Indoor-Enduro im Palau St. Jordi in Barcelona Je tiefer die Flieger - Indoor-Enduro in Barcelona

Die Lufthoheit überlassen Enduristen und Trialer den Supercrossern und Freestylern. Ihre viel erdverbundenere Vorstellung bringt die katalanische Olympiahalle dennoch zum Beben.

Foto: Archer

Enduro in der Halle: Wie soll denn diese eher behäbige Motorsportdisziplin den action-verwöhnten Fans in den Winterhallen etwas bieten können, was auch nur entfernt an wilde Supercross-Rennen und halsbrecherische Freestyle-Überflieger herankommen könnte?
Andererseits: Die Hallen-Enduro-Veranstaltung füllt den Palau Sant Jordi auf dem Montjuïc hoch über Barcelona schon zum zwölften Mal, zwar nicht restlos, aber weitgehend. Und die iberischen Motorrad-Fans sind hochkarätige Events gewohnt. Was die Indoor-Enduro-Stammbesucher dem supercross-geprägten Neuling voraushaben: Ihr Blickwinkel auf die Hallen-Motorradaction ist längst neu justiert - nach unten.

Denn die Indoor-Enduro-Show spielt eben nicht hoch oben unter der Hallenkuppel, wie es der Supercross-Fan vielleicht erwartet hätte, sondern zeigt in der Turn-, Handball- und Volleyball-Arena der olympischen Spiele von 1992 einen sehr erdverbundenen fantasievollen Hindernis-Parcours, der selbst Supercross-Top-Fahrern wie unserer neuen "German Sensation" Ken Roczen wahrscheinlich hauptsächlich Kopfschütteln entlocken würde.

Übelste Geröllfelder wechseln mit scheinbar planlos herumliegenden Baumstämmen und einer - wieder von Bäumen unterbrochenen und deshalb äußerst fiesen - Wasserdurchfahrt. Unmittelbar darauf folgt eine weitere Steinwüste, die, logisch, den lieben langen Rennabend über nie mehr richtig trocken wird.
Selbst mit den beiden Sprüngen, welche die Indoor-Enduro-Runde dann doch noch aufbietet, wüsste der unvorbereitete Supercrosser nur wenig anzufangen. Denn zum einen sind sie in der Anfahrt extrem steil, und zu allem Überfluss liegt genau dort, wo der geneigte Supercrosser seinen dynamischen Absprung setzen würde, wieder ein Baumstamm quer in der Gegend und bringt jedes Streben nach höherer Anfahrgeschwindigkeit oder größerer Flughöhe zum Erliegen.

Dass es dennoch zu äußerst spektakulären und hysterischen Rennen kommt, wenn auch die dabei erzielten Durchschnittsgeschwindigkeiten nicht der Rede wert sind, braucht es langjährig in der Enduro-WM gestählte Helden wie die beiden Multi-Weltmeister David Knight, der die 350er-Viertakt-KTM in Enduro-Version zur Weltpremiere ausführte, Juha Salminen, innerhalb des BMW-Konzerns von der G 450 X auf eine 250er-Viertakt-Husqvarna umgestiegen, oder eben den polnischen Extrem-Enduro-Spezi Tadeusz Blazusiak.

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Foto: Archer

Solch gestandene Jungs verströmen die Ausstrahlung, ihre Kiste im Notfall halt über das Hindernis zu tragen. Aber auch sie haben Grenzen, und zwar offensichtlich irgendwo zwischen dem gutmütigen, aber auch etwas störrischeren Viertakt-Motorrad und dem agilen Zweitakter. So dominierte Blazusiak alle drei Finalrennen ausgerechnet mit der 300er-Zweitakt-KTM, obwohl er kaum eine Stunde vor Beginn der Rennen anlässlich einer Präsentation seines Arbeitgebers noch brav die immensen Vorzüge des neuen 350er-Viertakters gelobt hatte. Am Abend jedoch machte "Taddy" keine Gefangenen und ließ auch Superheld David Knight keine Chance, der mit der neuen 350er immerhin fünf weitere Zweitakter jeglicher Marken bezwingen konnte.
Weit mehr als die Rolle der Pausenclowns gab übrigens das Sextett der weltbesten Trial-Artisten. Die Hindernisse, welche sich den Motorrad-Aristokraten entgegenstellten, standen an Gemeinheit dem Rennparcours nicht nach. Im Gegenteil: Zwei der Sektionen, eine Reihe übermannshoher Quader sowie eine ziemlich unordentliche Ansammlung von Abfallcontainer-Nachbildungen, erwiesen sich gar für die Crème de la Crème der Trial-Welt als unüberwindbar. Der einheimische, immerhin sechsfache Weltmeister Adam Raga machte da keine Ausnahme.

Bis Toni Bou antrat. Der 24-Jährige, ebenfalls Katalane und inzwischen seinerseits sogar schon neunfacher Champion, fährt, hüpft, ja fliegt mit aufreizender Leichtigkeit in seiner ganz eigenen Trial-Welt. Niemand kann sich ihm auch nur nähern. So hob ihn sein lokales
Publikum mit frenetischem Jubel ganz logisch in den Trial-Olymp. Als eigentlich schon alles vorbei war, stockte der Enduro-Abteilung des Fahrerlagers noch mal der Atem. Bou ließ sich von den Fans zu einer Zugabe mit seinem Montesa-Honda-Trialer auf der Enduro-Piste jubeln. Und ob diese flotte Ehrenrunde vielleicht nicht mindestens genauso schnell war, wie vorher Blazusiak, Knight und Konsorten, hat vor lauter Überraschung und zu deren Glück keiner mitgestoppt.

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