Hinter den GP-Kulissen (Archivversion) Im Namen des Volkes

Wenn die Zuschauer nicht mehr zum Rennen kommen, muß das Rennen zu den Fans kommen. 64000 Fans beim Grand Prix auf dem Sachsenring bewiesen nach jahrelangem Zuschauerrückgang eindrucksvoll die Richtigkeit dieser Idee. Die Fahrer waren eher geteilter Meinung.

Hubschrauberfliegen im Wohnzimmer - das ist die schon fast klassische Metapher für das Formel 1-Rennen in Monaco. Und so könnte man auch die Befürchtungen umschreiben, welche eine Vielzahl von Fahrern, vor allem natürlich aus der 500er Klasse hegten, als sie sich erstmals mit dem halbpermanenten, 3,5 Kilometer langen neuen Sachsenring konfrontiert sahen - einer engen Folge von Kurven, die im richtigen Leben nicht primär als Rennstrecke, sondern als Verkehrssicherheitszentrum genutzt wird.Die tiefgreifenden Umbauten an der erst zwei Jahre alten Strecke, die mit Höchstgeschwindigkeit gestartet wurden, als im November der deutsche Motorrad-Grand Prix ins Sächsische vergeben wurde, sorgten dafür, daß die Rennfahrer sich jetzt nicht mehr wie Helikopter-Piloten in einer Sozialwohnung fühlen, sondern eher wie in einem privilegierten Luxusappartement. Immerhin stiegen, wie das Data Recording von Red Bull-Yamaha 500-Werksfahrer Simon Crafar belegt, die gefahrenen Geschwindigkeiten gegenüber den bisherigen Superbike-DM-Rennen auf dem Sachsenring deutlich. Mit über 250 km/h donnerte der Donington-Sieger über die Zielgerade. Zum Vergleich: Vor dem Umbau kam zum Beispiel Kawasaki-Superbiker Jochen Schmid gerade mal auf knapp 200 km/h. »Natürlich ist es hier sehr schwer zu überholen. Und du mußt als 500er V4-Fahrer schon sehr schwer arbeiten. Aber die vielen Fans bringen den ganzen Grand Prix-Sport doch wieder nach vorn.« Mit der Strecke wesentlich weniger einverstanden war 500-cm³-Weltmeister Michael Doohan: »Für eine 500er Rennmaschine ist dies die schlechteste Strecke, auf der ich je gefahren bin. Alles ist viel zu eng. Die Anlage insgesamt ist sehr schön, aber die Piste ist für einen Grand Prix ungeeignet.« Eher unerwartete Schützenhilfe erhielt Doohan vom WM-Tabellenführer der 125er Klasse. Der Japaner Kazuto Sakata stellte lapidar fest: »Dies ist eine Strecke für Mini-Bikes, und ich bin schon lange kein Mini-Bike-Fahrer mehr.«Aber es gab auch andere Reaktionen bei den Spitzenfahrern. 125er Weltmeister Valentino Rossi fühlte sich mit seiner 250er Werks-Aprilia sehr wohl. »Ich finde mich gut zurecht auf so einer engen, verwinkelten Strecke. Das erinnert mich an meine Anfangszeiten in den italienischen Nachwuchsserien. Das macht unheimlich viel Spaß.«Der größte Fan des Sachsenrings unter den Fahrern ist ganz klar Ralf Waldmann. Der deutsche Superstar verbindet dabei natürlich die Freude über ein volles Haus beim Heim-Grand Prix und seine massenhaft auftretenden Fans mit den Vorteilen, die er mit seiner leichteren und flinkeren Dreizylinder-Modenas auf der Micky Maus-Bahn gegenüber den leistungsstärkeren V4-Boliden hat. »Wir haben hier auf dem Sachsenring natürlich wesentlich bessere Chancen gegen die Vierzylinder als auf anderen Strecken. Und außerdem sind die Fans hier in Sachsen einfach unglaublich. Schade, das es nicht geregnet hat. Dann wäre noch viel mehr drin gewesen.« Aber auch im Trockenen und mit der immer noch nicht ganz ausgeheilten Handverletzung von seinem Sturz Ende Juni in Assen war Waldis siebter Rang mehr als genug Grund zum Feiern für die 64000 Fans.Die Zuschauer insgesamt - bereits am Freitag zu den ersten freien Trainings säumten schon über 30000 die Strecke - nahmen den neuen Schauplatz des deutschen Grand Prix mit Begeisterung an. 26 Jahre nach dem Ende des Grand Prix der DDR als WM-Rennen auf dem alten Straßenrundkurs feierten die bekannt motorsportverrückten Sachsen ihr Comeback auf der Bühne des großen Rennsports als grnezenloses Fest. Und sie ganz allein sind auch Grundlage und Garant des Sachsenring-Erfolgs. Die Damen und Herren im Management, bei der Promotion-Agentur Dorna wie beim ADAC Sachsen, müssen deshalb vorsichtig sein beim Verteilen der Verdienstmedaillen für die gelungene Veranstaltung. Die stetige Abwärtstendenz der Zuschauerzahlen beim Grand Prix Deutschland seit den 80000 von Hockenheim 1991 ist zwar gestoppt. Der Sachsenring ist trotzdem keine Trendwende für den kriselnden Grand Prix-Sport - dafür aber ein klarer Fingerzeig für den richtigen Weg: Der Berg muß zu Mohammed - die Rennen müssen zu den Fans kommen.

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