Internationale Deutsche Motorradmeisterschaft in Oschersleben (Archivversion) Frage DER ZEIT

Wie lange hält ein Reifen? Und vor
allem: Wie lange hält der Pirelli, mit dem IDM-Superbike-Titelverteidiger Michael Schulten in Oschersleben seine fabelhafte Qualifikationszeit gefahren hatte, mit der er schneller war als die flottesten Superbike-WM-Cracks an gleicher Stelle vor einem Jahr? In den letzten Trainingsminuten
wurde er zwar noch von Andreas Meklau unterboten, Endstand 1.28,144 Minuten für Suzuki-Pilot Meklau gegen 1.28,163 für Honda-Mann Schulten. Aber Meklau hatte seine Zeit auf einem extra weichen Qua-
lifikationsreifen realisiert, der keinesfalls die 20 Rennrunden überstanden hätte. Schulten dagegen behauptete: »Ich hab’s mit dem Reifen geschafft, den ich auch
im Rennen fahren werde.«
»Rennreifen gibt es solche und solche«, wiegelte Routinier Jörg Teuchert ab, »dass wir hier 28er-Zeiten fahren würden, war klar. Entspann’ dich mal.« Etwas zu entspannt war freilich ein Benzinleitungs-Schnellverschluss an Teucherts MV Agusta, der den Mann mit der Startnummer elf bei Posten elf schon in der Aufwärmrunde des ersten der beiden Superbike-Rennen ins Seitenaus zwang.
Von dort aus konnte Teuchert beobachten, wie Michael Schulten nur eine
einzige Runde brauchte, um nach mittelprächtigem Start IDM-Tabellenführer Stefan Nebel auf der Yamaha von Platz eins zu verdrängen, und dann einem ungefährdeten Sieg entgegenfuhr. Im zweiten Rennen fuhr Teuchert mit, war jedoch rundenlang damit beschäftigt, den erstaunlich lebendigen Oldie Ralf Waldmann niederzuringen und hatte keine Gelegenheit, sich ein Bild über das Geschehen an der Spitze zu machen. Dieses Mal war Schulten perfekt gestartet, schaffte in Runde drei gar eine 1.27er-Zeit, rutschte gegen Rennende aber mit zerstörtem Vorderreifen unter kräftiger Zuhilfenahme seiner Knieschleifer praktisch hilflos um den Kurs – eine lösbare Aufgabe für Meklau, der ihn in der letzten Runde überholte und sich bei Schulten artig für dessen Fehlgriff bei der Reifenwahl bedankte.
Ein folgenschwerer Fehler unterlief auch Arne Tode, Schultens Supersport-Teamkollege bei Alpha-Technik-Honda. Über die gesamte 14-Runden-Distanz war der Ausgang des Rennens offen. Würde Titelaspirant Kai Børre Andersen auf der Kawasaki ein Start-Ziel-Sieg gelingen, oder könnte ihn der amtierende Meister Werner Daemen mit seiner Honda noch abfangen? Würde am Ende Yamaha-Mann Herbert Kaufmann oder vielleicht sogar Tode als Überraschungssieger dastehen?
In der letzten Runde, Andersen hatte sich Daemen und Tode bereits geschlagen gegeben, wollte Tode sein Schicksal in
die Hand nehmen. Mit einem gewagten Manöver bremste er sich an Daemen vorbei, schaltete dann aber versehentlich zweimal zurück – beim Einkuppeln brach das Heck seiner Maschine aus und touchierte das Vorderrad des Teamkameraden: Sturz und Aus für beide. Andersen war allerdings nur kurz der lachende Dritte. Wenige Meter vor dem Ziel sprang seine Antriebskette ab – bis das repariert war, hatte Kaufmann gewonnen.
Etwas klarere Verhältnisse herrschen bei den 125ern und den Gespannen. In beiden Klassen gewannen die jeweils
Führenden in der IDM-Zwischenwertung, KTM-Pilot Michael Ranseder in der Achtelliter-Kategorie, Jörg Steinhausen und Axel Kölsch bei den Dreirädern. Steinhausen, der sich aus der Seitenwagen-WM verabschiedet hat, will sich ersatzweise den
nationalen Titel sichern: »Das müsste klappen, wenn uns bei den ausstehenden zwei Rennen keine Dummheiten passieren.«
Die sollte sich auch Stefan Bradl verkneifen, wenn er seine minimale theoretische Chance wahren will, KTM-Kollege Ranseder den 125er-Titel noch zu entreißen. Denn in den Kampf um die Podestplätze mischt sich neuerdings regelmäßig Georg Fröhlich ein, der sein Formtief ganz offensichtlich überwunden hat. abs

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