Harley expandiert (Archivversion) Individualisten en masse

Es war schon immer etwas teurer, einen exklusiven Geschmack zu haben. Jetzt senkt Harley die Preise und erhöht die Produktion. Degeneriert der Big Twin zum Massenprodukt?

Preisfrage: Was haben die Edelschneider Joop und Boss, Zigarrenpapst Davidoff und Harley-Davidson gemeinsam? Richtig. So heißen auch erfolgreiche Herrenduftserien. Newcomer Harley schaffte in Windeseile Platz zehn in den hartumkämpften Schnüffel-Charts. Nicht, daß das Zeug die Mädels gleich rudelweise anlocken würde, es läuft wie geschmiert, weil Harley draufsteht. Der Mythos von Freiheit und Abenteuer verduftwässert sich. Oder verwässert er gar? Die legendenumwobenen Eisenhaufen drohen ein kleines bißchen überhand zu nehmen. Hierzulande stehen sogar noch ein paar bei hochoffiziellen Händlern rum. Bis August 1996 hatten sie etwa 2,7 Prozent weniger Harley verkauft als im selben Zeitraum 1995. Ein seit Jahren nicht mehr zu beobachtendes Phänomen. »Rezession und Arbeitslosigkeit gehen auch an uns nicht spurlos vorbei«, konstatiert Harley-Partner »Pauki« Paukner aus Berndshofen. Daß die Preise abspecken, bei manchen Modellen an die 2000 Mark, hat dagegen selbstverständlich nur mit Europa und dem gemeinsamen Markt zu tun (siehe nebenstehendes Interview). Die Käufer wird’s freuen, den Grauhandel soll’s ärgern. Aber der sieht seine Felle noch lange nicht davonschwimmen. »In Deutschland haben sie zwar die Preise gesenkt, in anderen europäischen Ländern dagegen kräftig erhöht. Ich bin mir fast sicher«, freut sich Harley-Lotter aus dem Rheinischen, »daß ich 1997 einige Holländer begrüßen kann.« Frohe Kunde kam auch aus Milwaukee: Zum 100. Wiegenfest der Traditionsfirma anno 2003 sollen jährlich 200 000 Harley vom Band rollen, heuer werden’s schon an die 120 000 sein. Dräut da nicht Exklusivität en masse? Nein, meint Wolfram Rummel, Sprecher des Harley-Händlerverbands, »Kapazitäten für 200 000 Einheiten zu planen heißt nicht, daß auch 200 000 produziert werden.« Wenn’s da nur keinen Zoff mit den streng auf jeden Dollar schielenden Betriebswirtschaftlern der Firma gibt. Denn zu deren Binsenweisheiten gehört noch immer, daß Investitionen sich gefälligst zu lohnen haben. Und zwar, indem sie voll ausgenutzt werden. Daß Harley sich anscheinend von der reinen Lehre des Rentabilitätsdenkens verabschiedet, hat mit der besonderen Weihe des dort gehegten Produkts zu tun. »Wir verkaufen eine Philosophie, eine Weltanschauung«, pflegt Willie G. Davidson, Chefdesigner und Enkel des Firmengründers, gern zu deklamieren. »Das Motorrad gibt es gratis dazu.« Wenn das so ist: alles klar. Dann geht es zunächst einmal darum, den Mythos Harley zu stärken, um noch mehr Big Twins möglichst gewinnbringend zu verschenken.Freunde der Marke sehen da freilich Gefahr am Horizont. Etwa in der engen Zusammenarbeit mit Buell, dem Spezlialisten für sportliche Milwaukee-Twins, der gemeinsam mit Harley eine neues Werk in die Prärie von Kansas stampft. »Denk nur an Porsche«, erinnert sich ein Harley-Freak, »als die anfingen, dicke Sportwagen zu produzieren, die nichts mehr mit dem Elfer zu tun hatten, brachen auf einmal Image und Umsatz weg. Die Buell könnten unser Easy Rider-Image schädigen.« Außerdem sollen die Sportiven nicht nur über ausgewählte Harley-Händler vertrieben werden, auch respektabel eingerichtete Kawasaki- oder BMW-Vertretungen in guter Lage können zu ihren Buell kommen, während der kleine Harley-Shop auf dem platten Land in die Röhre guckt. Einge Händler, rumort’s in der Branche, hätten sogar schon Personal entlassen. »Das sind Leute«, dessen ist sich Harleyaner Pauki sicher, »die nicht mit Herzblut zu ihrer Marke stehen und die nur eine schnelle Mark machen wollten.« Seine Rezept gegen eine eventuell aufkommende Harley-Müdigkeit: »Den Leuten mehr bieten als technische Kompetenz. Mit der Harley kaufen sie eine Weltanschaung. Doch die müssen sie ausleben können. Auch das ist unser Job.« Pauki leitet den örtlichen Harley Owners Club, organisiert Ausfahrten und Parties. Mag sein, daß die hohen Priester des Harley-Kults in Milwaukee sitzen. Ohne ihre Kapläne in Berndshofen und anderswo würden sie nur leeres Stroh dreschen. Die geben sogar dem Heritage Softail fahrenden Zahnarzt die letzte Ölung, wenn dessen Patienten mit ‘ner Bad Boy vorfahren.

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