Im Vergleich: Stefan Everts/Joel Smets (Archivversion)

Die Giganten

Gemeinsam zählen sie neun WM-Titel und 92 GP-Laufsiege. Kein anderes Duop beherrscht die Halbliter-Motocross-WM derart dominant wie Stefan Everts und Joel Smets, die Giganten der Stollenbranche.

Valkenswaard, in der Nähe von Eindhoven. Motocross-WM-Auftakt der Saison 2002. Vor Wut schnaubend kehrt Joel Smets nach dem Training in das Vorzelt des KTM-Teamtrucks zurück. Die Mechaniker schrecken auf. Wem wird das große Donnerwetter gelten? Doch Smets’ Zorn gilt anderen. »Was haben sie mit dieser Strecke gemacht? So schnell, so gefährlich, so uninteressant«, macht er seinem Frust über die ungeliebte Dorna, die spanische Vermarktungsagentur, die seit vergangenem Jahr die Motocross-WM organisiert, nicht zum ersten Mal Luft. Teamchef Kurt Nicoll schaut betreten, zuckt mit den Schultern. Und das Motorrad? Ach ja, für das zweite Training wünscht er sich mehr Vorspannung der Gabelfedern und einen anderen Hinterradreifen.100 Meter weiter in der Reihe der mittlerweile in gigantischen Dimensionen auftretenden Motocross-WM-Teams drückt Stefan Everts seinen Mechanikern die Werks-Yamaha in die Hände. Nur zwei Worte fallen: »Alles okay.« Will heißen: Routinecheck reicht. Erst als sich Teamchef Rinaldi nach der Piste erkundigt, reagiert Stefan emotional. Zumindest ein ganz klein wenig. Zu schnell sei sie, zu gefährlich, brummt er und verschwindet im Wohnmobil.Joel Smets, Stefan Everts – die Stars der Motocross-Szene mit insgesamt neun WM-Titel. Sie haben die aktuellen Nummer-eins-Positionen in den Werksteams von KTM respektive Yamaha inne. Und die bestbezahlten Jobs im WM-Zirkus. Jeder für sich der personifizierte Erfolg – obwohl die Wege dorthin durchaus unterschiedlich verliefen. Stefan wächst in der Nähe von Hasselt in Belgien auf. Oder korrekter: im Fahrerlager. Papa Harry zählt als vierfacher Weltmeister zu den Größen des Sports in den siebziger und achtziger Jahren. Nur: für die innerfamiliäre sportliche Nachfolgeregelung bleibt keine Zeit. Stefan schwingt sich erst mit 15 Jahren, nachdem Harry zurückgetreten ist, in den Sattel. Joel ergeht es ähnlich. Sein erstes Rennen fährt der Junge aus Mol, übrigens gerade mal 30 Kilometer von Hasselt entfernt, erst mit 17 Jahren – allerdings mangels Finanzkraft. Die 500er-Yamaha seines Onkels muss für den angehenden Elektromechaniker damals reichen.Gereicht hat’s – für beide. Stefan holte die belgische Nachwuchsmeisterschaft im allerersten Jahr, Joel stand in seiner zweiten Saison ganz oben. Der Rest ist Motocross-Geschichte. Joel ergatterte bis jetzt vier WM-Titel und 41 GP-Siege, Stefan egalisierte im vergangenen Jahr mit 50 GP-Siegen den Rekord seines Landsmanns Joel Robert und nennt bislang fünf WM-Titel sein Eigen.Stefan hat den absoluten Rekord fest eingeplant. Ganz oben stehen möchte er. Nicht immer, aber dann, wenn es zählt. Joel eigentlich auch. Am besten aber jeden Sonntag. Sogar, wenn’s wenig zählt. Erst recht, wenn es Spaß macht. Weil er weiß, was weniger Spaß macht. Beispielsweise ein Acht-Stunden-Fulltimejob als Elektromechaniker plus eine parallele Motocross-Karriere. Immerhin vier Jahre lang quälte er sich am Sonntag auf den WM-Pisten und am Montagmorgen zur Arbeit. Für Stefan war’s einfacher. Nach dem Jahr in der Schülerklasse kommt er direkt als Supportfahrer im Suzuki-Werksteam als Profi unter.Und die unterschiedlichen Anfänge schlagen bis heute durch. Stefan, der kalkulierende Erfolgsmensch, Joel, der Junge mit dem großen Herz. Wobei letztere Veranlagung in jüngster Vergangenheit zu mehr Erfolg verhalf. Vier Vorsaison-Rennen, vier Siege für Joel – und nur Mittelfeldplätze für Stefan. Typisch jedoch für beide. »Ich muss immer alles geben«, wird Joel seine Triumphe begründen. »Ich brauch’ einfach das Kribbeln im Bauch vor einem GP« weiß Stefan, warum er nicht kann, wenn er nicht muss.Und es war wieder da, dieses Kribbeln. Punktgenau. In Valkenswaard sogar inklusive Sicherheitspolster. Denn auf sandigem Boden herrschen weltweit nur drei Könige: Everts, Smets und Everts’ Teamkollege Marnicq Bervoets. Der Rest spielt eine Liga tiefer. Das Ergebnis des Zeittrainings am Samstag beweist es. Smets legt vor, Everts holt Platz zwei, Bervoets Position drei. Um 3,5 Sekunden distanziert, der Italiener Andrea Bartolini auf Rang vier.Die erste Schlacht ist geschlagen, der schlimmste Druck vorerst gewichen. Joel lacht wieder, holt Sohnemann Greg und Frau Nancy vom Parkplatz ab. Stefan ist ebenfalls zufrieden – den Umständen entsprechend, natürlich. Mit Papa Harry werden einige Varianten der Ideallinie auf der mittlerweile immer ausgefahreneren Strecke durchgesprochen. Dennoch bleiben Nerven und Zeit für andere Gedanken. Über das Leben beispielsweise. Und wie brutal es sein kann. Eine Woche vor dem belgischen Motocross-GP des vergangenen Jahres in Genk verunglückte Joels Onkel, mit dessen Maschinen er seine ersten Rennen bestritten hatte, bei einem Verkehrsunfall tödlich. Sieben Tage später widmete ihm Joel seinen zweiten Platz – und kümmert sich seitdem als Pate um dessen 12-jährigen Sohn. Im Dezember stirbt Pierre Everts, Onkel und Organisator des Fanclubs von Stefan mit noch nicht einmal 50 Jahren an Krebs. Stefan verbringt die letzten zwei Wochen mit ihm im Krankenhaus und erlebt seinen letzten Atemzug.Oder über das, was nach dem Motocross kommt. Stefan mit klarer Perspektive: Motocross ist seine Welt und soll es bleiben. Teamchef, Organisator? Obwohl erst 29 Jahre, denkt er bereits intensiv darüber nach. Von den Stollen lassen will auch Joel nicht. »Eine konkrete Idee besitzt er mit seinen 32 Jahren aber nicht. Und ein Job im Motocross wird’s nur sein, »wenn es Spaß macht, auf den Rennen zu sein. Also nicht so wie derzeit«, kriegt die Dorna den unvermeidlichen Seitenhieb ab. Warum auch nicht? Schließlich sind es jeweils gut Tausend im persönlichen, so genannten Supporters-Club registrierte Fans, die die beiden Stars an die Strecken Europas bringen – und die wiederum der Dorna satte 50 Euro Eintrittsgeld pro Nase auf den Tisch blättern. Viel bekommen sie dafür von ihren Idolen nicht zu sehen. Ein Warm-up plus einen Lauf über knapp 40 Minuten pro Klasse am Renntag. Für Joel Grund, »sich für dieses System zu schämen«. Ändern kann er daran jedochDas trifft für seine Einstellung zu den Rennen ebenso zu: »Meine Schwäche ist, immer alles zu geben, ohne Taktik zu fahren«, weiß er aus Erfahrung. Erst recht, dass genau dies Stefan auch ausnützt. Das System »so wenig wie möglich, so viel wie nötig« hat sein Konkurrent zur Perfektion entwickelt. Der flüssige und risikoarme Fahrstil des Yamaha-Piloten gilt längst als einzigartig und nicht zu kopieren. Genauso wenig, wie die Fähigkeit des Flamen, den Erfolg zu kalkulieren.Insofern weiß Joel, dass bestenfalls eine Schlacht, aber noch längst nicht der Krieg gewonnen ist. Denn trotz anfänglicher Führung von Everts preschte Smets gegen Rennmitte vor seinen tausend Fans und gut 20 000 weiteren Zuschauern rund um den Sandkurs am blau-weißen Konkurrenten vorbei und zu Laufsieg Nummer eins der WM-Saison. Der Bauch hatte gegen den Kopf gesiegt. Und er siegte auf seine Weise. Anstatt zum Fernseh-Interview preschte Smets ins Fahrerlager, setzte Söhnchen Greg vor sich auf die Sitzbank und genoss die gemeinsame Ehrenrunde – und den Zorn der Dorna-Offiziellen. Und Stefan? Der fuhr auf Nummer sicher, noch hinter Bervoets auf Platz drei und dennoch nicht aus der Haut. Denn seine Zeit wird kommen, ab dem zweiten WM-Lauf in Spanien. Er hofft es, er sagt es, jeder glaubt es. Nur: Joel wird deswegen trotzdem keine Bauchschmerzen bekommen.
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Moto Cross-WM Valkenswaard/NL (Archivversion)

125 cm³1. Steve Ramon (B) KTM2. Ben Townley (NZ) KTM3. Erik Eggens (NL) KTM4. Brett Metcalfe (AUS) KTM5. Mickael Maschio (F) Kawasaki6. Tallon Vohland (USA)Kawasaki7. Patrick Caps (B) KTM8. Tyla Rattray (RSA) KTM9. Alex Puzar (I) Husqvarna10. Remy van Rees (NL) KTM250 cm³1. Mickael Pichon (F) Suzuki2. Frédéric Bolley (F) Yamaha3. Pit Beirer (D) Honda4. James Dobb (GB) KTM5. Joshua Cppins (NZ) Honda6. Jussi Vehvilainen (SF) Honda7. Paul Cooper (GB) Honda8. Kenneth Gundersen (N) Kawasaki9. Gordon Crockard (IRL) KTM10. Lauris Freibergs (LT) Honda500 cm³1. Joel Smets (B) KTM2. Marnicq Bervoets (B) Yamaha3. Stefan Everts (B) Yamaha4. Andrea Bartolini (I) Honda5. Javier Garcia Vico (E) KTM6. Joakim Karlsson (S) Husaberg7. Joaquim Rodrigues (P) VOR8. Avo Leok (EST) Honda9. Chris Burnham (GB) Honda10. Mats Nilsson (S) Husaberg* Der WM-Stand entspricht den Lauf-Resultaten

Moto Cross-WM Valkenswaard/NL (Archivversion) - Und sonst?

Pit Beirer (Foto) fiel sichtlich ein Stein vom Herzen. Denn obwohl Deutschlands Top-Crosser, dessen italienisches Team im Winter von Yamaha zu Honda gewechselt war, eine stramme Bilanz in den Vorsaison-Rennen vorweisen konnte, stand die endgültige Bewährungsprobe noch aus. Doch der WM-Auftakt in Valkenswaard darf Hoffnung machen: Mit Platz drei reihte sich der Profi wieder in die Spitzengruppe der Viertelliter-Kategorie ein – auch wenn der sehr gut gestartete Sieger Mickael Pichon letztlich über eine halbe Minute Vorsprung auf den deutschen Edel-Crosser herausfahren konnte. Pech hatte Ex-Weltmeister Frédéric Bolley. Der Franzose konnte lange die Spitze behaupten, musste aber nach einem Fahrfehler seinen Landsmann passieren und letztlich wegziehen lassen. Erwartungsgemäß stark päsentierte sich der amtierende 125er-Weltmeister James Dobb bei seinem Viertelliter-Debüt. Der Brite holte Position vier vor Beirers Teamkollege, dem Neuseländer Joshua Coppins. Noch nachlegen muss das Kawasaki-Werksteam, das zwar Kenneth Gundersen auf Platz acht brachte, mit dem hoch eingeschätzten Australier Andrew McFarlane allerdings nur einen einzigen WM-Punkt einfuhr. In der 125er-Klasse setzte sich die bereits im vergangenen Jahr erdrückende Dominanz der KTM-Maschinen lückenlos fort. Sowohl der junge belgische Sieger Steve Ramon als auch die Akteure auf den Plätzen zwei bis vier saßen auf den orangefarbenen Rennern. Selbst US-Vizemeister Tallon Vohland wusste gegen diese Phalanx nichts entgegen zu setzen und reihte sich hinter seinem Teamkollegen, Mickael Maschio auf Position sechs ein.

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