Hallentrial-WM Koblenz (Archivversion) Und jetzt Halle

Was passiert, wenn scheue Trialer zur Winterszeit ihre Wälder und Steinbrüche verlassen? Sie versammeln sich unter einem schützenden Dach - und mutieren zu Show-Akrobaten.

Als sinnenfroher Mensch steh’ ich auf Trial: Wann immer die Helden gerade pausieren oder langweilen, kann ich mich auf ausgedehnten Spaziergängen zwischen den Sektionen am Spiel der Natur erfreuen. Erzähle mir niemand, so etwas komme beim Superbike-24-Stunden-Seitenwagen-Langbahn-Moto Cross-Grand Prix nicht vor. Diese No-Action-Löcher. Und was macht man dann, auf der Haupttribüne? Nasebohren. Beim Trial dagegen wiegen Bäume im Wind, pfeifen Vöglein. Trallallalla. Das schönste Trial dieser Welt ist folglich jenes, bei dem es sechs Tage durch die Highlands geht. Scottish Six Days.Da hab« ich Doug Lampkin zum ersten Mal gesehen. Keine 17, ein flotter Teen, Papa Martin immer vorneweg. Zwischen Birken, Bächen, Binsen ließ der Sproß des ersten Weltmeisters seinen Erbanlagen freien Lauf und landete als bester Neuling aller Zeiten auf dem sechsten Rang. Ich hatte die Geburtsstunde einer Trialhoffnung erlebt. So was verbindet. Und weil ich als Fan, wann immer ich ihn danach bewundern durfte, dem Dougie stets kräftig die Daumen gedrückt habe, reklamiere ich heute einen Teil seines schwindelnden Erfolgs für mich: Was wäre ein Star ohne treue Fans, die mit ihm leiden, hoffen, jubeln.Kommen wir zur Sache: Der Mann ist im freien Feld 1996 Vize-Weltmeister geworden. Hat Jordi Tarrés hinter sich gelassen, den Kletter-Gott. Hat hier und da sogar den Champ bezwungen, den begnadeten Stilisten Marc Colomer. Und wenn er nun auch die Indoor-Serie mitmacht, dann darf man den doch nicht im Stich lassen. Oder? Also auf nach Koblenz-Oberwerth, zum dritten Lauf der neu kreierten Hallentrial-WM. Meine Herrn, was ein Zirkus: Als die 3500 Leute sich«s alle gemütlich gemacht haben, versorgt mit Würstchen, Cola, Eiscreme, jagen schon die Spotlights durch die Arena. Dann ein Feuerspucker, danach Freddie. Klar, ohne Queen-Hymnen geht hier gar nichts. Sechs Trialer sind gesetzt - Doug, Colomer, Amos Bilbao, Bruno Camozzi, Tommi Ahvala, Graham Jarvis -, und die zwei Wild Card-Fahrer Steve Colley und Andreas Lettenbichler komplettieren das Feld. Also zur Fahrerpräsentation Wheelie und Stoppie und Freddie.Jetzt geht«s los: Paarweise hetzen die Recken über die Eingangssektion. Ganz Trial-untypisch, wie in einem Rennen, und der Langsamere muß dann die fünf restlichen Sektionen als erster nehmen. Der Parcours schaut aus wie ein Abenteuerspielplatz, mit dicken Buchenstämmen zum Balancieren, Holz-Lokomotive, eiserner Fähre, schwankender Hängebrücke und Riesen-Klettergerüst. Die Kids vor mir sind ganz begeistert, kriegen gar nicht mit, wie grausam es in der Trial-Welt zugeht: Lettenbichler hat keine Chance gegen Colley. Aber mal abwarten, so schlecht scheinen 13 Pünktlein für unerlaubte Bodenberührungen mit Füßen oder Motorschutz gar nicht. Oder doch? Der stämmige Camozzi und der schlacksige Jarvis bringen zwölf und neun mit, als sie schließlich die bestimmt zehn Meter hohe Rampe vom Gerüst runterrauschen. Amos Bilbao flucht. Aber das tut er immer, wenn er »ne Fünf fängt, und mit den Buchenstämmen und dieser Fähre hat er«s einfach nicht.Also die Fähre: Die Sektion beginnt mit einem meterhohen Stein. Granit, richtig viele fiese Ecken und Kanten dran. Es folgen im Abstand von jeweils knapp einem Meter vier, fünf kleinere Steine. Immer einer für das Vorder- und einer für das Hinterrad. Gas, dann wieder ein Steinpaar weiter, Hinterrad landet, Vorderrad knallt punktgenau so auf, daß die Balance nicht verlorengeht. Ein paar kleine Hüpfer, um die Richtung für den nächsten Sprung zu korrigieren. Weiter. Wieder Tricksen mit Gas, Bremse, Kupplung. Zwischendurch Jonglieren mit Beinen und Oberkörper. Clownesk bisweilen. Schließlich rauf auf einen eisernen Wagen. Mit dem Vorderrad einen Hebel antippen, der die Bremse löst. Ab geht die Post. Nach zehn Metern auf der schiefen Ebene wartet wieder ein Steinhaufen, aber die meisten verpassen den Absprung. Amos sowieso. Landet neben dem Stein - und flucht. 16 Punkte, genau wie sein Gegner, der ehemalige Outdoor-Champ Tommi Ahvala aus Finnland. Beiden bleibt nur noch der Hoffnungslauf.Dann steigt die Spannung. Vor mir die Kids entzünden schnell noch ein paar Wunderkerzen, und kaum sind die verglüht, hat die Trial-Welt sich schon wieder offenbart: Wer Colomer und Lampkin in der Eingangssektion richtig zugeschaut hat, der weiß, daß der Sieger hier und heute nur Colomer oder Lampkin heißen kann. Der Spanier muß anfangen, hüpft auf die Buchen, turnt einen breiten Stamm abwärts, wechselt in einer spitzen Kehre auf einen dünneren, kaum 30 Zentimeter messenden. Schiebt sich über einen Aststumpf. Dann hält er an, visiert den senkrecht vor ihm aufragenden Stamm. Sein Assistent, beim Trial Wasserträger genannt, zeigt ihm, wo er hinter diesem Hindernis mit dem Vorderrad landen muß. Jörg Hennig, sonst Sportleiter bei den Motorsportfreunden Winnigen, heute enthusiastischer Hallensprecher, schreit sich die Seele aus dem Leib. »Da helfen wir dem Marc aber rüber. Los, und jetzt alle!« Im rhythmischen Klatschen von 7000 Händen geht der entscheidende Gasstoß schier unter, die Montesa schnellt hoch. Taucht ab. Steht hinten in einsfuffzig Höhe und vorn fast auf Null. Bestechend. Der nächste Gasstoß leitet die Befreiung ein, wie auf Händen getragen jongliert Colomer die Sektion zu Ende.Oh Mann, Dougie, ich würde mich jetzt gern von ein paar piependen Vögeln ablenken lassen. Hab« schon ganz verschwitzte Hände. Mein Held bleibt cool. Britisch gelassen, mit kaum 20 Jahren: sechs Vorrunden-Punkte für Lampkin, fünf für Colomer. Colley kommt mit achten weiter, und Bilbao stimmt der Sieg im drei Sektionen langen Hoffnungslauf milde. Im Finale und wieder über die vollen sechs Sektionen gewinnt er gegen Colley, aber mittlerweile weiß Koblenz-Oberwerth Bescheid. Der Sieg wird ganz am Schluß verteilt.Kaum auszuhalten. Colomer verläßt die Buchen mit Maximalpunktzahl fünf, die Fähre mit drei. Dann setzt er keinen einzigen Fuß mehr. Keinen. Ich sag’ ja: kaum auszuhalten. Dougie schafft die ersten beiden Sektionen mit insgesamt vier Punkten, hüpft über zwei Holzstapel zur Hängebrücke hoch, schiebt das Vorderrad auf die schwankenden Bohlen, rollt herab, strauchelt. Er muß anhalten, einen Fuß setzen. Der olle Lampkin brüllt gegen zighundert Watt Musik an. Als das schaukelnde Ding sich halbwegs beruhigt, gellt sein Marschbefehl durch die Halle. Geschafft, und bis zum Gerüst hält Dougie die drei Punkte Vorsprung. Dann rast er die Rampe hoch, verschwindet zwischen Stangen und Plattformen und Rampen. Ich sehe nur noch die Räder seiner Beta, und eins weiß ich: Wenn gleich, ganz oben, in der äußersten Ecke der Halle, sein Vorderrad auftaucht, hat er das Schlimmste überstanden. Da ist es, etwas zu weit vorn, denke ich noch, da haucht Hallensprecher Hennig schon »ein Strafpunkt« ins Mikro. Dougie ist wieder da. Sechs, sieben Meter über meinem Sitzplatz hangelt er sich über enge Rampen noch einmal nach oben. Kurz, ganz kurz nur, erschüttert er meine Gewißheit und setzt einen Fuß. Den letzten, und folglich einen weniger als der amtierende Indoor- und Outdoor-Weltmeister Colomer. Die Halle tobt. Und ich mit - darauf steh« ich sonst gar nicht.Als alles sich wieder beruhigt hat, die Zuschauer nach Hause gondeln und die lieben Motorsportfreunde groß reinemachen, wage ich bei Kartoffelsalat und Frikadellen mein erstes Schwätzchen mit Dougie. Ob sich Hallentrial und Zirkus unterscheiden, möchte ich wissen. »Not very much«, antwortet er mit halbvollem Mund und grinst ein unverbrauchtes, schelmisches Grinsen. Danach glauben wir beide, er als Yorkshire-Man und ich als Norddeutscher, uns ebenso angeregt wie ausgiebig unterhalten zu haben. Außerdem können wir ja in Schottland weiterschwätzen. Oder in Koblenz, nächstes Jahr.Als sinnenfroher Mensch steh’ ich auf Trial. Und ich verrate auch, warum: Weil nämlich diese Sportart zu ausgedehnten Spaziergängen einlädt, und weil man sich, wann immer die Helden gerade ruhen oder langweilen, einfach am Spiel der Natur erfreuen kann.

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