Harley-Davidson/Indian Club Ost: Porträt (Archivversion) Big Blockpartei

Zu DDR-Zeiten waren sie fast schon Dissidenten. Individualisten sind sie noch immer: die Leute vom »Harley-Davidson Indian Club Ost«.

Jahresanfahrt im schleswig-holsteinischen Dannau, offizielle Saisoneröffnung für den Harley-Davidson Indian Club Ost. Im Dorfkrug trifft sich ein erlesener Kreis: Kaum mehr als 30 Mitglieder zählt der Club, knapp die Hälfte hat sich heute hier versammelt. Anders, als es der Name vermuten läßt, sind auch ein paar Wessis dabei, worüber allerdings niemand ein Wort verliert - die erste Besonderheit. Die meisten Mitglieder aber kommen aus dem Osten der Republik und haben - das ist die zweite, die eigentliche Attraktion - bereits eine langjährige Harley-Karriere hinter sich. Mit den Motorrädern, die angeblich der liebe Gott persönlich für das Kreuzen auf amerikanischen Highways erschuf, machten sie schon die Landstraßen hinter dem »antifaschistischen Schutzwall« unsicher. Offiziell gab es den Club natürlich gar nicht - wie so vieles in der Ex-DDR, das es eigentlich nicht gab und das trotzdem durchaus real existierte. Offiziell gab es nur einen »Veteranenclub«, der wiederum eine Sektion des MC Ziegra - ein Dorf bei Dresden - und damit Bestandteil des Allgemeinen Deutschen Motorsport-Vereins der DDR war. Offiziell gab es in der DDR ja auch keine Indian-Motorräder und erst recht keine Harley-Davidson. In Wirklichkeit gab es sie aber eben doch. Vorkriegsmodelle allesamt, auf verschlungenen Wegen, meist über Polen und die damalige CSSR, in den Arbeiter- und Bauernstaat gelangt. Eines davon hatte sich auch Klaus Koplin organisiert. Der Kfz-Mechaniker, der später als Flugzeugmechaniker alte Wehrmachtsflieger überholte, Bagger- und Frischbetonfahrer war, verbrachte Jahre mit dieser zeitlich kaum eingrenzbaren Tätigkeit: hier ein Vergaser, dort ein Getriebe, dann auch mal eine halbe LKW-Ladung diverser Einzelteile. War das Motorrad auf solche Art zurechtorganisiert, mußte es natürlich auch in der DDR zu einer der TÜV-Untersuchung vergleichbaren, regelmäßigen Fahrzeugüberprüfung. Wer dabei - was mit einer 50 Jahre alten Harley ja durchaus vorkommen kann - mit den geltenden Vorschriften nicht ganz konform ging, mußte dies den Kontrolleuren irgendwie plausibel machen. Für Klaus kein allzu großes Problem: »Ich kannte da den richtigen Mann - der hatte selbst »ne Indian.« Und außerdem ein umfangreiches Archiv mit Fachliteratur, in dem Klaus stöbern durfte, während sein Goldstück bei einer kleinen Spazierfahrt mit großem Wohlwollen auf ordnungsgemäßen Zustand überprüft wurde. Gute Kontakte zahlten sich eben immer aus und wollten deshalb gepflegt werden. Gleichgesinnte fanden so schnell zueinander: Ein Kumpel nannte eine alte Indian Clubman - eine Militärausführung der Big Chief - sein eigen, ein anderer hatte die vom Schwiegervater geerbte Harley wieder flottgemacht. Was lag da näher, als einen Club zu gründen? Und so wurde Klaus der »Präsident« des »Harley-Davidson Indian Club DDR«. Kein leichtes Amt, denn natürlich war es seinerzeit, 1980, nicht ganz einfach, in organisierter Form der Leidenschaft für das motorisierte Flaggschiff des Klassenfeindes zu frönen. Da hätte man auch gleich einen Coca-Cola-Fanclub gründen können. Wobei Coca-Cola erheblich einfacher zu besorgen war als etwa ein Harley- Getriebe. Genau das müssen sich wohl auch die zuständigen Organe gedacht haben. Wer solche suspekten Geräte tatsächlich am Laufen hielt, brauchte dazu doch Ersatzteile - und wo kamen die her? Aus volkseigener Produktion jedenfalls nicht, und deshalb war Mißtrauen mehr als angebracht. »Wenn Du mit »ner Harley über die Grenze nach Polen wolltest«, erinnert sich Klaus, »dann wurdest Du gefilzt bis auf die Unterhose«. Falls sich dort nichts Verdächtiges fand, wurde anschließend noch der Helm geröntgt. Sogar für derlei Widrigkeiten entwickelt man mit der Zeit Routine. Nach Polen und in die CSSR ging es nämlich des öfteren. Legendär und auch heute noch sehr beliebt sind die von den Harley-Clubs in Warschau oder Prag organisierten Treffen. Allerdings wurden die DDR-Behörden wegen der häufigen Trips in die Bruderländer irgendwann mißtrauisch. Eine plausible Begründung fand sich aber immer, es mußte ja nicht unbedingt die Wahrheit sein. Klaus hatte beispielsweise einen Freund in Polen, »der hat in drei Jahren dreimal geheiratet, und jedesmal die selbe Frau.« Als die Grenzen bereits für jedermann geöffnet waren, schlug der Präsi der untergehenden DDR-Staatsmacht ein letztes Schnippchen. Das Resultat steht heute in seiner Garage: »Die erste und einzige Harley-Davidson«, wie er mit sichtlichem Stolz erzählt, »die in die DDR importiert wurde«. Im Mai 1990 hat er das gute Stück, eine Electra-Glide, in Braunschweig erworben. Zum stattlichen Preis, den so eine Harley nun mal kostet, wäre nach der damaligen Rechtslage auch noch der Einfuhrzoll gekommen. Zwar war die Wiedervereinigung schon beschlossene Sache, aber bis dahin wollte der stolze Besitzer natürlich nicht warten. Also wurde flugs das Nummernschild von Klaus` alter VLH, Baujahr »ungefähr »37, der Tank »32, das Getriebe »34«, abgeschraubt, zum Händler gebracht und dort an die Neuerwerbung montiert - wobei sich wieder einmal zeigte, welche Vorteile doch eine konstante Modellpolitik in sich birgt: »Wir mußten dazu nicht mal die Bohrungen ändern.« Und so rollte eine nagelneue Harley mit Fahrzeugschein und Nummernschild ihrer uralten Schwester über die Grenze. Die Farbe war bei beiden rot, das Baujahr in den Papieren nicht vermerkt, und für weitere technische Details interessierte sich der diensthabende Grenzkontrolleur nicht. Die alte VL hat Klaus verkauft. An einen Clubfreund zwar, so daß er immer weiß, wie es ihr geht, aber so richtig glücklich scheint er damit nicht zu sein - von einem Motorrad, an dem er jahrzehntelang herumgeschraubt, für das er so manches Teil an der heimischen Werkbank selbst angefertigt hat, trennt einer wie er sich nicht mal eben so. Noch heute erzählt er zum Beispiel voll berechtigtem Stolz von den Koffern: Ein Freund aus der CSSR hatte die Form angefertigt, aus der dann für interessierte Clubmitglieder - von einem, der sich mit sowas auskannte - die Hardtops in Kleinstserie gegossen wurden. Ein anderer übernahm die Lackierung. Klaus wiederum bastelte aus der Sitzschiene eines Trabant eine Halterung, mit deren Hilfe sich die Koffer sekundenschnell abmontieren ließen. Als Original-Zubehör gibt es so was bis heute nicht. Einfach in einen Laden gehen und sich eine komplett ausgestattete Harley-Davidson kaufen - das war für Klaus und seine Freunde wahrhaftig eine Wende. Die meisten haben sie inzwischen vollzogen: Neidlos anerkannte Sensation des Treffens in Dannau ist zwar dennoch die VL mit Beiwagen, Baujahr 1936, die Club-Mitglied Frank Sarnowski in zweijähriger Arbeit meisterlich restauriert hat, aber ansonsten sind nur neue Modelle vertreten - oder was bei der Traditionsschmiede in Milwaukee eben neu genannt wird. Trotzdem steht der Club noch immer für die etwas andere, etwas bodenständigere Art, Harley-Davidson zu fahren, und deshalb ist er auch selbständig geblieben und hat das Angebot, als »Sektion O« in den Harley-Davidson-Club Deutschland integriert zu werden, dankend abgelehnt. Den tieferen Grund dafür zeigt schon ein Blick auf den Kilometerstand der vor dem Dorfkrug Dannau aufgereihten Schmuckstücke: 50.000 ist da nur guter Durchschnitt. Wer den wahren Wert seiner Harley verkennt und sie stattdessen als reines Statussymbol für Schönwetter-Wochenendausfahrten mißbraucht, für den bleiben solche Zahlen unerreichbar; der kennt ihren Preis - aber niemals ihren Wert.

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