Im Winter beim Händler (Archivversion) Mehr als ein Geschäft

Eine halbe Stunde nur Mittagspause, mehr ist für Thomas Michalski auch im Winter nicht drin. Ihm geht selbst in den lauen Monaten von November bis Februar die Arbeit nicht aus. Weil er sie sich sucht.

Vier Tage war er auf einer Messe in Bad Salzufflen, um dort in der Provinz seine gar nicht provinziellen Umbauten aus Möckmühl zu präsentieren. Das sei echt ganz gut gelaufen, sagt Thomas, noch ziemlich geschlaucht. Dass er trotzdem nicht wirklich blendend gelaunt ist, hat einen anderen Grund: Kaum war er wieder zu Hause, da eröffnete ihm sein
bester und einziger Mitarbeiter, dass er sein Leben grundlegend ändern wolle. Statt in der Werkstatt um die Böcke gedenke er, sich künftig um das liebe Vieh zu kümmern. Der Typ hat noch Landwirtschaft und plant, was mit seinem Hofladen zu machen. Also bleibt Thomas, der zuvor viel Arbeit und Zeit in seinen Gesellen investiert hat, um ihm ordentlich was beizubringen, zunächst nichts anderes übrig, als seinen Laden allein zu schmeißen. Was morgens um sieben zunächst mal heißt, die Kaffeemaschine in Gang zu bringen und sich eine Gauloise anzustecken. Da steht er hinter der Theke, Tasse in der einen Hand, Kippe in der anderen, und fährt den Rechner hoch. Ihm Hintergrund dudeln die Red Hot Chili Peppers aus dem Kompaktradio. »Mal sehen, was Kawasaki heute so geschrieben hat. Zwei, drei Mails mit Infos zu irgendwelchen Aktionen kommen eigentlich jeden Tag.«

Vor 17 Jahren hat Thomas Michalski als Zweiradmechaniker angefangen, und seit 15 Jahren ist er sein eigener Herr.
Seinen damaligen Chef bei Haussecker Motorradsport hatte es bei einem Unfall erwischt. Michalski entschloss sich, den Laden zu übernehmen. »Es waren schon andere Interessenten da, aber die machten sich nicht mal die Mühe zu verbergen,
was sie vorhatten. Mich noch ein Jahr beschäftigen, bis sie die Kunden kennen gelernt hätten, um mich danach auf die Straße zu setzen.« Also machte sich Michalski auf den Weg zur Bank. »Die haben mich schön über den Tisch gezogen. Doch was wäre denn die Alternative gewesen?«
Als Angestellter zu arbeiten und vermutlich tagein, tag-
aus nichts anderes als stumpfe Ser-
vicearbeiten zu er-
ledigen. »Jahrelang
nur Inspektionen, da wirst du doch blöd von.« Ein Schicksal, dem der Mann zweifelsohne entgangen
ist. Weil er was riskiert hat: sich zwei
Jahre nach der Lehre auf die eigenen Beine zu stellen.
Nach zwei Bechern Kaffee schiebt er die Motorräder raus, bringt sie auf dem Hof in Reihe. Die Kawasaki-Fahnen, schon leicht ausgebleicht, flattern im Wind, auf dem großen Parkplatz des Discounters gegenüber rollen langsam die ersten Rentner und Hausfrauen ein, um die Sonderangebote abzugreifen. Hier ist Möckmühl, im Abseits an der Autobahn von Heilbronn nach Würzburg gelegen, nicht das adrette Städtchen mit Fußgängerzone und Fachwerkhäusern, hier ist Möckmühl ganz profanes Gewerbegebiet.
Wobei: Michalski empfindet sein Gewerbe überhaupt nicht als profan. »Das Motorrad und das Geschäft, das ist mein Leben. Ich mache das doch nicht des Geldes wegen. Woanders würde ich bestimmt mehr verdienen. Aber ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag bei Audi oder so reinzulaufen, Frühschicht, Spätschicht, das käme mir nach einer Woche zum Hals raus«, erzählt er, während er nach einer ZX-10R, einer KLE 500 und einer alten Yamaha XJ eine heftig runtergerittene VN 1500 auf den Ständer lehnt. Daneben steht eine Maschine, die mit der originalen VN nur noch herzlich wenig gemein hat. »Doch, doch, die sah mal genau so aus.« Bis Thomas ihr zu Leibe rückte. In seiner Werkstatt, an der Drehbank, an der Fräse. Um einem stillosen Gefährt Stil zu verpassen.
»Man muss sich ja überlegen, was man machen kann, um sich abzuheben von anderen Händlern und damit das Geschäft nicht so eintönig wird.« Natürlich auch, damit das Geschäft im Winter nicht einschläft. Nachdem er zunächst auf Motortuning gesetzt hatte, konzentriert er sich mittlerweile eher auf Cruiser-Umbauten. Sowie auf den Handel mit Gebrauchten. Der nämlich läuft bestens, was sich von den Neuen nicht unbedingt behaupten lässt. Die ganzen Aktionen des Herstellers mögen ja gut gemeint sein, und die Plakate dazu machen sich hübsch im Verkaufsraum, allein, sie ziehen nicht so, wie sie sollen, zumindest jetzt noch nicht. Kaum dass Michalski die Schultern hochgezogen hat, klingelt das Telefon: »Haussecker Motorradsport, Michalski... Ja, ZX-10R, hab’ ich da... Ja, auch in Schwarz und als Vorführer ebenfalls in Schwarz... Also gut, dann bis am Samstag.« Er legt das Telefon zur Seite, schnappt sich das Päckchen Gauloises, zündet sich wieder eine an, inhaliert genüsslich und meint: »Das ist ja wie Weihnachten, will einer jetzt glatt das Motorrad kaufen.« Aber den Supersportler gibt es momentan auch im Angebot, 2000 Euro billiger als noch vor ein paar Monaten. Das freut die aktuellen Interessenten. Doch es verstimmt die von gestern. Und es verstimmt zudem den Händler, bei dem sich die Verstimmten Luft machen.
Kurz nach zehn schlurft einer rein, der sich nicht Luft machen will, obwohl er eine ZX-10R fährt. Peter ist ein guter Bekann-
ter von Michalski. Er hat bei ihm seinen
Crosser zum Verkauf stehen und will sich
erkundigen, ob sich was getan hat. »Tasse Kaffee?« »Ja, nehm’ ich.« Die beiden waren letztes Jahr öfter zusammen unterwegs, fuhren nach Brünn, Most, zum Anneau du Rhin bei Colmar, um auf der Rennstrecke einige Runden zu drehen. Kawasaki-Händler Michalski organisiert das, bietet es seinen Kunden an.
Und die finden so was richtig gut. »Wenn du nur in deinem Laden hocken bleibst, kommst du nicht weiter. Du musst vor Ort sein, da, wo deine Kunden sind. Und du musst natürlich auch mithalten können.« Deshalb hat Michalski mit Husqvarna aufgehört. »Ich kann nicht so gut Cross fahren, war eigentlich nie an den Strecken, und wenn du das nicht machst, nimmt dich keiner wahr.«
Piaggio hat er noch. Und damit mit-
unter ziemlichen Ärger. »Ein Kunde wartet seit März auf ein Verkleidungsteil. Klar ist der sauer. Piaggio liefert jedoch nicht, sagt nicht mal, wann man eventuell liefern könnte. Da stehst du als Händler doch dumm da.« Ohnehin ist das mit den Rollern so eine Sache. Zwar kommen immer
wieder die Kiddies von der nahen Gesamtschule rüber und haben irgendein Problem mit ihrem Roller. »Aber denen kann ich doch nicht 500 Euro aus der Tasche ziehen, wenn ich zum Beispiel den Motor gemacht habe, wo die Mühle selbst kaum 1000 Euro wert ist.« Auch daran ist zu
merken, dass Michalskis Geschäft tatsächlich nicht nur ein Geschäft ist.
Es geht auf Mittag zu, als Michalskis Vater auftaucht, heute ausnahmsweise
allein. Normalerweise bringt er seine Frau mit, die sich dann ums Essen kümmert, während er im Hintergrund ein bisschen
für Ordnung sorgt. Einmal am Tag, sagt
Michalski, brauche er was Warmes zum Essen, und nicht
nur deshalb wäre es klasse, dass seine Eltern ihn so unterstützen würden. Umso mehr, seit sie eine Portion weni-
ger auf den Tisch bringen müssen, wo
ihn der Mechaniker hat hängen lassen. Michalski ist ihm nicht böse, er versteht das schon, dass sich jemand entscheidet, im Zweiradbusiness nicht seine Zukunft zu sehen. Er selbst indes hat sich diese Frage nie gestellt, und er stellt sie sich auch jetzt nicht. Sehr wohl jedoch überlegt er sich, wie er nun weitermachen, seinen Laden neu organisieren soll. »Ich könnte jemanden einstellen für den Verkauf und den
Bürokram oder jemanden für die Werkstatt.« Einen guten Mechaniker zu finden, das weiß Michalski, ist verdammt schwer. Also trägt er sich mit dem Gedanken, sich selbst ganz in die Werkstatt zurückzu-
ziehen. »Ich hätte überhaupt kein Problem damit, 15 Stunden hinter verschlossener Tür im Verborgenen zu schaffen.«
Heute hat er nach dem Mittagessen am Motor einer alten Z 1000 zu schrauben. Das Gehäuse hängt noch im Rahmen, sauber mit Papier zugestopft, in der Kammer nebenan liegen Zylinder und Kopf schon ordentlich aufgereiht auf einer Bierbank. »Kopf und Fuß brauchen neue Dichtungen, und vielleicht muss der Kopf auch noch geplant werden, mal sehen.«
Solche Arbeiten sind sein Ding, Arbeiten, vor allem am Motor, bei denen er länger bei der Sache bleiben kann. Weshalb er sich für den Winter die eine oder andere Restaurierung vorgenommen hat. An seiner eigenen Z 1000 J will er was machen, ihr
einen ZRX-1200-Motor einpassen, mit dem Quickly, das in der Werkstatt steht, ist er noch nicht ganz durch, und mit einem Zündapp-Roller hat er noch nicht mal angefangen. Bevor er sich dem allerdings widmen kann, wartet da noch die GTR 1000 auf der Hebebühne. Deren Vierzylinder hat er soeben komplett überholt, jetzt müssen die tausend Anbauteile wieder dran. »So etwa acht GTR-1000-Fahrer habe ich in der Kundschaft. Die sind alle hoch zufrieden. Trotzdem, vielleicht auch gerade deshalb, glaube ich, dass die neue GTR 1400 bei denen sicher gut ankommt.«
Michalski will sich gerade über den Motor der Z 1000 hermachen, als es an der Eingangstür bimmelt. Ein junger Typ mit Mercedes-Blouson steht auf der Matte, fragt, wie es so aussieht mit einem Praktikum. Man redet ein paar Takte, schüttelt sich die Hand, und als der Junge gegangen ist, meint Michalski: »Schätze schon, dass das klappen könnte. Ich kenne den, der ist in Ordnung.«
Nicht ganz in Ordnung sei da was
mit den Ventilen, findet einer, der gerade seine schwer bekofferte XT 500 unter
den Kawasaki-Fahnen geparkt hat. »Ventilführung und Übermaßkolben? Kein Problem, kann ich machen. Bring halt die Teile mit, dann sehen wir weiter.« Als die Yamaha vom Hof poltert, kommt Michalski schon wieder nicht zu seinen Dichtungen, genauer zu denen der Z 1000. Weil der Vertreter von Snap On auftaucht, um sich zu erkundigen, wie es um Michalskis Werkzeug stehe. »Was kaputt?« »Ne, nix kaputt.« Also schiebt der Vertreter Michalski ein Köfferchen unter die Nase. »Vielleicht was Neues?« »Ich gucke es mir mal an.«
Es bleibt vorerst beim Gucken.
Nach halb fünf gucken immer mehr Leute herein, nicht unbedingt, weil sie was kaufen oder verkaufen wollen. Michalskis Motorradladen in Möckmühl ist eben viel mehr als ein Geschäft.

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