Horror nach dem Crash (Archivversion) Schlicht ignoriert

Erst schießt ihn ein Autofahrer ab, dann unterstellen ihm Polizisten, er sei zu schnell gefahren, was ein Gutachter stumpf bestätigt. Keiner nimmt ernst, was das Opfer, Alexander Traub, aussagt. Weil es nicht in eine vorgefertigte Meinung passt.

Nein, gebremst habe er nicht, gab Alexander Traub zu Protokoll. Nicht ahnend, dass das, was er aussagte, keinen interessierte. Weshalb seine Schilderung des Unfalls gar nicht erst zu den Akten kam. Schließlich darf jeder Beamte, der einen Unfall bearbeitet, selbst entscheiden, was er in seinen Bericht aufnimmt und was nicht (siehe Kasten). »Es war schon ein übles Gefühl«, erzählt Traub. »Du liegst im Krankenhaus, lebst mit der Angst, dass die Ärzte vielleicht doch noch amputieren. Und dann steht ein Polizist neben dir und meint: Da haben Sie ja Glück gehabt, dass wir die zweite Bremsspur erst am nächsten Morgen entdeckt haben.«
Glück? Und noch eine Bremsspur? Traub versteht das alles nicht. In seiner
Erinnerung hat sich der Unfall wie folgt abgespielt: Er befand sich mit seiner Suzuki GSX 1200 auf dem Weg zur Nachtschicht in einer Papierfabrik, als ihm auf der Landstraße 257 zwischen Munderkingen und Obermarchtal an
einem Zufahrtsweg ein Auto auffiel. Das hielt an. Zunächst. Bis der Fahrer urplötzlich Gas gab. Da war Traub schon ganz nah dran an der Karre. »Bremsen? War zu spät. Ich wollte ausweichen, eine andere Chance hatte ich nicht.« Wie sich zeigen sollte, hatte er nicht mal die. Dass der Mann im Audi derart unberechenbar agierte, lag wohl daran, dass er ein paar Bier
zu viel getrunken hatte. Dennoch kam er glimpflich davon, weil Traub »unangepasste Geschwindigkeit« unterstellt wurde.
Als untrügliches Indiz hierfür erkannten Polizei und der von ihr engagierte Gutachter jene ominösen Bremsspuren, die so gar nicht zu Traubs Aussagen passten. Dafür passten sie bestens zu gängigen Vorstellungen, die über Motorradfahrer kursieren.
Also addierte man die zweite Bremsspur flugs zur ersten, woraus sich eine Länge von 185 Metern und ein Tempo
von exakt 187 km/h errechnen ließ. Was
sogar den Sachverständigen ein bisschen
irritierte, weswegen er sich alsdann auf
die abends »von den unfallaufnehmenden Polizeibeamten gesicherte Blockierspurenlänge von 65 Metern« kaprizierte und die »Ausgangsgeschwindigkeit des Krades« auf 102 bis 130 km/h kalkulierte. »Durch das gegenständliche Unfallgeschehen wäre aus Sicht des Kradfahrers Traub demnach bei Einhaltung der zulässigen Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h und einer Schwerpunktsverzögerung von 6 m/s² räumlich vermeidbar gewesen.« Auch die Regeln des Satzbaus scheinen dem Gutachter ein Mysterium zu sein. Damit hätte Traub freilich leben können, nicht aber mit der Konsequenz, dass ihm derart eine Teilschuld aufgeladen werden sollte.
Dass er die wieder abladen konnte, hat er Roland Kornes zu verdanken. Der arbeitet für die Berufsgenossenschaft (BG) der Papiermacher in Mainz, war mit dem Wegunfall des Alexander Traub beschäftigt. Danach verstand Kornes, der selbst Motorrad fährt, die Welt nicht mehr. Woraufhin
er eine Gegenanalyse in Auftrag gab. So höflich wie möglich bezeichnete deren Verfasser, Dipl.-Ing. Helmuth Putzer, seinen Kollegen schlicht als Ignoranten: »Die Ausführungen im Gutachten haben mit dem tatsächlichen Unfallablauf wenig gemein.« So hatte man vergessen, den tatsächlichen Kollisionsort zu ermitteln und auch großzügig auf eine Spurensicherung verzichtet. Eigentlich wäre es ein Leichtes gewesen, den tatsächlichen Verlauf des Unfalls zu rekonstruieren. Und damit auch die Ausgangsgeschwindigkeit Traubs – maximal 81 km/h.
Über zwei Seiten dehnt sich die Zusammenfassung der Irrtümer. Was die Haftpflichtversicherung des Autofahrers wenig beeindruckte. Die hielt nicht nur stur am ersten Gutachten fest, die spitzelte Traub sogar noch hinterher. Glaubte mit einem Zeitungsfoto in einer Lokalzeitung beweisen zu können, dass seine Verletzungen so gravierend nicht sein können. Zeigt das Bild doch Traub im Kreis einer siegreichen Fußballmannschaft. Mitgespielt hat er allerdings nicht, das Team lediglich betreut.
Es kam zu einem Prozess, in dem die Berufsgenossenschaft die Versicherung auf Rückerstattung aller Kosten verklagte, die sie für medizinische Betreuung und Lohnersatzleistungen aufbringen musste. Das Landgericht Ulm lud Traub als Zeugen. Erst jetzt begann man, ihm zu glauben. Dass er nicht gebremst habe, nicht
zu schnell gewesen sei. Und dass also, entschied das Gericht, »der Unfall für den Kradfahrer unvermeidbar gewesen war«.
Für Traub kam der Erfolg zu spät.
Zumindest, was die finanzielle Seite anbelangt. Denn er hat das Angebot der Versicherung, sich definitiv mit 75 Prozent Scherzensgeld und Schadenersatz zu begnügen, vorab akzeptiert. Er hat zwei Kinder, war gerade dabei, ein Haus zu bauen, brauchte das Geld. Nachdem er so
viel Schlimmes habe erleiden müssen, sagt Traub, wolle er »das Schöne am Leben genießen, die Familie, die Freunde, die Natur, das Motorrad«. Von einem Kumpel leiht er sich immer öfter eine Maschine für Touren über die Schwäbische Alb.

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