Hollister: 50 Jahre Mythos der Rocker (Archivversion)

Von Bikern, Outlaws und skurrilen Vereinen - was aus einem typisch amerikanischen Mythos so alles werden kann.

Da schrieb also vor fünfzig Jahren die Presse ihr Sommerloch mit Horrorstories über randalierende Motorradfahrer zu, eilfertige Biker-Funktionäre distanzierten sich von den vermeintlich kriminellen Elementen der Szene, Brando veredelte diesen Sturm im Wasserglas zum herrlich verlogenen Melodram - und schon war ein Mythos geboren: Hollister. Die Amis mit ihrer kurzen Geschichte von ein paar hundert Jährchen brauchen solche Legenden. Weil sie sich darüber definieren. Da avancieren Tellerwäscher zu Millionären, Slum-Bubis enden als Basketball-Helden; und in ihrem Nationalepos, dem Western, wäre der Gute mit dem weißen Hut ohne den bösen Buben in Schwarz völlig überflüssig. Den brillanten Fiesling braucht’s einfach.Mit diesem Image kokettiert auch ein Teil der Motorradszene: die Kuttenträger, die sich rührend bemühen, ihr Outlaw-Image zu kultivieren. Das fängt schon damit an, daß sie sich mit ihrer Kluft - Lederweste mit Emblem und Schrift hintendrauf - sofort als Mitglied dieser wilden Zunft outen. Wobei die ganz harten Jungs oder solche, die dafür gehalten werden wollen, ihr Outfit mit einem »1%«-Aufnäher krönen. Einzig habhaftes Resultat der »Hollister-Krawalle« und Zeichen dafür, daß die so Geschmückten sich zur kleinen radikalen Minderheit derer zählen, die selbst vor kriminellem Tun nicht zurückschreckt. Was, wie aus Film, Funk und Fernsehen bekannt, zum Outlaw-Wesen irgendwie zwingend gehört.Doch gemach. »Rocker« und »Normalbürger« verbindet viel mehr, als beide Seiten sich vorstellen. Wie ein Blick in die »Bikers News«, das Zentralorgan der deutschen Motorradrocker, beweist. Darin finden sich beispielsweise Traueranzeigen, die genauso ritualisiert und unbeholfen sind wie die schwarzumrandeten Annoncen in den Tageszeitungen. Lieblingsfloskel: »Nur die Besten sterben jung.« Ein irrwitzig dummer Satz. So als ob echte Rebellen am besten gar erst nicht alt werden sollten. Skurril auch der Trend, daß »Free Biker«, das sind Leute, die sich in der Szene bewegen, aber keinem MC angehören, jetzt verstärkt Clubs gründen. Bislang nur als Satire vorstellbarer Höhepunkt deutscher Vereinsmeierei: ein Verein für Leute, die in keinem Verein sind. Was das alles mit Hollister zu tun hat? Nichts. Weil Hollister nur ein Mythos ist - und nicht alle, die ihn nachleben wollen, das auch hinkriegen. Nach den läppischen Krawallen vor 50 Jahren rückte die Biker-Szene lediglich ans Licht der Öffentlichkeit. Und die Hardcore-Kradler haben das genutzt, um sich in einem jahrzehntelangen Prozeß selbst zu definieren und, wichtiger noch, zu stilisieren: als Gruppe von Menschen, die ihre Freiheit liebt, der das Motorrad fast alles bedeutet, und die, um ihr Leben zu führen, keinem Konflikt aus dem Weg geht. Und sei es der mit dem Gesetz. Wird das Motorrad in dieser Definition durchs Pferd ersetzt, mutiert der Biker zum Cowboy, zum Westernhelden. Und der lebt, was diese Figur so attraktiv macht, unter Bedingungen, die von Staat und Gesellschaft noch nicht endgültig fixiert wurden. Mit dem Revolver in der Hand schafft sich der Cowboy sein eigenes Recht. Derweil feuern droben in Skandinavien Hells Angels und Bandidos noch immer aufeinander. Mit Western- und Bikerromatik hat das nichts mehr zu tun. Mythos und Wirklichkeit sind eben zwei Paar Stiefel. Der fast schon sprichwörtliche Zahnarzt, der gutbetuchte Normalo eben, zieht sich auf seiner Harley natürlich ersteres an. Als Weekend-Outlaw sonntags zwischen zehn und zwölf. sono

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