Hinter den Kulissen––––– (Archivversion)

Baby an Bord–––––

Marco Melandri ist gerade mal 16 Jahre alt - und lehrt seinen Gegnern in der 125-cm³-WM bereits überall das Fürchten.

Daß Lehrjahre keine Herrenjahre sind, bekommt Marco Melandri nur in seiner Technikerschule zu spüren, denn dort muß er das zweite Jahr wegen schlechter Noten repetieren. »Manchmal«, seufzt er, »frage ich mich, warum ich mir diesen Betrieb überhaupt noch antue.«Denn in seinem Beruf als Rennfahrer hat der Teenager längst die Meisterprüfung abgelegt. Ausgerechnet auf der schwierigen Piste von Assen, zehn Monate nach seinem WM-Debüt in Brünn 1997 und nach drei zweiten Plätzen hintereinander, ließ er den 32jährigen, abgebrühten Top-Favoriten Kazuto Sakata wie einen Anfänger stehen und wurde nach einer Schlußattacke in der berüchtigten Schikane im Alter von 15 Jahren, zehn Monaten und 20 Tagen als jüngster Grand Prix-Sieger aller Zeiten gefeiert.Der Erfolg war kein Zufallstreffer. Auf dem Sachsenring hatte er bis zur letzten Runde geführt, ehe er stürzte. Dafür gewann er in Brünn und fuhr in Imola nur um acht Hundertstelsekunden an einem weiteren Triumph vorbei - nachdem er im Training eine einsame Bestzeit vorgelegt hatte. »Daß Marco schnell fährt, ist eine Seite der Medaille. Noch phänomenaler ist, wie schnell er lernt«, stellt Loris Reggiani fest.Der 1996 zurückgetretene GP-Star war einst mit Vater Dino Melandri im Aspes-Cup angetreten und hatte das Ausnahmetalent des kleinen Marco 1995 entdeckt. Reggiani unterstützte damals zwei mittelmäßig begabte Nachwuchspiloten in der Sportproduktionsmeisterschaft. Marco bettelte so lange, bis er eine der Maschinen testen durfte. Mit hochverlegten Fußrasten legte sich der zwölfjährige Knirps ins Zeug - und war nach zwei Stunden nur noch um eine Sekunde vom Streckenrekord entfernt. Reggiani kaufte ihm eine Honda RS 125, und 1996 wurde Melandri bereits italienischer Meister.Jetzt ist er ein Weltstar mit einer noch schnelleren, noch kometenhafteren Karriere als der seines Freundes Valentino Rossi, dem er schon als Dreikäsehoch bei Pocketbike-Rennen um die Ohren fuhr. Wie Rossi liebt er Videospiele und bunte Bonbonfarben und verwandelte den Haarschopf vor dem Imola-Rennen zur italienischen Trikolore.Doch trotz seiner Jugend wirkt Melandri etwas leiser und bescheidener als sein drei Jahre älterer Kamerad. »Mein Motorrad hat eine perfekte Grundabstimmung. Deshalb kann ich mich voll aufs Fahren konzentrieren«, erläuterte er seine spontane Imola-Bestzeit und weiß die Anteile von Reggiani und Teamchef Massimo Matteoni an seinem Erfolg zu schätzen.Vielleicht hat seine Reife und Zurückhaltung mit dem frühen Verlust der Mutter zu tun. Sie starb, als Marco vier Jahre alt war, und weil Vater Dino keine Berufskarriere hatte, träumt Marco nun davon, viele WM-Titel zu sammeln und der Familie einst ein schönes Haus in der Heimatstadt Ravenna kaufen zu können.An andere standesgemäße Privatanschaffungen verschwendet Marco keinen Gedanken. »Demnächst will ich einen 125er Roller«, fällt ihm nach kurzer Überlegung ein. Die Vorstellung, mit 18 am Steuer eines Luxussportwagens zu sitzen, amüsiert ihn nur. »Ein Ferrari?« winkt er lachend ab. »Vielleicht ein Fiat 500...!“
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Marco Melandri (Archivversion)

Geboren: 7.8.1982Wohnort: RavennaAutogrammadresse: Benetton Motorbike HRC, Via Montebelluna 5/7, I-31040 Trevignano1990: Minimoto, Italienische A-Jugendmeisterschaft, Rang 81991: Minimoto, Italienische A-Jugendmeisterschaft, Rang 21992: Minimoto, Italienischer A-Jugendmeister1993: Minimoto, Italienische B-Jugendmeisterschaft, Rang 21994: Minimoto, Italienischer B-Jugendmeister1996: Honda RS 125 Trophy, 1 Laufsieg1997: Italienischer Meister 125 cm³ auf Honda, erster Grand Prix1998: 125-cm³-WM auf Benetton-Honda, 2 Siege

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