Hillclimbing in Rachau/Österreich (Archivversion) ...kommt vor dem Fall

Runter kommen sie immer. Bei der inzwischen schon legendären Kletterpartie am Steilhang im steirischen Rachau dreht es sich nur um das Wie.

Das ist die geilste Party Europas«, schwärmt Albert Kemenater aus Heilbronn. Daß er sein Honda-Dreirad schon bei Höhenmeter 75 parken mußte, trübt die Laune nur wenig. Lag ja nicht an ihm. Mittelbar vielleicht. Vergessen, den Benzinhahn aufzumachen. Kann passieren unter dem Druck der Öffentlichkeit - die den gebürtigen Südtiroler auf dem Weg nach unten für den Fauxpas denn auch kräftig verlachte. Doch dazu waren sie letztlich auch gekommen, Albert und die 10 000 Fans - zum Lachen, Höhnen und Schenkelklopfen. Geeint vom gemeinsamen Motto: Die schönste Freude ist eben doch die Schadenfreude. Und dazu lieferte Albert - dank besagten Benzinhahns - seinen klitzekleinen Beitrag.Die Stars der Manege im 35-Seelen-Örtchen Rachau in der österreichischen Steiermark pflegen andere Abgänge von ihrer 175 Meter langen und im letzten Stück gut 80 Prozent steilen Bühne. Für einen Augenblick im Rampenlicht bedarf´s nicht mal einer Rekordweite. Einzig der Weg nach unten zählt. Und soll´s dem Volk gefallen, sollten Roß und Reiter bitte schön getrennte Wege gehen. Wohlgemerkt, die Mehrheit der insgesamt 350 Berg-Werker entscheidet sich in der Höhenluft letztlich doch kleinmütig zugunsten ihres Geldbeutels statt für den kurzzeitigen Ruhm. Wenn nichts mehr vorwärtsgeht, hilft fast immer das bewährte Kletterer-Rezept: Lenkerende in den griffigen Waldboden gewuchtet, und der meist betagte Cross-Hobel bleibt oben bei Herrchen. Talentsucher stehen da schon auf die Freiheit der Technik. Wenn sich das aufbäumende Vehikel vom Zwang des Dompteurs entledigt, das durchdrehende Hinterrad am nächstbesten Erdklumpen der Drehung noch mal kräftig Schwung gibt, dann kann´s mit der Karriere was werden. Mit jedem Einschlag auf dem Weg zu Tal wird der Jubel der Masse am Gegenhang lauter, mit jedem Teil, welches das Stollenroß von sich wirft, das Raunen sonorer, und je kompakter der Rest unten am Hang zum Liegen kommt, desto größer die Verehrung für den Reiter hoch oben im Berg. Und weil dem eben so ist, zieht es Jahr für Jahr immer mehr ins ansonsten so idyllische Örtchen in der Steiermark. Von den wahren Enduro-Könnern freilich immer weniger. Die mögen ihre gewienerten und getunten Untersätze für das alpine Gaudi-Max nicht mehr opfern. Das Feld bilden inzwischen andere: Neugierige, Freaks und Exoten - die mittlerweile auch wissen, daß viel weiter unten der Ruhm lockt - vorausgesetzt man weiß, sich in Szene zu setzen.Wie etwa Johannes und Gerhard Schopohl aus dem benachbarten Judenburg. Gut drei Wochen haben die Brüder, die sich als professionelle Waldarbeiter auch sonst just an den Hängen um Rachau zu schaffen machen, an ihrem römischen Streitwagen gebastelt. Ein paar Meter Wasserleitungsrohr für den Wagen, etliche Quadratmeter Pappe als Verkleidung für die KTM Enduro und als Schutzschild eine Original-Mercedes-Lkw-Radkappe reichten, um auch ohne panem für circensis zu sorgen - auch wenn Ben Hur samt Roß bereits kurz nach der Startbarriere dem Berg erlagen.Womit sie das Schicksal der meisten ihrer durchaus kreativen Kollegen teilten. Ob das Werk der gleichnamigen Verwandtschaft aus Murau, ein Planwagen im Schlepp von zwei Honda-XR-Gäulen oder dem rasenden Lindwurm auf einer steinalten KTM, wer schon vor dem Start zu gefallen weiß, der braucht später nicht mehr mit Blech- und Plastikschaden um Fürsprecher zu buhlen.Überhaupt, der Schatten des Teufelsbergs verzerrt die Relationen. Weitenjäger oder Champions sind kaum gefragt. Es sei denn, einer von ganz, ganz wenigen donnert mit sattem Schwung den braunen Dragstrip hoch, hechtet über die scharfe Erdkante bei 140 Metern und läßt die Stollen ins noch jungfräuliche Gras beißen. Dann wacht die Menge auf, treibt ihn mit Geschrei und Böllerschüssen Zentimeter für Zentimeter weiter hoch. Getrieben von der Hoffnung, Zeuge der Erstbesteigung zu sein. Bisher immer vergebens: Die Gipfelgötter von Rachau haben noch keinen der Erdlinge auf ihren röhrenden Gefährten auf ihren Olymp gelassen.Auch nicht Lokalheld Manfred Kainz. Schon seit dem ersten Gipfelsturm vor vier Jahren hat er dem Berg den Kampf angesagt. Und schon zweimal war er es, der dem Gipfelkreuz am nächsten kam. Auch in diesem Jahr. Doch ganz nach oben hat es wieder nicht gereicht. Auch nicht für Für Udo Grellmann ebenfalls nicht. Der ehemalige Staats-Endurist, der eine auffallend große Fangemeinde aus den neuen Bundesländern hinter seinem Rücken wußte, ließ seine MuZ Baghira so behend wie der Panther aus Walt Disneys Dschungelbuch nach oben pirschen, wühlte sich weit, weit durch den finalen Grünstreifen und mußte letztlich doch bei Meter 148 passen. Platz drei sollte aber reichen - zumindest als ganz persönlicher Anlaß für die geilste Party Europas.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote