Holfelder, Moritz: Porträt (Archivversion) Geschüttelt, aber nicht gerührt: Bikes, Kultur und Benzin

Was »Das Buch vom Motorrad. Eine Kulturgeschichte auf zwei Rädern« bietet: Lesevergnügen und Aufklärung

Kaum war das erste Buch von Moritz Holfelder, das von Strandkörben handelte, fertig, fragte der Verleger ihn nach einer neuen Idee. Der Motorradfahrer stöberte und schmökerte, fand Tourenberichte, Modellhistorien, Firmenporträts und Schrauberanleitungen. Aber keinen einzigen Band, der sich um die Kulturgeschichte auf zwei Rädern drehte. »Das Buch vom Motorrad« macht also Sinn, freute sich Holfelder und begann im Herbst 1996 mit der Recherche. Besuchte das Elefantentreffen, die Jahreshauptversammlung der Biker Union, kramte in Londoner Zeitungsarchiven nach Bildern. Zwei Jahre später floß ihm seine Kulturhistorie des Motorrads binnen acht Wochen aus der Feder. Das gedruckte Ergebnis liest sich vergnüglich. In vorhandene Schubladen paßt es jedoch nicht. »Ich wollte den Blick auf das Motorrad nutzen, um die Verästelungen in Bereiche wie Gesellschaft, Kunst, Politik, Technik zu zeigen«, erklärt Holfelder.Schwerpunkt bildet die Historie, die rund 120 von den insgesamt 240 Seiten abdeckt. Dabei mischt der Autor reine Informationen, zum Beispiel über das erste Serienmotorrad, mit witzigen Berichten von Autoren wie dem Dadaisten Kurt Schwitters. Der schildert sehr amüsant eine Motorradausfahrt, die im Knast endet, weil ihm »der Jaul« durchgeht. So entsteht aus vielen Mosaiksteinchen ein Bild, das neben der Entwicklung der Modelle und Marken auch den Wandel der Einstellung gegenüber Zweirädern aufzeigt. Kurioses, wie ein zur Gefängniszelle ausgebauter Beiwagen, in den die Polizei im Los Angeles der 20er Jahre Rowdys steckte, aber auch eine unverklärte Darstellung der Kradmelder im Zweiten Weltkrieg bietet die Lektüre. Ein aufklärerischer Ansatz, der vielleicht nicht jedem liegt. »Wenn ich schreibe, mache ich das in erster Linie für mich. Ich habe keine Zielgruppe«, sagt Holfelder. Als Einstiegsdroge empfiehlt er die Typologie der Biker: Vom Ablederer bis zum Wochenendrocker bekommt jeder sein Fett ab.Wie das Touren auf zwei Rädern Menschen verändert, zeigt die Interpretation historischer Reiseberichte. Zwischen Mutlosigkeit und Begeisterung schwankt das Psychogramm der Fahrer, die neben der Ferne auch die eigene Seele erkunden. Auch »Künstler geben Gas«. Zahllose Filme über Outlaws und Bücher von Schriftstellern wie John Berger, mit dem er befreundet ist, stellt Holfelder vor. Nebenbei erfährt der Leser, daß die Dichter Franz Kafka, Samuel Beckett und der Verhaltensforscher Konrad Lorenz etwas gemeinsam hatten: die Liebe zum Motorrad. Außer den Zusammenfassungen gibt´s auch Originelles: die Sicht eines Ethnologen, der Schlamm-Catchen und Bullenreiten bei einem Biker-Treffen als merkwürdige Stammesriten begreift. Sich schließlich aber dem Gerstensaft ergibt und mitmischt. Dabei bleiben die Rocker in einem eigenen Kapitel keineswegs ungeschoren: »Es geht bisweilen zu wie beim Treffen der Schrebergärtner...«Zwischen »Historie«, »Fern- und Nahverkehr« streut der Autor eigene Erzählungen über Schnee in den Alpen, der ihn im August überraschte, bis zum Fastunfall, der seine Knie zittern ließ. Zum Schluß porträtiert Holfelder einige wichtige Motorräder und Motorradfahrer. Faszinierend für ihn: »Die Offenheit vieler Biker.«Moritz Holfelder: Das Buch vom Motorrad. Eine Kulturgeschichte auf zwei Rädern. 29,80 Mark. Husum Druck- und Verlagsgesellschaft. ISBN 3-88042-862-X.

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