Hallentrial-WM Koblenz (Archivversion) Der Holzweg

Über den Unterschied von Fußgängern und Motorradfahrern, die Verbundenheit von Trialern und Kindern. Oder: Warum erst strategisches Fußeln den Weg zum Sieg ebnet.

Normalerweise gewinnt das Motorrad: Von hier nach dort trägt es dich schneller als deine Füße. Das nennt man Fortschritt. Aber sonntags, beim Spazierengang über Stock und Stein, da freut sich jeder seines gesunden Gehwerks. Klar, Kurti, der blöde Hund, der fährt auch zum Grillplatz noch Enduro und meint, er sei Dauersieger. Aber dann steigt man einfach auf einen Holzstoß und lacht ihn aus: »Komm doch rauf, du Gasgriff-Komiker.« Jenseits des Holzstoßes beginnt Trial. Wo dich deine eigenen, prima konsturierten Füße verlassen. Wo du abrutschst oder versinkst. Genau da fängt die Suche nach Einklang von Mensch und Maschine an, beginnt Motorradfahren als Kunst.Um diese Kunst ins rechte Licht zu rücken, treten die Motorsportfreunde Winningen alljährlich in Vereinsstärke an und präparieren die knapp 3500 Zuschauer fassende Sporthalle von Koblenz-Oberwerth. Zum zweiten Mal organisieren sie dort nun schon den deutschen Lauf zur Hallentrial-WM. Der Laden ist immer voll, und immer wieder gestalten die Sportfreunde einige besonders anschauliche Sektionen im Grenzbereich zur Schwerelosigkeit.Heuer haben sie einfach mal drei Baumstämme an Ketten aufgehängt. Anfahrt über meterhoch aufragende Baumstümpfe. Zwischen Stamm zwei und drei als Zwischenstopp ein Holzstoß. Marke: nix für Kurti. Ausfahrt wieder über Baumstumpen. Du stehst davor und denkst: Wenn keiner guckt, dann balancier ich rüber. Schaukelst unauffällig einen Stamm, und - huch - das Ding wackelt ja wie ein Lämmerschwanz.Später beim Zuschauen glaubst du, daß es einfach menschlichem Maß entspricht, wenn’s keiner schafft. Die Deutschen Stranghöhner und Wisniewski nicht, die quasi als Gäste im WM-Zirkus auftreten. Auch Steve Colley, immerhin Siebter der Outdoor-WM, holt sich die maximalen fünf Punkte. Dann Takahisa Fujinami, den sie seines beherzten Fahrstils wegen auch Fuji-Gas nennen: Er schwankt, er schaukelt, er setzt Füße, er balanciert - dreht am Quirl und kommt mit drei Punkten davon. Noch besser kann es der Shooting-Star der 97er Freiluftsaison, David Cobos. Der WM-..... setzt einen Fuß auf dem Holzstoß, und dann macht er sein Bein gaaanz lang. So lang, daß sein Vorderrad faßt schon den rettenden Stumpf erreicht, als er sich endlich abstößt. Ein Punkt für den Spanier.Sein Landsmann Amos Bilbao erteilt dann die erste Lektion: wie sehr sich ein Temperamentsbündel zusammenreißen und wie langsam ein Hinterrad von einem Holzstoß auf einen schwankenden Stamm runterrollen kann. Wie lange man auf so einem Stamm balancieren und wie befreiend der finale Gasstoß wirken kann. Da staunt selbst Marc Colomer. Der Outdoor-Vize hat bis dahin alle sieben Sektionen mit Null gefahren. Zackig aufgetürmte Holzpyramiden, kaum mehr als handbreite Stämme, den Sprung auf die 3,20 hohe Palettenwand, die fiese Hängebrücke. Und jetzt holt er sich einen Fünfer. Danach stellt Doug Lampkin mit der zweiten Null des Tages die derzeitige Hierarchie im Trial klar. Deshalb gilt der Weltmeister von drinnen und draußen wieder mal als Favorit fürs Finale der besten Sechs.Jetzt geht«s andersrum über die Stämme. Ergo: Zwischen erstem und zweitem keine Abwärts-, sondern eine Aufwärtsstufe. Fuji-Gas schafft die Schaukeltreppe als erster mit weniger als fünf Punkten, mit zweien. Colomer mit einem. Aber er kriegt einen Strafpunkt extra, weil er länger als eine Minute rumturnt. Dann Doug Lampkin, und wenn er hier einen Fünfer einfährt, hat Colomer gewonnen. Der Brite imitiert die Cobos-Methode. Fährt ein, setzt einen Fuß, läßt die Beta fast bis zur Stufe rollen. Kataupultiert sich auf den rettenden Holzstoß. Setzt wieder einen Fuß, rutscht über den letzten Stamm und hüpft zum Sieg.Die Halle tobt, applaudiert einer kühlen taktischen Tat. Danach gehört die Sektion den Kindern. Reihenweise plumpsen sie in die Primeln unter den schaukelnden Stämmen. Ein Stepke jedoch rutscht auf dem Hosenboden vom Holzstoß herab, fixiert den festen Baumstumpf auf der anderen Seite. Stellt sich auf - und rennt einfach rüber. Er sieht irgendwie spanisch aus.

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