Hinter den Kulissen (Archivversion) Aktion Sorgenkind

Der ADAC adoptierte den Deutschland-Grand Prix im Dezember 1996. Jetzt wurde bei dem Findelkind gesundes Wachstum festgestellt.

Am Samstag zählte man 9000 Fans, für Sonntag wurden 22000 bekanntgegeben und wenig später auf 24000 korrigiert, die Zuschauerzahl für das gesamte Wochenende betrug schließlich 36000 - ein Wert, der auch die Experten überraschte.Damit war der Grand Prix Deutschland auf dem Nürburgring zwar kein Publikumsmagnet, aber immerhin ein Teilerfolg für den Veranstalter ADAC. Einerseits klafft zwar in der Endabrechnung eine Deckungslücke von deutlich über einer Million Mark, weil die Eintrittspreise gesenkt wurden und die 1996 eingeführte Vorab-Besteuerung von Veranstaltungsgagen den Grand Prix so verteuerte, daß er sich erst ab 40000 Sonntagszuschauern aus eigener Kraft getragen hätte. Andererseits lag die Zuschauerzahl ein volles Drittel über dem Vorjahresergebnis, womit das Sorgenkind längst nicht so verkümmerte, wie es hämische Kritiker vorausgesagt hatten.Erst im Dezember 1996 und längst, nachdem die Agentur Moto Motion vom WM-Vermarkter Dorna wegen offener Rechnungen als Promoter geächtet worden war, hatte der ADAC den deutschen GP adoptiert, weil kein anderer Veranstalter in Sicht war. Beim Alleingang von ADAC-Organisationschef Martin Wimmer, der sich beim GP 1996 mit dem damaligen Partner Moto Motion verkracht und damit auch Teile der deutschen Motorradindustrie gegen sich aufgebracht hatte, ging etliches schief. So waren erst sehr spät Informationen über das Beiprogramm zu bekommen; die Verwirrung zog sich hin bis zur letzten, kurzfristig um eine Woche verschobenen Haupt-Pressekonferenz in Köln, bei der Ralf Waldmann als Zugpferd Nummer eins prompt durch Abwesenheit glänzte.Der ADAC zeigte sich in vielen Dingen als schwerfälliger Riese. So irritierend System und der frühe Stopp des Kartenvorverkaufs waren, so unverständlich bleibt, warum die ohnehin per Computer ausgedruckten Tickets nicht einfach bei jeder ADAC-Geschäftsstelle zu beziehen waren.Doch es gab auch Achtungserfolge. Die vom ADAC eingeschaltete Medienagentur hatte mit einer Quiz-Aktion für Freikarten bei 50 Tageszeitungen und Radiostationen einen derartigen Erfolg, daß die 0130-Leitungen wegen Überlastung zusammenbrachen. Zu Pressekonferenzen kamen insgesamt doppelt so viele Journalisten wie im Vorjahr, für die Veranstaltung selbst war die Rekordzahl von 200 Medienvertretern gemeldet.Die Zuschauer bei Start und Ziel erlebten die Rennaction nicht nur live auf der Strecke, sondern auch auf einer großen Videoleinwand, ergänzt durch von MOTORRAD-Redakteuren gedrehte Clips aus Fahrerlager und Boxen. Die Action-Show mit Motorradartisten auf der Zielgeraden trieb bereits am Samstag Tausende von Zuschauern auf die Haupttribüne, abends drängten sich die Fans im brechend vollen ADAC-Zelt, wo MOTORRAD eine Talkshow mit prominenten Gästen von Helmut Dähne und Dieter Braun bis Jürgen Fuchs und Luca Cadalora inszenierte.Trotzdem gibt es für die Zukunft viel zu verbessern. Einer der Hauptkritikpunkte bleibt der Standort. Nach wie vor gibt es am Nürburgring zu viele Zäune, immer noch sitzen die Zuschauer viel zu weit vom Geschehen entfernt, und auch in diesem Jahr war das berüchtigte Eifelwetter morgens derart grausig, daß man keinen Hund vor die Tür gejagt hätte. »Der deutsche GP hat ein Zuschauerpotential von 50000 bis 60000. Doch wenn ich einen Laden mit vier grauen Betonmauern ohne Fenster habe, kann ich die schönsten Sonderangebote haben - es geht trotzdem keiner rein«, verglich UGT 3000-Teamchef Ralf Schindler fröstelnd. »Wenn eine solche Veranstaltung schon damit anfängt, daß die Polizei auf der Hauptzufahrtsstrecke einen Prüfstand aufstellt, um ungedrosselte Maschinen herauszufiltern, dann ist das nicht sehr einladend«, ergänzte Wimmer.Eine etwas wärmere Athmosphäre wäre vielleicht auf der neugebauten Strecke in Oschersleben (siehe Seite 160) zu schaffen. Doch zum Erfolg gehört neben dem Standort auch ein gründliches Nachdenken über die gesamte Grand Prix-Show, die nicht nur deutschen Fans als zu kümmerlich fürs Geld erscheint und an allen Schauplätzen bis auf Assen und Jerez zu herbem Zuschauerschwund geführt hat. Der ADAC will den Interessierten deshalb künftig mehr bieten, als passiv vom Tribünenplatz drei Solorennen mitzuverfolgen. Mit der Dorna soll ein Konzept verhandelt werden, das Fahrerlager für mehr als nur einen Pit-Walk zu öffnen und den Fans einen echten, ungefilterten Blick hinter die Kulissen zu ermöglichen.Außerdem soll das Beiprogramm ein GP-Wochenende auch für diejenigen attraktiv machen, die wegen der Rennen allein nicht anreisen würden. »Wenn die Formel 1 Michael Jackson verpflichten kann, dann muß beim Motorrad-Grand Prix doch mindestens Joe Cocker singen«, schlägt Ralf Schindler vor.

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