Indoor-Trial-WM in Koblenz (Archivversion)

Die verflixte Sieben

Sechs Starts, sechs Siege. Das Koblenzer Indoor-Trial gehörte in der Vergangenheit Weltmeister Doug Lampkin (Foto). Doch der siebte Auftritt im Rheintal, der ging knapp daneben.

Mit Verlaub, rein optisch betrachtet, wäre ein Sieg für Doug wahrlich angebracht gewesen. Denn es macht sich bei ihm nicht wirklich gut, wenn die ohnehin schon äußerst ausgeprägte Kinnlade durch hängende Mundwinkel noch länger ausschaut. Doch Doug Lampkin schert das in diesem Moment wenig. Wenn überhaupt jemand auf der Welt das britische Sprichwort verinnerlicht hat, dann er: Second place is first looser, der Zweite ist der erste Verlierer. Und so macht er eben ein langes Gesicht, dort oben auf dem Siegerpodest – auf Platz zwei.Wahrscheinlich merkt er in dem Moment gar nicht, dass ihn niemand – außer er selbst – auch nur ansatzweise als Looser bezeichnen würde. Denn die 3500 Fans in der ausverkauften Koblenzer Sporthalle hielten zu ihm. Standing ovations für Doug. Schließlich kennt man den 25jährigen Briten am Rhein, und seine bisherigen Auftritte waren schlicht sensationell. Sechs Starts, sechs Siege. Da geht ein Zweiter schon mal durch.Doch ganz im Innern war es auch nicht das nackte Resultat, das den Montesa-Werksfahrer ins Grübeln brachte. Es war nicht das Was, sondern das Wie, das ihn störte. Schon eine Woche zuvor, beim Auftakt zur Indoor-Trial-WM zuhause in Sheffield, hatte er sich gewaltig lang machen müssen, um den Spanier Marc Freixa niederzuhalten. Doch da hatte es noch geklappt, mit dem Sieg. So wie fast immer in den vergangenen Jahren. Fünf WM-Titel in der Halle, deren fünf im Freien, allesamt in Folge – da vergisst man gern, wie es sich anfühlt, mal nicht ganz oben zu stehen. Aber das ist in der Indoor-Trial-WM mit ihren immer kniffligeren Sektionen schnell passiert. Nur die Besten der Besten werden überhaupt zur Wintertour geladen. Sechs gesetzte Trialer – fünf davon aus den ersten Sechs der letztjährigen Outdoor-WM – plus zwei Lokalmatadore. Basta. Klasse statt Masse. Ähnlich die Auswahlkriterien bei den Austragungsorten. Nur die Metropolen sind gut genug: Madrid, Barcelona, Turin, Lissabon, Wien, Dubai – und Koblenz. Koblenz? Sicher. Denn man hat es sich dort verdient. Hat gerackert, geackert, gehegt und gepflegt, um ein lokales Indoor-Trial in sieben Jahren auf Weltklasse-Niveau zu hieven. Damit die Stars kommen. Damit die Stars gern kommen. Längst schätzen die Top-Akrobaten die gekonnte Koblenzer Komposition aus Nähe zu den Fans und professioneller Präsentation. Sie honorieren, dass die Organisatoren alles auf sich nehmen, um alles geben zu können. Das verbindet.Deshalb verzeiht so einer wie Doug sogar den verzwickten Aufbau der ... Sektion. Nur sich selbst kann er nicht verzeihen. Vielleicht lag’s am Stress in der Vorwoche. Im Namen der Queen war der Edel-Trialer als vierter Motorradler nach Geoff Duke, John Surtees oder Carl Fogarty zum Member of the the Britisch Empire ernannt worden, der höchsten Auszeichnung, die einem englischen Sportler in seiner Heimat zuteil werden kann.Dennoch: Wer aus einem Holz wie der junge Profi geschnitzt ist, der hätte an diesem Abend in Koblenz für einen ersten Platz sogar die Urkunde der Royals in die Tonne getreten. Dumm nur, dass Dougie es mit Herren vom gleichen Schlag zu tun hat. Mit Albert Cabestany zum Beispiel. Der erst 21-jährige Spanier aus Tarragona ist auch keiner von der genügsamen Sorte. War es schon vor drei Jahren nicht, als die Trial-Ikone Jordi Tarrès mit einem Junior-Team die Erbfolge regeln wollte. Wen Jordi rief, der kam. Nur Albert nicht. Wenigstens nicht so oft. Während andere Youngster, wie der WM-Fünfte Adam Raga, mittlerweile sogar beim Großmeister in der Nähe von Barcelona leben und trainieren, schaute Albert bestenfalls einmal pro Woche vorbei. Statt dessen kündigte Papa Cabestany seinen Job und trainierte den Sohnemann hauptamtlich. Zum Schaden gereichte dem Duo die Do-it-yourself-Methode auf keinen Fall. Zumindest nicht in Koblenz. Mit beeindruckender Leichtigkeit kletterte der Beta-Werksfahrer über die wunderschön gestylten Sektionen, hörte statt auf Jordi immer noch auf die Tipps seines Vaters und holte in Koblenz seinen allerersten Indoor-WM-Laufsieg. Von dem kann die schwarz-rot-goldene Abordnung des Trialsports genau wie bei den Freiluft-Wettbewerben leider nur träumen. Grob orientiert an ihrer – mit Ausnahme des Crossers Pit Beirer – international ebenfalls eher weniger erfolgreichen deutschen Kollegen aus dem Straßen- und Offroad-Sport sieht´s bei den hiesigen Trialisten eher karg aus. Immerhin – Ehre, wem Ehre gebührt – zeigten der deutsche Meister Carsten Stranghöner sowie Andi Lettenbichler Mut und wagten sich in Koblenz in die Höhle der Löwen. Sie sollten belohnt werden. Mit Beifall satt. Nicht für ihre Punktesammlungen, die sie letztlich nur auf den letzten und vorletzten Platz brachten, sondern für die Courage, einmal mit den ganz großen Buben zu spielen. Kein Grund also, vor Erfurcht die Kinnladen hängen zu lassen. Das macht sich nämlich nicht gut – optisch gesehen.
Anzeige

Hallentrial-WM Koblenz (Archivversion) - ERGEBNISSE

1. Doug Lampkin (GB) Montesa2. Albert Cabestany (E) Beta3. Marc Freisa (E) Spaniel4. Takahisa Fujinami (J) Honda5. Marc Colomer (E) Gas Gas6. Adam Raga (E) Gas Gas7. Andreas Lettenbichler (D) Beta8. Carsten Stranghöner (D) ShercoWM-Stand1. Doug Lmpkin (GB) 2. Albert Cabestany (E) 3. Marc Freixa (E)

Artikel teilen

Anzeige
Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote