Hell’s Angels (Archivversion)

Der Erzengel

Vom anarchischen Haufen zum straff organisierten Club - Sonny Barger prägte den »Lifestyle« der Hell’s Angels. In seinen Memoiren schreibt der Höllenengel ein spannendes Stück Motorrad- und Sozialgeschichte.

Vor jedem Gericht der Welt hätte Ralph »Sonny« Barger mit der lapidaren Schilderung seiner Kindheit mildernde Umstände einheimsen können: Vater Ralph ist »ein ebenso hart arbeitender wie hartgesottener Säufer«; Mama Kathryn brennt, da ist Sonny gerade mal vier Monate jung, mit ‘nem Busfahrer durch, Stiefmutter Sylvia macht dann ebenfalls die Flatter, nimmt »alles mit, was wir hatten, sogar das Lexikon«, worauf Papa im Suff als Selbstmörder dilettiert; Schwester Shirley haut mit 16 samt Lover gen Südkalifornien ab. Brauchen sie Dollars, fälscht Shirley Schecks. »Mein Vater ließ sie im Jugendgefängnis schmoren, bis sich das schmutzige Geschirr bei uns so angesammelt hatte, dass einfach irgendwer kommen musste, um das Haus wieder in Ordnung zu bringen.«Sonny Barger stand oft genug vor dem Kadi, doch diese Story hat er dort nie erzählt. Mitleid, nein danke. Schon als Jugendlicher pocht er stolz darauf, dass die Bargers »noch nie das Sozialamt in Anspruch genommen« haben. Sie wollen keine Hilfe. Und auch Sonny - »Wir hatten immer zu essen« - fühlt sich nicht unglücklich. Er schlägt sich durch. Oft im wahrsten Sinn des Wortes. »Das Schönste in meiner Schulzeit waren die Boxkämpfe.« Soziologen haben ganze Bibliotheken über den Zusammenhang von Gewalt und Aggression mit Unterprivilegiertheit und familiärem Elend geschrieben, Barger erhellt die vermaledeite Chose in ein paar lapidaren Zeilen. Das System nervt, also schlag zurück! Es wird schon den richtigen treffen, egal, ob Lehrer, Polizist oder die eingebildeten Fatzkes vom College-Football-Team. Als Vater in Rente geht, in eine Pension zieht und Schwester Shirley heiratet, weiß Sonny, der von Gelegenheitsjobs lebt, zunächst nicht, wohin. »Das Schlaueste und Schnellste schien mir die Armee zu sein.« In die tritt er - mit 16 - am 14. Juli 1955 ein. Eigentlich ist Sonny zu jung, also manipuliert er seine Papiere, sieht anscheinend bereits ganz schön alt aus. »Endlich einmal hatte Disziplin einen Sinn für mich.« Obwohl ihn der Drill und »die ewig herumbrüllenden Ausbilder« bei der Army nur zum Lachen bringen. Egal: »Es kam nur darauf an, zu einer Gruppe von Leuten zu gehören, die genau so waren wie man selbst.« Nach der vorzeitigen Entlassung kann er sich »nicht mehr mit irgendeinem langweiligen, beschissenen Job anfreunden«. Moped und Motorrad ist er schon immer gefahren, sein Idol heißt Lee Marvin. Der spielte den fiesen Chino im Kinoklassiker »The Wild One« und frönte dem Wahlspruch: »Wer sich mit mir anlegt, kriegt was von mir zurück.« Sonny sucht Typen, die genauso denken wie Chino und er, gründet im April 1957 den Hell’s Angels MC Oakland. »Ich wollte einen Club mit engem Zusammenhang und echten Männern, die auf ihre Maschinen stiegen, kreuz und quer durchs Land donnerten und sich nicht von irgendwelchen Vorschriften oder Verpflichtungen einengen ließen.« Das Clubleben erinnert Sonny »sehr an meine Zeit in der Army«, er kontrolliert die Motorräder seiner Kumpels so gründlich wie ein Unteroffizier die Ausrüstung seiner Rekruten, organisiert »Officers Meetings« und schweißt die bis dahin anarchisch dahinvagabundierenden Charters zu einem festen Verband zusammen. »One on all, all on one - Einer für alle, alle für einen - das bedeutet, wenn man sich mit einem Hell’s Angel anlegt, dann hat man uns alle am Hals.« Als das Frisco-Charter sich anno 1961 mit einem clubfremden Typen solidarisiert, der einer Old Lady eines Angels in den Hintern gekniffen haben soll, kommt es - Bargers Maximen verlangen das - zum Krieg. Sonny und Pete Knell, Chef der Frisco-Angels, legen die Regeln fest. »Keine Pistolen und keine Messer! Ketten, Flaschen, Bretter, Rohre und Stiefel - der ganze Scheiß war cool. Nicht drin war, dass man zum Haus eines Typen ging und ihn dort vor den Augen der Familie zur Sau machte. Auch auf der Arbeitsstelle sollte nichts laufen, ein Mann muss schließlich für sich und seine Familie Geld verdienen.« Bürgerliche Konventionen bleiben gewahrt, schließlich hat auch das Outlaw-Leben seine Grenzen. Und seine eigenen Gesetze. »Wenn ein Angel es einem anderen Typen besorgt - cool. Wenn er es von dem anderen besorgt kriegt, zum Teufel mit dem fairen Kampf.« Dann bekommt der bemitleidenswerte Sieger die geballte Macht der Hell’s Angels zu spüren. Die halten wenig vom staatlichen Gewaltmonopol. Als zwei Mitglieder des Outlaws MC einen Angel abknallen, reagiert Sonny gnadenlos brutal: »Dann erschießt ihr eben zwei von ihnen.« Auch einem Anschlag auf das Hauptquartier des verfeindeten Clubs stimmt er zu, obwohl der vermeintliche Attentäter - ein V-Mann des FBI, wie sich später herausstellt - zu bedenken gibt, dass Unbeteiligte im Haus sein könnten. »Dann kriegen sie das eben dafür ab, dass sie mit solchen Typen herumhängen.« Selbstjustiz ist meist nur die Kehrseite von Selbstgerechtigkeit. Und davon hat Barger eine ganze Menge. Das müssen auch zwei Typen erfahren, die dummerweise seinen Chopper klauen. Natürlich lässt der Erzengel die Polizei aus dem Spiel. »Wir verprügelten einen nach dem anderen mit der Lederpeitsche, droschen mit Stachel-Hundehalsbändern auf sie ein und brachen ihnen mit Hämmern die Finger.« Gewalt als Obsession. Als Sonny jemanden aus Versehen anschießt, hält er, passiert ist passiert, einfach noch mal drauf. Und mit einer Handvoll Getreuer schlägt der Exsoldat auf Demonstranten gegen den Vietnamkrieg ein. Die Angels sind eben doch nicht die Rebellen, zu denen einige ihrer Bewunderer aus den wilden Sechziger sie stilisiert haben, manchmal muten sie viel eher wie frustrierte Konservative an, die alle Hemmungen fallen lassen und nicht mit Worten, sondern mit Baseballschlägern argumentieren. Kein Wunder, dass sie für viele Amis eher hinterwäldlerischer Provinienz zu wahren Helden mutieren. »Wir waren wie die Kreuzritter, Dschingis Khan und die Gang von Jesse James zusammen.« Das Faustrecht spielte in der vergleichsweise kurzen Geschichte des Landes schon immer eine stupende Rolle. Gesetzlose wie eben Jessie James, Billy the Kid sowie Bonnie und Clyde stehen, zu Helden erhoben, im Pantheon der amerikanischen Nation. Ressentiments gegen die Staatsgewalt wabern allerorten. Die Knarre im Haus ersetzt nun mal, predigen die Waffenfetischisten der National Rifle Association, den nicht immer präsenten Law-and-order-Mann. Mit Hilfe des FBI hat sich die Staatsmacht an die Angels herangemacht, wollte sie 1979 zur kriminellen Vereinigung erklären und verbieten. Konnte nie klappen, weil die Anklage darauf baute, den Bikern nachweisen zu können, dass »die Aktivitäten sämtlicher Mitglieder eine kriminelle Verschwörung darstellten«. Unbestritten ist, und das gibt Barger nonchalant zu, dass einige Angels, darunter eine Zeitlang auch er, ihren Lebensunterhalt mit kriminellen Geschäften verdienen. Solche Typen gibt’s in anderen Vereinen zwar auch. Doch im Unterschied zur Schützengilde oder dem Fußballclub können diese Leute mit der unbedingten Solidarität aller übrigen Mitglieder rechnen. »One on all, all on one.« Das ist ein Schulterschluss, Angels nennen’s »brotherhood«, und selbst nach Strafgesetzbuch kein Verbrechen. Wenngleich es sicher ausgebuffte Typen geben mag, die diese Mechanismen und damit den MC geschickt zu ihrem persönlichen Vorteil nutzen. Barger gehört definitiv nicht zu dieser Klientel. Und seine Memoiren - seien sie politisch noch zu inkorrekt - bringen gerade deshalb ein spannend geschriebenes Stück Zeitgeschichte aus einer anderen Welt. In der man stolz die Liste seiner Verhaftungen und Gefängnisstrafen ans Ende des Buchs setzt. »Um ein richtiger Mann zu werden, muss man in der Army gewesen sein und eine Zeitlang im Knast gesessen haben.« Und natürlich Motorrad fahren. Auf Harley schwört er dabei übrigens nicht. »Wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich eher für eine Honda ST 1100 oder eine BMW entscheiden.« Die Lebenserinnerungen von Sonny Barger sind zum Preis von 36,50 Mark im Europa Verlag erschienen. ISBN 3-203-75536-K.
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Hell´s Angels: Reportage und Buchbesprechung (Archivversion) - Hell’s Angels vor Gericht

Im Herbst 1999 legten einige hundert Bones in Deutschland ihre Kutten ab und schlossen sich den Hell’s Angels, bis dato ein eher elitärer Haufen, an. »Wenn wir neue Mitglieder in unseren Club aufnehmen, wollen wir ganz genau wissen, mit wem wir es zu tun haben«, schreibt Sonny Barger. Es bleibt das Geheimnis der deutschen Angels, wie sie diese Kontrollfunktion gelöst haben. Kurz danach wurden aus den gelben Ghost Riders Probechapter der Bandidos. Die Polizei befürchtete skandinavische Verhältnisse - dort hatten sich die beiden MC in den Neunzigern einen blutigen Bandenkrieg geliefert - und schlug zu. Fast ausschließlich gegen Ex-Bones. Razzien in Nordrhein-Westfalen, Hamburg, Hannover und Berlin. Verhaftungen, Beschlagnahme von Waffen und Rauschgift, Geld, Schnaps und Motorrädern. Die Vorwürfe: schwerer Raub, Vergewaltigung, Erpressung, Körperverletzung, Rauschgifthandel. Der nordrhein-westfälische Innenminister Franz Behrens, SPD, ließ im Februar 2001 das Düsseldorfer Charter verbieten, weil es sich dabei um eine kriminelle Vereinigung handle. Wie in Hamburg anno 1983 - damals lautete die Beschuldigung Schutzgelderpressung - erfolgte dieses Verbot lediglich auf dem Verordnungsweg, strafrechtlich konnte noch keinem MC nachgewiesen werden, als solcher, also Mitglied für Mitglied, bewusst in kriminelle Handlungen verstrickt zu sein.

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