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Sport: Horst Saiger bei der Tourist Trophy auf der Isle of Man Well done, Saiger

Nachdem die Generalprobe auf der North-West 200 im irischen Regen abgesoffen war, zog PS-Racer Horst Saiger ohne Erfahrungswerte weiter zum Saison-Highlight, seinem ersten Start bei der Senior TT auf der Isle of Man. Seine Insider-Reportage gibt ungeahnte Einblicke in ein einzigartiges Rennen.

Endlich, all die Zeit mit Onboard-Videos und monatelangem Grübeln, was wohl sein wird – jetzt ist Schluss damit. Schon beim Anflug auf diese magische Insel spüre ich ein wohltuendes Kribbeln. Bis Samstagabend habe ich etwas Zeit, alles hier vorzubereiten. Dann geht es richtig los. Zum ersten Newcomer-­Training ist das Wetter perfekt. Mein Mechaniker Bernd und ich sind im Stress, denn der große Tank von Bolligers Endurance-Bike ist doch nicht so einfach zu montieren. Es bliebe kein Platz für den Lenkungsdämpfer, was auf dieser Holperstrecke fatal wäre. Und es fehlen Hülsen, eine Halteplatte und ein Entlüfterschlauch mit Ventil.

Wohl oder übel muss der Serientank draufbleiben, was pro Runde einen Tankstopp bedeutet. Für das erste Training spielt das aber keine Rolle. Hinter John McGuinness fahre ich zusammen mit zwei weiteren Newcomern meine geführte Besichtigungsrunde. Direkt danach startet unser richtiges Training und ich merke gleich, dass hinterherfahren leichter war. Erstmals so mit Schwung Brayhill runter, lenkt die Kawa nicht so agil, wie ich das will. Ständig bin ich spät dran oder komme erst gar nicht dorthin, wo ich will.

Eine wilde Mixtur aus viel Speed, Schlägen, Kuppen und Kompressionen lässt alles zum Kraftakt werden. Mit sitzen und fahren, das ist mir schlagartig klar, geht gar nichts. Hier heißt es, in den Rasten stehen, mit den Knien am Tank klemmen und mit aller Kraft das Motorrad von einer Kurve in die nächste zwingen. In dieser ersten Runde habe ich die ersten unerwarteten Schläge registriert und versucht, nirgends so schnell zu fahren, dass ich nicht aufnahmebereit wäre. Alle Konzentration gilt dem Strecke-Lernen, und ich will mich nicht in heikle Situationen bringen. Bei Bishops Court bin ich dann aber schon zu spät in die ultraschnelle Links eingebogen, konnte die Linie nicht halten und war wie eine Flipperkugel in den darauf folgenden Kurvenkombina­tionen unterwegs – eigentlich viel zu langsam, aber schon außer Kontrolle!

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Foto: Bower, Börner

Die zweite Runde war besser, und in der dritten bin ich irgendwo im ultraholprigen Abschnitt nach Glen Helen auf einen Lightweight-Fahrer aufgelaufen. Der hatte keine Newcomer-Weste an, wie sie alle Fahrer im Training tragen müssen, die das erste Mal bei der TT sind. Ich dachte, von dem etwas lernen zu können, aber leider war der Typ noch planloser als ich. Da kam Cameron Donald auf seiner 90-PS-Lightweight vorbeigeflogen. Bis ich mich traute, den anderen Fahrer auch zu überholen, war Cameron leider längst weg. „In den Bergen werde ich ihn spätestens wieder zurücküberholen“, war ich überzeugt.

„Da hat er keine Chance gegen meine 200-PS-Ninja.“ Ich habe ihn erst im Fahrerlager wieder gesehen.Fazit nach den ersten Runden: Ich bin so klug wie zuvor. Wenn ich mir irgendwo einpräge, von außen zu kommen und zweimal zurückzuschalten, etwas schneller und erst weiter hinten zu bremsen, dann ist das 60 Kilometer und 250 Kurven später, sprich in der nächsten Runde, nicht mehr im Speicher.

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Foto: Bower, Börner

Schwerer Start

Andere Newcomer sind schon eine Minute schneller als ich, aber das soll mich einfach kalt lassen, sagt Cameron. „Hab Freude am Lernen“, meinte er noch und saß abends mit mir in meinem knallroten Nissan Micra, den mir Milky Quayle für 460 Pfund besorgt hat. Cameron hinter dem Steuer erklärt mir wie aus dem Maschinengewehr, wo, wie und wann gebremst und eingelenkt wird. Als wir zu der Stelle kommen, an der er mich überholt hat, erzählt er, dass er zu dem Zeitpunkt keinen Lenkungsdämpfer mehr hatte, weil irgendwas abgebrochen war und er in Ramsey auch noch mal kurz wegen Öl am Stiefel gehalten hat, um das zu checken, bevor er mit seinen 90 PS über die Berge zurück nach Douglas ist. So ein Riesenarsch – solche Motivatoren kann man brauchen.

Tim Reeves, der vierfache Seiten­wagen-Weltmeister, stellte mir seinen Techniker vor, der dann über Nacht unsere fehlenden Halterungen für den Tank und den Lenkungsdämpfer baute – einfach klasse Leute hier im Fahrerlager. So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht noch einmal. Selbst Michael Dunlop, der vier der fünf Rennen gewinnen sollte, brachte vorsichtshalber einen seiner Lenkungsdämpfer samt Halteschelle vorbei. Am nächsten Trainingstag hat es dann gestürmt und geregnet und so wurde das Training zwar gestartet, aber nicht gezeitet, die Verhältnisse waren zu schwierig. TT-Manager Paul Phillips ging beim Start von Fahrer zu Fahrer und warnte vor nassen Stellen und Kurven und Nebelbänken in den Bergen. „Es ist rutschig wie die Hölle, bitte passt auf“, mahnte er alle.

Foto: Bower, Börner

Tödlicher Unfall

Wie recht er doch hatte. Es war einfach unberechenbar, in den Bergen fuhr ich durch Nebelbänke, in denen man keine 20 Meter weit sehen konnte.  Wahnsinn, aber ich war froh über die zwei weiteren Runden und manches sah man besser als an den sonnigen Tagen, an denen der Planet tief stand und extrem blendete. Nach zwei Runden wurde abgebrochen – rote Flagge. „Sicher wegen den Bedingungen“, dachte ich. War aber leider nicht so. Unser Freund Yoshinari Matsushita war bei Ballacry gestürzt und starb. Das ganze Fahrerlager war bedrückt, alle kannten den stets gut gelaunten Japaner, der immer zuvorkommend und freundlich war. Motorradrennen waren sein Leben und seine Leidenschaft, für die er alles gegeben hat. Mehr bleibt dazu nicht zu sagen.

Das Dienstagstraining wurde dann wegen Regen komplett gestrichen. Am Mittwoch startete das Training später, und es war an verschiedenen Abschnitten wieder nass. Da der Regen schlimmer wurde, fiel das Quali aus und wurde in ein normales Training umgewandelt. Meine Kawa hatte nun das K-Tech-Fahrwerk drin und wir haben mehr Gewicht auf die Front verlagert, indem wir hinten etwas höher gegangen sind. Dazu kamen härtere Federn vorne und Slicks. Die ersten Kilometer war es noch halbwegs trocken und ich wollte gleich mal sehen, wie das neue Gesamtpaket funktioniert. Beim Durchbeschleunigen Brayhill hinunter machten mir aber ein paar ziemlich heftige Lenkerpendler klar, dass die Kawa sehr nervös ist und ich musste Gas rausnehmen. Beim Sprung über Ballaugh Bridge landete ich auf dem Vorderrad, dass ich dachte, es überschlägt mich – was für ein Schreckmoment! Bei Ballacry wartete mit dem schnellen Sprung, wo Matsu tödlich verunglückt war, bereits die nächste gröbere Hürde.

Foto: Bower, Börner

Angst ist dabei

Vor Angst bekam ich richtig Bauchschmerzen. Wenn ich hier wieder auf dem Vorderrad lande, bin ich in Schwierigkeiten. Mit der nervösen Front kann das fatal sein. Am liebsten wäre ich abgebogen und direkt mit dem Rennmotorrad zur Fähre gefahren. Genau in diesem Moment setzte der Regen ein und ich konnte den Rest der Runde schön langsam zu Ende fahren. Vielleicht war es Matsu, der mir vom Himmel aus den beruhigenden Regen geschickt hat. Die Nacht konnte ich fast nicht schlafen. Ehrlich gesagt hatte ich richtige Angstzustände.

Am Donnerstag war es trocken, und wir änderten nur ein paar Kleinigkeiten, härtere Feder hinten, weiche vorn. Bernd steckte noch die Superstock-Profilreifen rein. Das Bike war nicht mehr wiederzuerkennen – kein bisschen nervös und schön zu springen. Vor Ballaugh Bridge hätte ich mir fast in die Hosen gemacht, aber es ging so gut, dass ich mich jede Runde mehr freute und die Angst gänzlich verschwand.

Ich steigerte mich auf einen 119-Meilen-Schnitt, das Wetter war okay und ich konnte vier Runden drehen. Am Freitag war zwar endlich wieder gutes Wetter, aber wir konnten nicht starten. In Kirk Michael brannte ein Haus. Als die Strecke wieder frei war, reichte es noch für zwei Runden. Weil sich viele Fahrer wegen der wenigen Trainingszeit noch nicht qualifiziert hatten (115 Prozent der Zeit vom Trainingsdritten waren zu schaffen), wurde das Superbike-Rennen von Samstag auf Sonntag verlegt und am Samstag setzte man noch zwei Trainings an. Ich konnte jede Runde brauchen, am Ende war es Startplatz 39 bei den Superbikes und 36 in der Superstock.

Foto: Bower, Börner

Das erste Rennen

Sonntag – Start zu meinem ersten Rennen hier. Wir bauten vorne noch eine härtere Feder rein, denn ich konnte nicht auf der Bremse einlenken. Das funktionierte super, ich bin bis auf Platz 27 nach vorne gekommen. Weil ich beim zweiten Boxenstopp nach vier Runden den Gang drin gelassen hatte, verloren wir Zeit mit dem Hinterreifen und ich ging als 33. wieder ins Rennen. In der letzten Runde  zappelte die Ninja furchtbar Brayhill hinunter. Der Lenkungsdämpfer war noch da, aber das Lenkerschlagen hörte nicht auf. Bei der Anfahrt zu Crosby‘s Jump sah ich, dass der Halter abgebrochen war.

Ich fuhr sofort an die Seite, das war zu gefährlich. Die netten Streckenposten versorgten mich mit Süßigkeiten, und ein paar Fans machten noch Fotos mit mir. Gottseidank bin ich nicht 100 Meter weiter gefahren, wo das große Crosby Pub voll mit Fans war, ich wäre wohl nie mehr da weggekommen. Mit der Renn-Kawa bin ich dann nach dem Rennen einfach im Straßenverkehr langsam zurückgefahren.

Jetzt musste schnell gehandelt werden, denn am nächsten Tag war ja schon das Superstock-Rennen. Tim Reeves rief den Kollegen an, der uns das Teil gefertigt hatte und der schweißte das bis zum nächsten Tag wieder zusammen. Knapp vor der technischen Abnahme war der Halter wieder an der Kawa. Los zum Superstock-Rennen über vier Runden, auf denen ich wieder ein paar Sekunden fand. Ich versuchte, die harten Schläge mit so viel Gas wie möglich zu überfahren, am besten im Wheelie, dann spürt man sie nicht. Langsam gewöhnte ich mich an alles und begann ein wenig zu pushen. Drei vor mir gestartete Jungs konnte ich überholen – das war besonders geil. Jeder startet hier im 10-Sekunden-Intervall und ich war damit schneller als die, die im Training schneller waren als ich. 122,9 Meilen im Rundenschnitt oder 18,24 Minuten – nicht schlecht für einen TT-Neuling, sagten mir später alle. Auf Platz 18 war ich der beste Newcomer.

Foto: Bower, Börner

Nach einem freien Tag stand am Mittwoch nur eine Trainingsrunde für die Senior-TT an. Wir änderten nochmal das Setup, und ich wollte unbedingt mit Slicks fahren. Als 21. sollte ich ins große Finale der TT gehen. Das Paket war sicher schnell, denn ich hatte wegen Verkehr und Ölflagge keine wirklich gute Runde.  Aber jetzt war die Kawa wieder etwas nervöser, weshalb mein rechter Unterarm verkrampfte. Die K-Tech-Leute bauten nochmals um. Was eindeutig besser wurde, waren die schnellen Richtungswechsel. Die Kawa fuhr jetzt super in den schnellen Kurven und ging auch viel besser über die ganzen Bodenwellen. Das Springen gefällt mir inzwischen immer besser.

Am Abend machte ich noch einen Besuch in der Metzeler-Zeltstadt. Das Wetter konnte schöner nicht sein, und wir kippten ein Bierchen. Danach noch schnell ein Interview für Metzeler, und als ich der italienischen Kameracrew so von meinen Ängsten erzählte und wie ich sie über­wunden habe, da durchfuhr mich so ein richtig schönes Gefühl. Ich war glücklich. „Das ist genau meine Welt“, dachte ich. Dann war Preisverleihung im Villa Marina, und ich bekam meine erste Bronze-Replika und die Medaille für den besten Newcomer. Was für ein Moment, der aber gleich wieder verflog, als ich die silbernen Replikas sah. So eine wollte ich jetzt haben und meine guten Vorsätze, ohne Druck zu fahren, waren dahin.

Foto: Saiger

Senior-TT

Freitag, Senior-TT, nach langem Hin und Her entschloss ich mich für die Profilreifen und nahm für ein sicheres Gefühl den längeren Boxenstopp zwecks Reifenwechsel in Kauf. Pünktlich um 13 Uhr erfolgte der Start. Volle Kanne ging es los, sechster Gang, Sprung auf Höhe der Ampel und die Ninja läuft wie auf Schienen. Kein Zucken, kein Lenkerschlagen – ich fühlte mich gut. Der erfahrene Karl Harris  war zehn Sekunden vor mir gestartet, aber es dauerte nicht lange und ich sah ihn vor mir. Kurz vor Glen Helen gab es gelbe Flaggen. Das heißt bei der TT ganz langsam machen, denn Sturzzonen gibt es hier nicht. Alles, was von der Strecke abkommt, kommt auch wieder auf die Strecke zurück. Zwei Kurven später: rot – Rennabbruch!

Da muss was Schlimmes passiert sein, sonst wird hier nicht abgebrochen. Alle müssen sofort stehen bleiben. Von den Streckenposten erfuhren wir dann, dass ein Fahrer bei Brayhill gestürzt ist und Zuschauer verletzt wurden. Etwa eine halbe Stunde später kam ein Marshall auf einem Motorrad, und alle Fahrer mussten ihm zurück zum Grandstand folgen. Es war lustig, wie alle Piloten, die vor uns gestartet waren, am Streckenrand standen und sich nach und nach hinten anschlossen. Michael Dunlop, Cameron Donald und John McGuinness winkten vom Streckenrand – ein surreales Bild!

Um 16.30 Uhr war Restart über die volle Distanz, sechs Runden, 360 Kilo­meter oder knapp zwei Stunden. Ich war gleich gut unterwegs, das Penz-Team gab mir Pitboard-Signale bei Gooseneck und bei Creg-ny-baa ein Freund von Cameron Donald. Von Platz 39 war ich gestartet,     P 24 stand auf der Tafel vor dem zweiten Boxenstopp. Beim ersten Halt hatte ich schon gemerkt, dass wir an­scheinend nicht die schnellste Zapfsäule erwischt haben. Der zweite Stopp war aber problematischer, denn nach vier Runden musste der Hinterreifen gewechselt werden, was bei einem Superstock-Motorrad nicht so leicht geht wie bei einem Superbike, bei dem man vieles verändern darf.

Aber ich hatte noch ein größeres Problem: Die letzten zwei Runden wollte ich wegen der tief stehenden Sonne mit einem ganz dunklen Visier fahren. Das war ganz schlau von mir, denn ich hatte tatsächlich kein Problem mit der Sonne. Dafür habe ich sonst sehr schlecht gesehen. Die Umstellung war zu groß und ich war etwas orientierungslos unterwegs. Ein paar Mal war es dann auch ziemlich knapp, weshalb ich das Tempo drosseln musste. Mein Timing mit Bremsen, Einlenken und Gasgeben stimmte einfach nicht mehr.

Ich wollte mich aber steigern, gerade, weil die letzte Runde auch die einzige wirklich fliegende ist, denn sonst kommt man aus der Box oder fährt in die Box. Ich hatte mit 18,16 Minuten eine gute Runde. Der Schnitt lag bei 123,85 Meilen oder 199,3 km/h und brachte mich auf Platz 23 – erneut bester Newcomer. Das Erste, was mir durch den Kopf ging, als mir und meinem Team nach dem Rennen noch alle zum super Einstand bei der Tourist Trophy gratulierten: Wie können wir schneller werden, was brauchen wir nächstes Jahr und was müssen wir verbessern, was muss ich alles auftreiben und wer könnte uns dabei helfen?

Aber viel wichtiger: Ich habe die Angst besiegt, eine Angst, die ich bisher nicht kannte. An der ich aber selbst Schuld war, weil ich der Strecke meinen Willen aufzwingen wollte. Als ich jedes Vertrauen in mich und mein Material in Sekunden verlor. Als ich fast über Ballaugh Bridge gestürzt wäre und der 260-km/h-Sprung kam, bei dem Matsu starb.  Nachdem ich meine Angst aber besiegt hatte, blieb großer Respekt vor der Strecke. Ich wusste, dass sie mich nicht umbringen will, dass ich sie nicht aggressiv bekämpfen darf – dann schlägt sie unbarmherzig zurück. Also umrundete ich den Mountain Course mit Ehrfurcht. Ab da ließ er uns Freunde werden, und ich wurde immer schneller und schneller und...

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