Interview Alex Hofmann (Archivversion) »Ich ziehe alle Register«

Zunächst arbeitslos, dann Rang zehn mit der 500er-Honda auf dem Sachsenring, nun wieder ohne Team – Jungstar Alex Hofmann, 22, erlebt die Höhen und Tiefen einer Rennfahrerkarriere.

? Alex, Ihre Karriere hat 2002 einen bemerkenswerten Verlauf genommen: Geplant war eine Saison in der 250-cm³-Straßen-WM. Doch dazu kam es nicht. Sie fuhren stattdessen Downhill- und Super-Moto-Rennen. Zwischenzeitlich starteten Sie einmal in der Superbike- und viermal in der MotoGP-WM. Haben Sie zu Beginn des Jahres mit so einer Entwicklung gerechnet?Beim besten Willen nicht. Die Verträge waren ja alle unterschrieben, als die Bombe platzte und plötzlich der Sponsor absprang. Die Downhill- und Super-Moto-Wettbewerbe waren eine Verlegenheitslösung. Ich wollte in Bewegung bleiben, irgend etwas machen. ? Bevor wir uns weiter über Ihre aktuelle Situation unterhalten, ein kurzer Blick zurück. Sie begannen mit Motocross.Ja, 1992 und 1993 war ich deutscher Motocross-Juniorenmeister. 1994 fuhr ich noch in der Cross-DM, ein Jahr später ging es schon auf die Straße. Von den ersten vier Rennen zum Juniorenpokal konnte ich drei gewinnen und trat dann in der restlichen Saison gleich in der DM an. Platz fünf war das beste Resultat. 1998 wurde ich Deutscher Meister und Europameister bei den 250ern.? Sie waren erfolgreich im Offroad-Sport. Warum wechselten Sie die Disziplin?Ich fuhr als 14-Jähriger schon in der Motocross-DM mit drei Läufen à 30 Minuten. Das hat mein Körper damals einfach nicht mit gemacht. Daraus entwickelte sich die Idee, es im Straßensport zu versuchen. Gewissermaßen als Warteschleife.? Und wie kam der Kontakt zu Dieter Theis, der ja bis heute Ihr Manager ist, schließlich zustande?Federungs-Spezialist Benny Wilbers hatte meine Motocross-Fahrwerke abgestimmt. Er knüpfte den Kontakt zu Dieter, der einen jungen, noch formbaren Fahrer für sein Team suchte. ? Und dann kamen die Erfolge. Aber auch schwierige Entscheidungen. Ja, mein Vater eröffnete in Spanien eine Zahnarztpraxis. Ich ging in die elfte Klasse des Gymnasiums und hatte zu der Zeit schon 58 Fehltage. Da musste ein Entschluss her. Und der lautete: Ich werde Profi und ziehe vom Allgäu zu Dieter nach Bochum.? Mit 16 Jahren.Ja, es war früh, aber nicht zu früh.? Und Sie verdienten auf Anhieb Ihren Lebensunterhalt?Nein, natürlich nicht. Daddy hielt mich finanziell über Wasser. Mein erstes Geld verdiente ich 1998 mit dem DM-Titel. Doch was heißt verdienen? Ich kam über die Runden. Und so ist das bis heute. Ich hab ´nen Golf, ein paar Fahrräder, und das ist´s.? Hätte der 22-jährige Alex Hofmann 2002 in einem erlernten Beruf also mehr verdient als der Grand-Prix-Rennfahrer Hofmann?Das ist wieder so eine Frage, die nur ein Deutscher stellen kann – Spanier oder Italiener kämen nie auf die Idee. Mein Beruf ist Rennfahrer. Ich bin schon mit 19 Jahren in die WM eingestiegen. Als meine Kumpels ihr Abitur geschrieben haben, war ich in Malaysia und habe trainiert. Aber die Deutschen fragen immer: »Haben Sie nichts Vernünftiges gelernt?«? Zum Beispiel ein paar Fremdsprachen, oder? Der gewöhnliche GP-Pilot hat meist reichlich Mühe, sich in Englisch zu unterhalten. Ich spreche Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch. Die Fähigkeit zu kommunizieren ist heute unglaublich wichtig. ? Zurück zur aktuellen Entwicklung. Vor Ihrem Moto-GP-Engagement starteten Sie für Kawasaki bei der Superbike-WM auf dem Lausitzring. Mit Platz 15 und 13 gelang der Einstieg sehr erfolgreich. Dann folgten die Engagements bei Red Bull-Yamaha als Ersatz für Garry McCoy und bei West-Honda als Platzhalter für Loris Capirossi in der MotoGP-Klasse mit dem zehnten Platz auf dem Sachsenring als Krönung. Worin unterscheiden sich denn die Teams? Nur in Feinheiten. Die arbeiten absolut professionell. Da ist für einen Rennfahrer einfach alles so, wie es sein sollte. Du kümmerst dich die ganze Zeit um deinen eigenen Kram, und wenn es zum Training oder zum Rennen geht, sind sämtliche Details perfekt vorbereitet, und du kannst dich zu 100 Prozent aufs Fahren konzentrieren. Man bekommt das Gefühl, dass Geld da keine Rolle spielt. Traumhaft.? Und wie unterscheiden sich die MotoGP-Maschinen von einem Superbike?Ein Superbike fährt sich ruhiger, behäbiger, ist körperlich weniger anstrengend. Eine 500er-Maschine ist einfach das Ultimative. Die Beschleunigung, die Bremsen – unglaublich. Eine 500er flößt Respekt ein, gewaltigen Respekt. ? Dennoch wurden auf Anhieb vorzeigbare Resultate von Ihnen erwartet. Zudem kann Ihre gesamte weitere Karriere von diesen Gast-Auftritten abhängen. Wie geht man damit um, als Neuling sofort konkurrenzfähig zu sein, sich aber dennoch nicht zu übernehmen und zu stürzen?Das ist es eben. Ich habe für mich persönlich den Druck rausgenommen und beschlossen, zunächst zu lernen und mich dann zu steigern. Selbst wenn es zu Beginn lange Gesichter im Team geben sollte. Und die Rechnung ist aufgegangen. ? Und nun heißt´s, Chancen auszuloten. McCoy und Capirossi sind wieder fit und Sie arbeitslos. Was steht jetzt an?Ich ziehe alle Register und bin überall dran. Gott sei Dank will der WM-Promoter Dorna einen Deutschen in der MotoGP-Klasse. Die ziehen mit an den Drähten. ? Ihr Traumteam?Gut, bei Honda weiß man, dass die technisch auf der Höhe sind. Aber das Wichtigste ist, überhaupt irgendwo einen MotoGP-Fixplatz zu erhalten.? Ist die 250er-Klasse noch ein Thema?Nein.

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