Hinter den Kulissen: Klassik-Renner (Archivversion) Mit Leib und Seele

Wenn ölverschmierte Männer im gereiften Alter an gereiften Rennmaschinen basteln, bleibt kein Auge trocken. MOTORRAD hat die Klassik-Szene beim Oldtimer-Festival auf dem Nürburgring zwischen Ölwechsel und Grillwurst beobachtet.

»Also, wenn du die ganze Geschichte meiner BMW wissen willst, müssen wir schon ein Bier aufmachen.« Es bleibt nicht bei dem einen, und die Geschichte der BMW von Peter Stärk passt auch dann nicht in dieses Heft, wenn ich es vom Leitartikel bis zu Holger Aue voll schreiben würde. Und die bildschöne 500er ist nur eine unter vielen zu bestaunenden Objekten. Mit diesem 130 Kilogramm leichten Eigenbau hatte der unvergessene Ferdinand Kaczor die Rennszene der 60er Jahre aufgemischt.Gleich nebenan lehnt eine Honda CB 72, Baujahr 1964, am Wohnwagen von Ex-Rennfahrer Gerd Schneider. Auf den ersten Blick eine der üblichen Bastelbuden, auf den zweiten Blick ein Motorrad mit Geschichte. Walter Sommer jagte mit so einer 250er zum deutschen Juniorenpokal-Meistertitel. Klar ist das Finish nicht zu vergleichen mit dem, was heute um die Wette rennt. Doch damals galt es schon als Sensation, wenn jemand in der Rennszene schweißen konnte. Oder eine Drehbank besaß. Käufliche Production Racer waren damals rar und teuer, und so entstanden aus biederen Serienkisten dröhnende Racer, die heute unter der Schirmherrschaft des Veteranen-Fahrzeug-Verbandes, kurz VFV, wieder ihre Runden drehen. Liebevoll aufgepeppelt von Männern, die seinerzeit ihre Helden nur von der Tribüne aus vorbeiflitzen sahen und sich heute die nötigen Groschen und die Zeit gönnen, ihre Jugendträume auszufahren. Logisch geht es auch um Rundenzeiten und Pokale. In erster Linie aber geht’s um die Leidenschaft zum alten Eisen, ums ewige Schrauben und Pfrimeln, um den Sound aus geschwungenen Megaphonen, um den wabrigen Dunst aus Castrol R30 und Grillwürsten. Wenn am Abend die Holzkohle knistert, die grauhaarigen Haudegen – pfffumpp – elegant mit der Rohrzange ein Bierchen köpfen, mit öligen Fingern einen lecker eingelegten Schweinebauch auf den Rücken drehen, wenn die alten Geschichten ihre Runde machen, dann ist das Leben der komplett Angefressenen im Lot.Selbst dann, wenn das Wochenende im Chaos versinkt und der Kolbenklemmer am Morgen nur die Ouvertüre zu einem einzigen technischen Desaster war: Kettenriss und Kabelbrand, gekrönt von einem Abflug auf dem eigenen Öl. Was bleibt, sind die Freunde, die den Scherbenhaufen im Transporter verstauen. Schwamm drüber, in vier Wochen läuft’s wieder. Weil in der Klassik-Clique jeder einen kennt, der irgendwas besorgen oder zusammenflicken kann. Wenn nicht, wird improvisiert was das Zeug hält. Man will ja nicht mehr Weltmeister werden.Unter dem Motto der hemmungslosen Improvisation erblickten auch viele Maschine der Kategorie Clubsport bis Baujahr 1978 das Licht des Fahrerlagers. In den Klassen T bis X rennt alles, was zwei Räder und den Stempel der technischen Abnahme hat. Suzuki GT 750, eine Komposition aus Kabelbinder und Schweißdraht, gegen Kawasaki H2R, schicke Laverda gegen Frau Lehmann aus dem Hause Guzzi, Zabrocky-BMW gegen minimalistische Hercules Wankel W 2000. Kraut gegen Rüben, oft mit wenig Geld, aber viel Fleiß und Geschick toll zurechtgemacht.Tja, und dann gibt’s da noch die Gilde der Edelschrauber, wie den Schweizer Peter Beugger, der einen aufgemöbelten Honda-CB 450-Motor im verstärkten Drixton-Fahrwerk spazieren fährt. Wobei seine Spaziergänge in der Clubsport-Klasse eher dem ultimativ letzten Ausritt gleichen. Der Eidgenosse kennt kein Pardon. Auch nicht bei seinem Material. Loch an Loch und hält doch – nach diesem Prinzp wurden in der Vor-Kohlefaserzeit klumpenschwere Großserienteile zu zerbrechlich leichtem Renn-Equipment zerspant. Nur nicht so akribisch, so fein wie am Schweizer Kracher. Ein Schmuckstück sondergleichen, an dem man die unzähligen Arbeitsstunden bei jedem Feilenstrich ablesen kann. Auch die Armada der Yamaha TZ-Reiter, die Klasse der Grand-Prix-Maschinen bis Baujahr 1978 bevölkern, steht mehr auf Feinarbeit und den letzten Schliff. Von der neuwertigen TD 2b bis zur TZ 500 kommen die Zweitaktfreaks der Dieter-Braun-Ära voll auf ihre Kosten. Und wer für ein paar Stunden das Kribbeln auf einem reinrassigen TZ-Renngerät auskosten möchte, kann sich beim Team um Manfred Niederhausen aus dem fränkischen Rohr-Regelsbach einmieten. Einfach draufsitzen und fahren. Und bezahlen natürlich.Der Autor, bislang der Meinung, jedes Ducati-Modell am Geruch zu erkennen, steht in Box Nummer 31 ziemlich auf dem Schlauch. Dreifuffziger-Zweizylinder in Reihe, drei, jawohl, drei obenliegende Nockenwellen, geschwungener Federbettrahmen, Kurzschwinge vorn. Keinen blassen Schimmer. »Na, junger Mann, da staunst?« ertappt mich ein älterer Herr, der ohne Umschweife zur Sache kommt. Mike Hailwood, einer der wenigen betuchten Rennfahrer dieser Ära, ließ sich eine handgeschnitzte 250er von Ducati anfertigen, bestellte noch die 350er-Version nach, für die Renolds in England den Doppelschleifenrahmen bog. Womit auch hier die ganze Geschichte noch lange nicht zu Ende ist. Doch wie gesagt, es gibt noch Dutzende von sehens- und hörenswerten Verbrennungsmaschinen, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte. Nächste Möglichkeit für den amüsanten Spaziergang durch die Vergangenheit: beim Oldtimer Festival 2003 auf dem Nürburgring. Man sieht sich. Garantiert.

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