Honda-Werksfahrer Ralf Waldmann und Jürgen Fuchs (Archivversion) Auf in den Kampf

Über Jahre hinweg galt Ralf Waldmann als einziges großes Ausnahmetalent unter den deutschen Motorradstars. Als Teammanager Dieter Stappert das Tauziehen mit Marlboro gewonnen hatte und den begehrten Star 1994 auf eine HB-Honda NSR 250 setzte, war die Zukunft des größten deutschen Rennstalls vorläufig gesichert. Denn Waldi war einer, auf den man sich verlassen konnte: Gleich in seiner ersten 250 er WM-Saison gewann er einen Grand Prix und hielt so tüchtig mit den Weltstars mit, daß man auf den teuren Italiener Doriano Romboni als Stallgefährten verzichten konnte und ab 1995 alle Karten auf das deutsche As setzte.Ein zweiter Werksfahrer war bei HB gar nicht mehr geplant, und daß nun auch der Bayer Jürgen Fuchs auf einer Honda NSR 250 thront, gleicht der Geschichte vom ungeplanten Nachwuchs, der schließlich doch als geliebtes Familienmitglied eingebürgert wird, nachdem er erst einmal das Licht der Welt erblickt hat. Denn nach den enttäuschenden Resultaten der früheren Nummer zwei-Piloten Stefan Prein und Volker Bähr, die auf ihren Honda-Production Racern vernichtend geschlagen wurden, strich das HB-Team die Nachwuchsförderung und nahm Jürgen Fuchs Anfang 1995 nur deshalb auf, um den begehrten zweiten Startplatz in der 250 cm3-Klasse nicht preisgeben zu müssen.Fuchs bewies jedoch bald, was sich mit Erfolg und Durchsetzungskraft alles erreichen läßt. Statt wie erwartet hinterherzufahren, holte er regelmäßig WM-Punkte und glühte mit dem unterlegenen Production Racer fünfmal in die Top ten. Stappert gab schon zu Saisonmitte grünes Licht zu einem größeren Budget und einem weiteren Jahr auf einem Production Racer.Doch Fuchs pokerte höher. Mit gesundem Selbstvertrauen wartete er auf die letzten Rennen, fuhr als Außenseiter in Argentinien und Barcelona frech inmitten der Weltstars auf den achten Platz und schaffte den endgültigen Durchbruch. Aprilia versuchte ihn zu ködern. Dann entstand bei HB das konkrete Gegenangebot. Fuchs akzeptierte, wohl wissend, daß er in dieser Mannschaft mit Sepp Schlögl einen brillanten Techniker hinter sich weiß.Jetzt ist er nicht mehr die Nummer zwei, sondern der zweite Mann im Team, der zwar mit weniger Geld und nur einem Motorrad auskommen muß, mit der kostbaren NSR 250 aber technisch dieselben Voraussetzungen hat wie sein berühmter Teamkollege. Weil Fuchs den Rundenzeiten von Waldmann gleich bei den ersten Tests auf der neuen Werksmaschine gefährlich nahe kam, ist die Stimmung im Team wie elektrisiert: Ein Kampf um die Vormachtstellung ist entbrannt, Waldi und Fuchs packen nicht nur die Konkurrenz von Aprilia und Yamaha, sondern auch sich gegenseitig bei den Hörnern, weil es nur einen Sieger, einen Weltmeister und einen Star geben kann, der von Honda exklusiv mit den jeweils jüngsten technischen Neuentwicklungen gefördert wird. »Der wird alles dransetzen, mich zu kriegen«, ist sich Waldmann im klaren.So sympathisch die beiden Charaktere auch für sich genommen sind, erwartet keiner im Team im Ernst, daß sich aus dieser Situation eine innige Freundschaft entwickeln wird. Dafür sind Fuchs und Waldmann auch viel zu unterschiedlich. Der im bayerischen Pfaffenhofen geborene Fuchs wurde schon früh flügge und gründete mit seinem Bruder eine Firma zur Entwachsung und Aufbereitung von Neufahrzeugen. Erst durch diesen eigenen Geschäftssinn kam er an genügend Geld, um sich ein Motorrad leisten zu können. Deshalb fuhr er erst mit 25 die ersten sporadischen Wettbewerbe.Als er zwei Jahre später, 1993, die erste 250er DM-Saison in Angriff nahm, war er in einem Alter, in dem andere sich schon mit den ersten Rücktrittsgedanken beschäftigen.Doch Fuchs, laut Dieter Stappert »unheimlich gewissenhaft und zielstrebig« und für Altmeister Kenny Roberts »der talentierteste Mann der 250er Klasse«, kämpfte sich in Rekordzeit nach oben. Mit einiger Hilfe von Ex-Grand Prix-Star Martin Wimmer und Sepp Schlögl wurde er auf Anhieb deutscher Vizemeister, holte 1994 den Titel und bestritt im gleichen Jahr als Ersatz für den verletzten Bernd Kassner die ersten WM-Läufe, bevor 1995 sein kometenhafter Aufstieg im HB-Team beginnen sollte.Das meiste davon kam aus eigener Kraft. »Viele sagten hinter meinem Rücken: Das ist ja kein Wunder, daß der so schnell ist, der kennt ja den Sepp Schlögl. Doch die wichtigste Hilfe vom Sepp war, daß er mich nach Hause zurückschickte. Er sagte: Mach´ aus dem, was du hast, das Beste, und gib´ vor allem anständig Gas, dann kommst du weit.«Seit Jürgen Fuchs Rennprofi wurde, führt sein Bruder die Autofirma allein weiter. Der HB-Pilot heuerte in den Wintermonaten statt dessen in einem Architekturbüro an und brachte viel Zeit mit purem Nachdenken zu. »In den Schaffenspausen des Winters habe ich mir theoretisch vorgestellt, was ich an meinem Fahrstil verbessern und wie ich in den Zweikämpfen stärker werden kann. Als ich dann wieder aufs Motorrad stieg, ist es einen ganzen Schlag besser gelaufen«, verrät er.Ralf Waldmann ist ganz anders. Mit demselben siebten Sinn fürs Wesentliche, mit dem er als vierjähriger Dreikäsehoch die Drosselschraube im vom Vater gebauten Go-Kart entdeckte und entfernte, nahm er auch den Motorradrennsport in Angriff. Neben seinen athletischen Fähigkeiten und seiner Gelenkigkeit, mit der er wie ein Schlangenmensch die Beine hinter dem Kopf verknoten kann, und neben seinem einzigartigen Gleichgewichtsgefühl, mit dem er so lange er irgend will auf dem Hinterrad seines Mountain Bikes spazierenfährt, spielen vor allem emotionelle Werte in Ralf Waldmanns Karriere eine Rolle. Waldi liebt Späße und Streiche, hat jede Menge Mut und eine angeborene Fahrfreude, die ihn dazu trieb, heimlich in Abwesenheit seiner Eltern das erste Straßenrennen zu bestreiten.Doch neben dem Fahrkönnen braucht Waldi, laut Dieter Stappert ein »schlampertes Genie«, auch eine gute Portion an Nestwärme. In seiner Heimat Ennepetal wohnte er im Haus der Eltern und war Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, und auch jetzt, wo er sich an das Jet Set-Dasein und an den Monaco-Wohnsitz gewöhnt hat, sind ihm die Freunde immer noch das wichtigste, auch wenn viele von ihnen gewechselt haben. Sowie er auch nur zwei, drei Tage aneinanderhängen kann, fliegt er zu Freundin Astrid nach Österreich.Auch der liebenswerte Sepp Schlögl und seine Mechaniker sind menschlich das ideale Umfeld für den sensiblen Star. Ihre enorme Erfahrung in der Feinabstimmung heikler Rennmotorräder spielen eine genauso große Rolle, denn Ralf Waldmann ist weniger ein zielstrebiger Analytiker als vielmehr ein impulsiver, intuitiver Rennfahrer, bei dem das Herz eine größere Rolle spielt als der letzte Klick am Federbein.Auf der Boxentafel eines Konkurrenten eine schnelle Zeit zu erspähen, ist für Ralf Waldmann wie das rote Tuch für einen Kampfstier. Dann kommt er in das Fieber des Wettbewerbs, das von dem starken Teamkollegen nur noch weiter angeheizt wird und bei Ralf Waldmann für eine besonders zornige Gashand sorgen wird. »Der braucht das«, schmunzelt Sepp Schlögl leise.

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