Harley- und Indian-Show (Archivversion) Hilden wie wir

Wenn 2500 Menschen in einer dieser vertrackt multifunktionalen Stadthallen, wie auch Hilden eine ihr Eigen nennt, zusammenkommen, um amerikanische Mythen zu feiern, dann ist das Lug und Trug. Sie feiern sich selbst.

Nach dem Verzehr diverser Biere dämmertes in Rolf herauf - das Wissen darum, was den legendenumschwurbelten Mythos Harley ausmachen könnte. »Ich kam einfach nicht zum Fahren, an meiner Shovelhead, Jahrgang 1980, ging dauernd was kaputt.« 25 000 Mark hat Rolf für den »Haufen Schrott« geblecht, an dem er seine schrauberischen Fähigkeiten erprobt bis auf den heutigen Tag: »Eine Arbeit ohne Ende.« Hoppala, gab’s das nicht schon mal? Richtig: Der Mythos Harley entpuppt sich, von Rolf und Hilden aus gesehen, als neuzeitliche Variante des Mythos von Sisyphos. Der stromerte durchs alte Griechenland und war ein so ausgefuchster Bursche, dass er sogar den Chef des Totenreichs, einen gewissen Thanatos, austrickste und in Fesseln band, woraufhin auf Erden nicht mehr gestorben ward. Dies erzürnte die Götter, denen es überhaupt nicht in den Kram passte, ihr schönstes Privileg, das des ewigen Lebens, mit dem gemeinen Volk teilen zu müssen. (Und wird Harley heuer nicht 100 und steht besser im Saft als eh und je?) Also machten die Göttlichkeiten kurzen Prozess und verurteilten den Sisyphos zu »Arbeit ohne Ende«. Um seinen Frevel zu büßen, muss der gebeutelte Windbeutel einen Felsbrocken auf ‘nen Berg wuchten, doch sobald er den Gipfel erreicht, donnert der Stein stur downhill, und die ganze Chose fängt von neuem an.Was also hat der Harley-Fahrer verbrochen, dass er zu ähnlichen Torturen verdammt ist, welche die treue Gemeinde amerikanischen Schwermetalls ebenso gemeinhin wie leichthin Customizing zu nennen beliebt? Nun, offensichtlich ist - und das zeigt die Harley- und Indian-Show zu Hilden in schonungsloser Deutlichkeit -, dass sich der Biker als solcher eines Affronts gegen die von Brigitte, Max, Men’s Health und anderen Instanzen der normativen Normalität gesetzten Prinzipien gesellschaftlichen und modischen Wohlverhaltens schuldig macht. »Natürlich bin ich auch wegen des Erotikprogramms gekommen«, bekennt ein fransenbejackter und keck beschnauzter Triker mit Cowboyhut, dessen ebenso gewandete Gemahlin ihrem Liebsten in Sachen Voyeurismus die Zustimmung nicht verweigern mag. »Das seh’ ich mir gerne an, warum nicht.« Schule macht das: Herrlich unverkrampft wächst in Hilden und um Hilden herum eine neue Biker-Generation heran. »Papa, gleich kommt die Strip-Show«, kräht ein Steppke enthusiasmiert ins WC. Wo Vattern, der da strahlt und, pädagogisch inkorrekt, mit einem »Bist du noch zu klein für« pariert. Während justament der Typ, den man für den einzigen Zahnarzt, Lebensmitteldesigner oder Anwalt auf dieser ansonsten von veritablen Heroen der Landstraße, des Pils und des Fast Food bevölkerten Spitzenparty halten könnte, die Contenance verliert. Auch er wird es noch lernen: Der Weg ist das Ziel. Obwohl das Bier in Strömen fließt und Cola notorisch mit Jack Daniels aneinander gerät, geht es in Hildens Stadthalle so friedlich und freundlich wie auf einer Grillparty bei Lehmanns zu. »Das ist die erste große Harley-Show nach Weihnachten und Neujahr«, analysiert Werner, Maschinenbauer von Beruf, die Lage. »Da stoß‘ ich auf ein gutes Neues mit meinen Freunden an.« Davon scheint er viele zu haben. »Heute trinke ich, morgen komme ich mit dem Auto und kaufe die Teile, die ich mir heute auf dem Teilemarkt ausgeguckt habe.« Das freut den Gerd, den rezent bewampten, krass tätowierten und brillant bezottelten Wirt des Zollhaus in Langenfeld, der die »Harley- und Indian-Show Hilden« organisiert. »Am Tresen kam ich mit dem Hausmeister der Stadthalle ins Gespräch und habe ihn gefragt, wie viel es wohl kosten würde, den Laden zu mieten.« Die Antwort scheint akzeptabel gewesen zu sein. Und Gerd, einer dieser sisyphosen Harleyaner - die Garage voll des Ami-Schwermetalls, doch zum Behufe der alltäglichen Fortbewegung präferiert er postmoderne Triumph Thunderbird -, schritt darob zur Tat, engagierte die Bands, die das Jahr über in seiner Biker-Kneipe am wohlgefälligsten musiziert hatten, guckte sich unter den Harley seiner Gäste die präsentabelsten zur Schaustellung aus, quatschte die Dealer-Szene zu eben diesem Zwecke an und schaffte auch sonst alles ran, was eine solche Sause braucht. Einen Zippo-Händler etwa, der sein feuriges Angebot durch Klamotten ergänzt, angesichts derer, mit Wölfen, Bären und ähnlich freiheitsliebendem Getier naivkünstlerisch geziert, der Zündfunke chronisch überspringen will. Wer diese T- und Sweatshirts überstreift, wird sicher auch bei »Kunsthändler« Karl-Heinz fündig, der handwerklich perfekten Nonsens anbietet. »Mit der Verwendung des Harley-Logos habe ich keine Probleme, das fällt unter künstlerische Freiheit, selbst Harley-Händler kaufen Big-Twin-Uhren bei mir, weil die Company die nicht im Programm hat.« Nicht im Sortiment hat sie auch »Bismarck-Büsten«, zu denen, Ironie der Geschichte, Reichspräsident Eberth Modell gestanden haben muss, sowie diese unaufdringlichen Karl-Heinzschen Aschenbecher im Harleykolben-Design, von vier goldierten Seeadlern getragen. Über dem Kamin in den Blockhütten der vielen Holzfäller - an ihren Hemden sind sie easy zu erkennen -, die sich aus den Hildener Wäldern in die Stadthalle geschlagen haben und zirka 30 Prozent des trinkenden Publikums stellen, machen diese Preziosen definitiv Eindruck. Und nicht nur das: Sie sind abgrundtief philosophisch. In ihrer grandiosen Sinnlosigkeit revoltieren all diese Phänomene und Absurditäten - der Bismarck, der ein Eberth ist; Rolfs Shovel, die Euro frisst, aber kaum Benzin; der Sisyphos, der da rollt und rollt und nie übern Berg kommt - gegen die aufgepresste Sinnhaftigkeit einer durchrationalisierten, durchdigitalisierten Welt. In Hilden löst man diese existentielle Problematik mit einem Zauberwort. Das da heißt: Prost.

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