Hinter den GP-Kulissen (Archivversion) John Quichotte

John Kocinski kehrte zum großen Duell mit Mick Doohan in die Halbliterklasse zurück. Doch bis jetzt kämpfte er gegen Windmühlen.

Der Lauf in Mugello war John Kocinskis bisher bestes 500er Rennen seit seinem Grand Prix-Comeback. »Auf dieser Piste kannst du lange und tief in die Kurven hineinbremsen. Das paßt zu Johns Fahrstil mit viel Last auf dem Vorderrad«, erklärte Beobachter Kenny Roberts. Trotzdem blieben der sechste Rang im Training und Platz fünf im Rennen eine magere Ausbeute für den Superbike-Weltmeister, der eigentlich Supermann Mick Doohan hätte herausfordern sollen. Aber noch gibt es Hoffnung auf Besserung. In Mugello hatte Kocinski modifizierte Gabelbrücken zur Verfügung, die seine Nöte mit dem Honda-Fahrwerk bereits etwas lindern. Den Durchbruch soll ein komplett neuer Rahmen bringen, den die Honda Racing Corporation (HRC) für Kocinski entwickelt.Denn der Amerikaner ist weit mehr als nur der Angestellte eines Leasing-Teams. Ende 1997 Saison hatte er sich bereits mit dem Gedanken an ein weiteres Jahr in der Superbike-WM angefreundet, als er von HRC-Chef Suguru Kanazawa mit der Begründung in die Halbliterklasse verfrachtet wurde, höchstklassige Fahrer müßten auch in der höchstklassigen Kategorie starten. So entstand bei der spanischen Equipe MoviStar ein Team im Team, für das Chef Sito Pons Sondervergünstigungen wie kostenlose Ersatzteile aushandelte und das wie Doohans Werksmannschaft ständig unter japanischer Beobachtung steht, um stets und sogleich auf die Wünsche des Stars reagieren zu können. Als sich Kocinski nach dem Malaysia-Grand Prix bei Honda beispielsweise über die Arbeitsweise der Pons-Truppe beschwerte, wurde ihm sofort ein weiterer japanischer Techniker zur Seite gestellt. Der Wunsch nach einem neuen Chassis bringt Honda schon mehr in Bedrängnis. Derzeit hat die Rennabteilung bereits alle Hände voll zu tun, um den Ersatzteilhunger der GP-Teams zu stillen, außerdem stehen die prestigeträchtigen Acht Stunden von Suzuka an. Und weil Honda ohnehin alle 500er Rennen gewinnt, gibt es sportpolitisch nur geringen Handlungsbedarf, auf Kocinskis Sonderwünsche einzugehen.Noch ist der Amerikaner felsenfest davon überzeugt, HRC werde wie bei den Superbikes sämtliche seiner Probleme aus der Welt schaffen. »Im Moment arbeiten wir daran, mich und das Motorrad kompatibel zu machen. Honda weiß aus der Erfahrung der Vergangenheit, daß ich Rennen gewinnen kann, wenn ich mich auf dem Motorrad wohl fühle« erklärt Kocinski. »Diese NSR 500 wurde für Doohan entwickelt. Dessen Fahrstil ist völlig unterschiedlich zu meinem. Ich brauche keine Zeit, ich brauche nicht mehr Rennen, ich brauche nicht mehr Training. Ich weiß genau, was ich brauche - und das muß erst noch geliefert werden.«Daß er sich auf diesen Standpunkt zurückzieht und nicht wie seine Klassenkameraden nach Wegen sucht, um seine Probleme herumzufahren, irritiert sein Team. Offiziell bezeichnet Pons seinen Star als Profi, der wisse, worum es geht. Hinter vorgehaltener Hand wird freilich längst irritiert darüber getuschelt, daß John mit turmhohem Ego auftritt und fordert, das Motorrad habe sich ihm anzupassen, anstatt zumindest vorläufig den umgekehrten Weg zu suchen. »Bislang hat noch niemand mein wahres Potential gesehen«, stellt Kocinski fest. Wenn sich die nächsten Modifikationen seiner Honda nicht als Volltreffer erweisen, könnte es dabei bleiben, auch wenn nicht jeder einen so radikalen Standpunkt vertritt wie sein einstiger Teamgefährte Wayne Rainey. »John trat 1991 in der Halbliterklasse an, um uns alle zu verbraten. Daß ich das verhindert habe, hat ihn innerlich zerbrochen. Seine Karriere war schon 1992 zu Ende.“

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