Hallentrial Koblenz (Archivversion) Schattenkabinett

Ein Schattendasein, so will es zumindest unser Zeitgeist, ist momentan nicht gefragt. Denn nicht nur die Qualität der Dinge ist für deren Akzeptanz entscheidend, sondern wie laut und penetrant Interessenten, Fans und Öffentlichkeit damit konfrontiert werden. Je polternder und aufdringlicher, desto größer die Chance, nicht im riesigen Meer der Informationen zu versinken. Doch manchmal läßt gerade die Stille und Einsamkeit abseits des gleißenden Scheinwerferlichts so manchen Sproß erst gedeihen. Bestes Beispiel: die Hallentrial-Szene. Noch bis zum letzten Jahr applaudierten die hiesigen Gleichgewichts-Fetischisten im wesentlichen nur einem Veranstalter - dem ADAC Nordbaden, der jeden Februar die weltweit nobelsten Trialisten in die Messehalle von Sinsheim lockte. Doch nicht alle folgten dem Lockruf des Geldes. Mangels zahlungskräftiger Sponsoren segnete das Sinsheimer Edel-Trial nach drei kurzen Lebensjahren inzwischen das Zeitliche. Und siehe da, es gab sie doch, die Veranstalter, deren Pflänzchen im Schlagschatten des Erfolgs erstaunlich feste Wurzeln gebildet hatten. Beispielsweise das Indoor-Trial in Koblenz. Noch vor fünf Jahren mußten die Trialer in einer zweckentfremdeten Omnibushalle ihrem akrobatischen Job nachgehen, heute bietet der Veranstalter MSF Winningen dem Volk der Zweirad-Artisten eine weit mondänere Spielwiese - die 3000 Zuschauer fassende Sporthalle im Koblenzer Stadtteil Oberwerth. Ein Platz, wie geschaffen für die weltbesten Trialer. Nein, vielleicht doch ein bißchen zuviel der Ehre für die moderne Sporthalle. Aber doch eine Arena für ihn - Doug Lampkin, im letzten Jahr viertbester Motorrad-Turner der Welt und Paradepferd des Koblenzer Starterfeldes. Und, Hand aufs Herz, wer sonst hätte den Drahtseilakt im Rheintal gewinnen können, wenn nicht der Sproß einer ebenso legendären wie erfolgbesessenen Trial-Familie? Vater Martin war 1973 und 1975 selbst Trial-Europa- beziehungsweise Weltmeister, und Onkel John, früher ebenfalls Spitzentrialer ist heute britischer Importeur von Dougies Untersatz, der italienischen Beta. Ums vorwegzunehmen - er siegte denn auch. Vor dem mit 19 Jahren gleichaltrigen Finnen Joachim Hindren, einem Milchgesicht aus der Nähe von Helsinki, der es nach seinem zweiten Platz äußerst eilig hatte, wieder gen Norden zu kommen. Spätestens Dienstag morgen mußte sich der Schüler nämlich wieder im heimatlichen Gymnasium melden - zum schriftlichen Abitur. Platz drei belegte Lampkins Graham Jarvis, der mit der Scorpa in seiner ersten WM-Saison 1995 auf Anhieb gefallen konnte. In Koblenz haderte der 20jährige jedoch mit seiner nicht vorhandenen Indoor-Erfahrung und hätte sich gegen den einzigen Deutschen im Finale der besten Vier, den dreifachen deutschen Meister Jens ter Jung, bestimmt lang machen müssen. Hätte. Denn trotz objektiven Erfolgs als amtierender deutscher Hallenmeister konnte sich der 25jährige Siegerländer nach eigenem Bekunden noch nie für die brisante Mischung aus Sport und Show unterm Hallendach erwärmen. Sprachs und belegte seine Zweifel mit unfreiwilligen Taten. An einer zügig gefahrenen Abfolge von im Abstand von zwei Metern positionierten Podesten sprang der Routinier eine halbe Motorradlänge zu kurz, knallte mit der Motorschutzplatte an die Podestkante und überschlug sich fürchterlich. Glück im Unglück: Ein gebrochenes Schlüsselbein und ein Schock waren die vergleichsweise glimpfliche Bilanz des Horror-Crashs. Zum Glück, denn den dadurch vorbestimmten Verriß in den Medien hätte gerade das Indoor-Spektakel an Rhein und Mosel nicht verdient gehabt. Zumal das Koblenzer Hallentrial mit einer sympathischen Organisations-Crew, einem liebevoll präparierten Parcours und einer originellen Präsentation beweist, daß offensichtlich nicht nur laute Töne zum Erfolg führen. Bereits im kommenden Winter werden die weltbesten Trialisten einen terminlich gestrafften und sportlich aufgewerteten Indoor-Trial-Weltcup ausfechten. Eine dieser künftigen acht Top-Adressen: Koblenz-Oberwerth.

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