden ihn bei der Einreise nach Österreich mit einem Diadem im Flugzeug erwischten. »Ich bin überhaupt nicht auf die Idee gekommen, daß ich das angeben muß.« Gegen das ergangene Gerichtsurteil will er Berufung einlegen. Der Grund: »Das ist eine Politschikane. Als Habsburger werde ich 100 Prozent anders behandelt.« Der Großherzog von Österreich darf in der Republik seinen Adelstitel nicht führen. Daß er noch mal Monarch wird, glaubt er selbst nicht ganz, spricht aber von einer persönlichen Verpflichtung, wenn es soweit käme. »Ich bin auch glücklich, wie es ist. Ich kann einen Esel einen Esel nennen und muß ihn nicht mit Exzellenz ansprechen.« Sagt´s und schwingt sich auf die Buell. »Meine FZ gefällt mir doch besser. Die dreht höher.“

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