Hallentrial-WM in Koblenz (Archivversion)

Stammhalter

Für sie ist kein Fels zu steil, kein Stamm zu hoch. Trialprofis definieren den Begriff Ideallinie nach ganz eigenen Vorstellungen – erst recht, wenn´s bei den Besten der Besten um WM-Punkte geht.

Die Bassboxen dröhnen, farbige Lichtorgeln verwandelen die Halle in ein flackerndes Farbenmeer. Plötzlich Licht aus, Spot an. Da stehen sie, lassen den tosenden Applaus in der ausverkauften Halle genüsslich über sich ergehen: die Besten der Besten, die Crème de la Crème, die Chefs in den Trialsport-Ringen dieser Welt. Graham, Takahisa, Marc, Adam, Albert und Doug. Nachnamen braucht´s kaum mehr, denn die Fans kennen sie schon, die Herren Jarvis, Fujinami, Freixa, Raga, Cabestany und Lampkin – zumindest die in der Koblenzer Sporthalle. Denn längst ist es selbstverständlich, dass sie allesamt da sind. Jedes Jahr Anfang Januar zur Hallentrial-WM. Und meist kennen die Fans auch den Sieger. Schon im Voraus: ihr Doug. Zu souverän wandelte der Brite auf dem schmalen Grat der gehobenen Balancekünste, um jemals irgendwen vorlassen zu müssen. Bis vor genau einem Jahr in Koblenz, dem Abend des jungen Albert. Senor Cabestany war es, der kräftig am Sockel des Trial-Denkmals rüttelte. Albert gewann, Doug kochte vor Wut – nicht nur im Rheintal. Denn Albert hielt durch. Zwei Monate später war der Indoor-WM-Titel seiner. Seither ist Doug noch mehr er selbst, der Mann mit dem grenzenlosen Ehrgeiz, der Mann, der nicht ruht, bis er ganz oben steht. Seitdem haben die Manxmen ihren prominenten Klettermaxen nicht mehr oft auf der Insel gesehen. Und die neuen Nachbarn im spanischen Molins del Rei, nahe Barcelona, wo sich Dougie unlängst ein Haus kaufte, wohl auch nicht. Doug trainierte wie besessen, holte lässig den sechsten Outdoor-WM-Titel in Folge - und trainierte weiter. Derart verbissen, dass der Montesa-Werkspilot sichtlich abgemagert mit Papa Martin, 1975 selbst Weltmeister der Disziplin, als Mentor in die großstädtischen Arenen zurückkehrte. Doch die Psyche litt unterm Hallendach offensichtlich noch immer. Wieder muste sich Dougie beugen. Beim WM-Auftakt in Andorra dem erst 20-jährigen Spanier Adam Raga, im heimischen Sheffield wieder mal Albert Cabestany. Doug wusste, es ist Zeit, zu handeln. Und er wusste, dass Koblenz – vergessen sei die Ausgabe 2002 – schon immer sein Ding war. Denn am Rhein mag man´s knifflig. So, dass nicht Flüchtigkeitsfehler entscheiden, sondern die wirklich dicken Brummer. Wie in Sektion vier beispielsweise. Ein paar Baumstämme, querliegend, ein, zwei Meter Abstand. Als ob die nötigen 90-Grad-Drehungen in der Luft noch nicht kompliziert genug wären, wartete am Ende dieser Hammer. Ein liegender Stamm, zwei stehende Stämme, dazwischen fünf Meter nichts. Punktlandung auf drei Metern Höhe oder Absturz. Die Profis schrabbten reihenweise an der Rinde herunter, während ihre Helfer verzweifelt wenigstens die gerade mal 70 Kilo schweren Zweitaktmaschinen vor dem Absturz retten konnten. Nur Doug landete satt - und Albert. Doch Doug mag Albert nicht. Adam und Marc ebenso wenig. Schon deshalb, weil die Jungs, die übrigens wie die gesamte spanische Trial-Armada aus der Gegend um Barcelona stammen, ihn genauso von ihren lokalen Trainingsrevieren fernhalten wollen wie in der kommenden Saison auch aus ihrer heimischen Meisterschaft. Sollte man potenzielle Champions prinzipiell nicht reizen, dann erst recht nicht mit Intrigen. Denn allein deshalb gab Dougie alles. Natürlich: Mal brillierte Albert in den Lavasteinen, mal bekletterte Adam das kunstvoll als Sektion aufgebaute, fast fünf Meter hohe Logo des Hauptsponsors Media-Markt fehlerfrei, mal glänzte Marc in den Wasserbecken. Doch letztlich lieferten die Katalanen nur die Blitze zum vernichtenden Gewitter, das Doug auf sie hereinbrechen ließ. Je gespannter die Situation, desto mehr verwandelte der Champion das Flutlicht-illuminierte Terrain in seinen ganz persönlichen Abenteuer-Spielplatz, auf dem die bösen Nachbarn nur spielen durften, wo es der Bandenführer erlaubte. Und er lächelte erst dann, als er allen gezeigt hatte, dass Trialsport auf diesem Niveau nur was für die Profis unter den Profis ist.Was offensichtlich ebenso für die meisten anderen Facetten der Indoor-WM gilt. So entschied der spanische WM-Promoter Esedos, die beiden besten deutschen Trialer, den deutschen Meister Andi Lettenbichler samt Kronprinz Carsten Stranghöner kurzerhand von der ranghohen Begegnung auszuladen. Auch der Veranstalter des ursprünglich für Februar geplanten zweiten deutschen Indoor-WM-Auftritts in Bremen hisste angesichts des nötigen Etats von rund 150 000 Euro die weiße Flagge und sagte die Edel-Kletterpartie ab. Und Lampkins Meinung sind seit dem Samstagmorgen vor der Veranstaltung möglicherweise auch die Motorsportfreunde Winningen als Ausrichter des Koblenzer Spektakels. Schließlich streckte ausgerechnet Organisationschef Jörg Hennig, zudem Vermarkter, Sprecher und Vordenker in Personalunion, der nervliche Druck der selbst gewählten Perfektion nachhaltig nieder. Zwar fand sich kurzfristig ein Ersatzsprecher, ihre Grenzen wurden der begeisterten Truppe von der Mosel aber damit deutlich aufgezeigt – und den Fans die Tatsache, dass Top-Niveau nicht selbstverständlich ist. Nicht einmal in Koblenz.
Anzeige

Hallentrial-WM Koblenz (Archivversion)

1. Doug Lampkin (GB) Montesa, 14 Strafpunkte, 2. Albert Cabestany (E) Beta, 22, 3. Adam Raga (E) Gas Gas, 24, 4. Marc Freixa (E) Montesa, 24, In der Vorrunde ausgeschieden: 5. Takahisa Fujinami (J) Montesa, 6. Graham Jarvis (GB) Sherco, 7. Sam Connor (GB) Gas Gas, 8. Tadeusz Blazusiak (PL) Gas Gas;WM-Stand nach drei von zwölf Veranstaltungen:1. Lampkin, 54 Punkte, 2. Raga, 50, 3. Cabestany, 47,

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote