Internationale Straßen-DM in Lagerlechfeld (Archivversion)

Schach dem König

Die Meute der Superstock-DM hat nur eins im Sinn: Titelverteidiger Claus Ehrenberger (1) vom Thron stoßen.

»Wenn wir den Titel diese Jahr verteidigen können, dann haben mein Team und ich was ganz Großes geleistet«, sinniert Claus Ehrenberger kurz vor dem Start zum Superstock-Rennen in Lagerlechfeld bei Augsburg. Im letzten Jahr marschierte er mit einer makellosen Bilanz zum Titel, siegte in allen Rennen. Doch in dieser Saison weht dem Suzuki-Fahrer ein scharfer Wind ins Gesicht. Dass die Superstock-DM Rennsport auf hohem Niveau mit einem relativ überschaubaren Budget ermöglicht, haben nämlich auch andere mitbekommen. Dementsprechend voll sind die Startfelder. In Lagerlechfeld waren 58 Fahrer angetreten. Darunter auch einer, den viele schon lange abgeschrieben hatten: Ex-250er-Grand-Prix-Fahrer Volker Bähr. Als ewiges Talent verrufen, straft Bähr nach mehrjähriger Rennpause seine Kritiker Lügen. Mit einem kleinen Team und einer Yamaha YZF-R1 fand er die Lust am Rennfahren wieder. Und zeigt der Suzuki-GSX-R 1000-Armada, die von den technischen Daten her beinahe erdrückend überlegen wirkt, erfolgreich die Zähne. Der Yamaha fehle gegenüber den Suzukis zwar etwas Spitzenleistung, meint Bähr, »doch in Sachen Handling und Kurvengeschwindigkeit habe ich die besseren Karten.«Darauf muss auch Norbert Fritz, der Vizemeister des vergangen Jahres, setzen. Mit der Kawasaki ZX-9R sieht sich der Bayer leistungsmäßig klar im Nachteil, »vor allem bei einem Flugplatzrennen mit langen Geraden wie hier in Lagerlechfeld.« Fritz vertraut auf die Künste seines Schweizer Motor-Technikers Emil Weber, obwohl in der Superstock kostenintensives Tuning vom Reglement her grundsätzlich verboten ist. Regelverstößen sollen strenge Kontrollen des DMSB vorbeugen, dessen Technische Kommisare nach jedem Rennen Motorräder auslosen, deren Motoren komplett zerlegt werden. Wichtig sei die Feinabstimmung des Triebwerks, erklärt Fritz, der seinen Gesamtaufwand für die Saison auf rund 50000 Mark schätzt und glücklich ist, »dass Kawasaki mich in dieser Saison gut unterstützt.«Ganz ohne Unterstützung von Werksseite muß Harry Fath, ein Urgestein der deutschen Rennszene, auskommen. Doch weil Faths Herz nun mal für italienische Zweizylinder schlägt und sein kongenialer Partner seit Jahren der Aprilia-Händler Gottfried »Goofy« Ihle ist, halten die beiden Schwaben wacker das Fähnchen der Aprilia RSV mille SP hoch, deren dumpfer Klang sich wohltuend von den brüllenden Vierzylindern abhebt.Fath attestiert der Aprilia ein herrvorragendes Fahrwerk und super Bremsen, womit er auf engen Rennstrecken das Leistungsdefizit von rund 30 PS gegenüber den Vierzylindern halbwegs ausgleichen könne. Doch auf dem schnellen Flugplatzkurs nahe Augsburg konnte er sich nicht für das Rennen qualifizieren, war so einer von 22 Startern, die der Qualifikationshürde zum Opfer fielen und schon am Samstag den Heimweg antreten konnten. Damit diese Unglücklichen nicht alsbald die Lust am Rennsport verlieren, sollte sich der DMSB schleunigst Gedanken über einen Hoffnungslauf machen, über den sich wenigstens drei Fahrer doch noch für den Hauptlauf qualifizieren können.Das Prinzip Hoffnung galt im übertragenen Sinne auch für einen anderen Protagonisten der Superstock-Szene: Benny Jerzenbeck. Zwar zählt der Saarländer erst 24 Lenze, dennoch hätten viele auf seine Karriere nach einem unglücklichen Engagement im 125er-Grand-Prix vor einigen Jahren keinen Pfifferling mehr gewettet. »Nimm ihn unter deine Fittiche, versprach mir Bert Poensgen von Suzuki vor zwei Jahren, dann unterstütze ich euch«, blickt Jerzenbecks heutiger Teamchef, der Ex-Gespann-Weltmeister Rolf Steinhausen, zurück. Vertrauen, das sich inzwischen auszahlte, weil Jerzenbeck in der familiären und zugleich professionellen Atmosphäre des Steinhausen-Teams sein Selbstvertrauen wiedergefunden hat. Ein vierter Platz im Zwischenklassement der Superstock-EM sollte Beweis genug sein.Und auch in der DM mischt Jerzenbeck vorn mit, obwohl »der Benny hier nur zu Trainingszwecken fährt und sich aus allen harten Zweikämpfen heraushalten soll«, so lautet jedenfalls die Devise seines Mentors Rolf Steinhausen. Sein Schützling hielt sich allerdings nur bedingt an diese Vorgaben. Was weniger an Jerzenbeck, als an einem »Jungen Wilden« aus der EM lag. Der Südtiroler Markus Wegscheider, der für Team des Suzuki-Händlers Stefan Schmidt an den Start geht, wollte sich den Frust einer bislang durchwachsenen EM-Saison auf dem Tornado-Flugfeld für alle erkennbar von der Seele fahren.Also setzte sich der Südtiroler mit Jerzenbeck ab. Verfolgt von einem Mann, den vor dem Rennen in Lagerlechfeld überhaupt niemand auf der Rechnung gehabt hatte: Joachim Klein, Insidern aus seiner Supersport 750-Zeit entweder durch schnelle Rundenzeiten oder kapitale Stürze bekannt, überraschte nach längerer Rennabstinenz alle mit der Pole Position. Und er blieb diesmal schön sitzen, was ihm in der letzten Runde einen Logenplatz für das rennentscheidende Manöver einbrachte. Wegscheider bewies in eindrucksvoller Manier, das er nicht umsonst Superstock-Vize-Europameister ist: Er drückte sich vor der letzten Kurve in etwas rustikaler, aber fairer Manier an Jerzenbeck vorbei. Beim Siegerinterview wusste er vor lauter Rührung nicht, wem er zuerst für diesen Erfolg danken sollte.Die Titelaspiranten Ehrenberger und Bähr folgten auf den Plätzen. »Ich konzentriere mich nur auf den Volker, der Klein ist Gaststarter und bekommt keine Punkte«, so lautete Ehrenbergers Devise vor dem Rennen. Was er denn auch minutiös in die Tat umsetzte. Zunächst folgte er Bähr rundenlang wie ein Schatten, überholte ihn dann kurz vor Rennende und ließ eine Konterattacke seinens badischen Landsmannes nicht mehr zu. »Claus war in der letzten Runde auf der Gegengerade so spät auf der Bremse, ich hatte keine Chance mehr«, zeigte Bähr Respekt. Dennoch führt er die Meisterschaft noch knapp an. Auf dem Schleizer Dreieck am 5. August beim nächsten Lauf, will er seine Führung wieder festigen, »dass ist nämlich meine absolute Lieblingsstrecke«, gibt sich der nicht mehr ganz so jugendliche Angreifer siegessicher.
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Nächste Runde (Archivversion) - 4./5. August: Schleiz

Das wohl traditionsreichste und am besten besuchten Rennen der IDM findet auf dem berühmt-berüchtigten Kurs in Schleiz statt. Die schnelle Naturrennstrecke verlangt nach einer Top-Fahrwerksabstimmung und viel fahrerischer Routine, zudem braucht es Mut und eine gesunde Portion Respekt. Weil nämlich die Sturzräume, anders als auf permanenten Rennstrecke, in manchen Abschnitten schlichtweg fehlen. Bei der deutschen Topklasse, den Supersportlern, zählt vor allem Lokalheld und Titelaspirant Rico Penzkofer zu den Favoriten. Immer für einen Sieg gut sind aber auch die Routiniers, zu denen neben Herbert Kaufmann auch Michael Schulten zählt. Neben allen DM-Rennklassen sind auch die Markencups von MZ und Suzuki am Start. Eintrittkarten: ab 25 Mark, Campingplatz: 25 Mark, weitere Infos unter 03663/402954, Zimmervermittlung: 03663/2339. Internet: www.schleizer-dreieck.de

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