Hinter den Kulissen (Archivversion) Grand mit Vieren

Der vierfache 500er Weltmeister Michael Doohan wird mit jedem Titel offener und gesprächiger. Nur über seinen neuen Vertrag schweigt er sich weiterhin aus.

Nach seinem vierten Titelgewinn stand Michael Doohan in Donington stundenlang geduldig vor Mikrofonen und gezückten Notizblöcken, schrieb Autogramme und ließ sich für Erinnerungsfotos ablichten. Die Frage, wo er denn nun im nächsten Jahr fahren werde, beantwortete er allerdings immer noch nicht. Bei Honda hat er ein perfektes Motorrad, ein gewohntes, angenehmes Umfeld und die Chance, nach dem Gleichstand mit den vierfachen Weltmeistern Mike Hailwood und Eddie Lawson vielleicht doch noch eines Tages in die Sphären des legendären Italieners Giacomo Agostini aufzusteigen, der in den 60er und 70er Jahren nicht weniger als sieben Halbliter-Titel errungen hatte. Bei der Konkurrenz gibt es diese Aussichten kaum, dafür aber die Verlockung auf ein neues Abenteuer, versüßt mit einem Goldrausch, der, so Doohan, »das andere Angebot wie Wechselgeld aussehen läßt«. Konkreter wurde er nicht, doch es war klar, daß er bei HRC-Präsident Shinozaki mit neuen Gehaltsforderungen abblitzte. Der Chef der Honda-Rennabteilung hält Doohans gegenwärtiges Jahresgehalt von über drei Millionen Dollar für angemessen, während Yamaha und Suzuki offenbar phantastische Summen nahezu bis zum Doppelten in Aussicht stellen. »Bis zum Monatsende weiß ich mehr«, wehrte Doohan alle Fragen nach seiner sportlichen Zukunft ab. Die eigentliche Neuigkeit war, daß der einst so verschwiegene Australier überhaupt so lange bei den Leuten blieb. Doohan war schon immer ehrlich, drückte sich früher aber gern vor lästigen Interviews und verschwand im Dunkel der Box oder hinter den verspiegelten Scheiben seines amerikanischen Motorhomes. Nach vier Weltmeistertiteln in Folge und 44 GP-Siegen hat er diese Scheu abgelegt und verwandelt sich vom gefürchteten, spröden Langweiler in einen charmanten, klugen Gesprächspartner, der Allerweltsfragen mit Geduld, kritische Fragen mit Diplomatie und private Fragen aus dem Herzen beantwortet. So erklärt Mick Doohan nicht nur, daß er später keine Lust auf einen Job als Teamchef hat, sondern auch, warum: »Als Formel 1-Teamchef konstruierst du dein eigenes Auto und kannst deine Aufgabe selbst in die Hand nehmen. Im Motorradsport bist du nur ein Ersatzteilverwalter.« Der Australier vermeidet auch Allerweltsfloskeln, wenn es um seinen unstillbaren Siegeshunger geht. »Vor meinem Unfall 1992 in Assen fiel mir das Siegen leicht, und als ich mit diesen Komplikationen an meinem rechten Bein im Krankenhaus lag, war mein ganzes Denken darauf ausgerichtet, wieder dorthin zu kommen. Auch heute noch ist die Selbstmotivation meine stärkste Kraft. Ich fahre nicht für Siege oder gegen andere, sondern weil ich den Drang habe, das Beste aus mir herauszuholen. Manchmal gewinne ich, bin aber trotzdem nicht happy, weil ich das Gefühl habe, nicht alles gegeben zu haben.«Doohan erzählte, daß er sich immer den linken Handschuh und den linken Stiefel zuerst anzieht und auch stets von der linken Seite in den Sattel klettert. Daß er an Gott glaubt, aber nicht in die Kirche geht. Daß er irgendwann Freundin Selina heiraten und eine Familie mit zwei oder drei Kindern gründen will. Daß er das Fahrerlager so empfindet wie andere ihr Bürogebäude und daß er im Renngeschäft außer Daryl Beattie eigentlich keine Freunde hat. Und daß es ihm beim jetzigen Trubel am liebsten ist, seine Freizeit irgendwo an einem einsamen Strand zu verbringen oder mit alten Freunden auf einem Speedboot aufs offene Meer hinauszubrausen. Anderswo als am Wasser zu leben ist für den an der australischen Goldküste geborenen Michael Doohan unvorstellbar. Im Grand Prix-Sport will der Weltmeister noch mindestens zwei Jahre bleiben: »Als ich 23 war, dachte ich, mit 32 sei ich ein alter Mann und müsse zurücktreten. Jetzt bin ich 32, fühle mich so gut wie mit 23 und habe mehr Spaß am Rennfahren denn je. Momentan denke ich, daß 1999 mein letztes Jahr in der WM sein könnte!“

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