Interview (Archivversion)

Reinhard Sucher, Produktmarketing Geschäftsbereich Zweiradreifen bei Michelin Deutschland, über die Folgen längerer Standzeiten für Motorradreifen.

? Sind die Reifen eines Motorrads, das lange Zeit gestanden hat, noch uneingeschränkt zu gebrauchen oder gibt es auch bei der Bereifung typische Standschäden?! Hierzu kann man keine generell gültige Aussage treffen. Entscheidend für den Alterungsprozess eines Reifens ist der Einfluss von Ozon und UV-Strahlung. Je höher die Strahlungsintensität, desto rascher altert das Gummi. Steht das Fahrzeug in einem Raum ohne direkte Sonneneinstrahlung oder besondere Belüftung, sind über einen Zeitraum von etwa drei Jahren keine negativen Auswirkungen zu erwarten. Voraussetzung ist allerdings, dass der Luftdruck während der Standzeit nicht zu weit absinkt. Notwendig ist ein Innendruck von mindestens einem Bar, um Knickungen in der Karkasse zu vermeiden.? Gibt es hinsichtlich der Haltbarkeit von Motorradreifen Unterschiede, beispielsweise zwischen Touren- und Supersport-Gummis?! Bei gleichen Lagerbedingungen gibt es keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Reifenkategorien. Berücksichtigen sollte man jedoch, dass Supersport-Reifen ein wesentlich höheres Grip-Niveau aufweisen müssen und deshalb durch lange Standzeiten prozentual höhere Einbußen beim Haftungsvermögen erleiden als Tourenreifen. Durch diffundierende Leichtstoffe, die sich mit Staub verbinden, bildet sich übrigens im Lauf der Zeit eine rutschige Schicht. Deshalb sollten alle Reifen nach längeren Standzeiten auf den ersten 200 Kilometern ähnlich zurückhaltend eingefahren werden wie ein Neureifen, um die Schmierschicht vorsichtig abzutragen.? Gibt es die aus dem Automobilbereich bekannten Standplatten auch bei Motorrädern?! So lange der Luftdruck nicht zu weit absinkt, sind die so genannten Standplatten im Motorradbereich kein Thema, weil die Radlasten relativ gering sind. Problematischer hingegen ist häufig der Standplatz des Fahrzeugs. Es sollte unbedingt gewährleistet sein, dass die Reifen nicht auf Erdreich stehen oder mit Öl und Benzin in Berührung kommen. Bei Erdreich besteht die Gefahr, dass Feuchtigkeit durch kleine Schnittverletzungen in das Gewebe der Karkasse eindringt und diese zerstört. Öl oder Benzin führen zu einem punktuellen Aufquellen des Gummis und zerstören die Vulkanisation. ? Woran erkennt man, wie alt ein Reifen ist?! Das Produktionsdatum lässt sich anhand der DOT- Markierung bestimmen, die sich auf einer Flanke des Reifens befindet. Den Buchstaben DOT folgt ein ovales Feld mit einer Buchstaben-/Zahlenkombination, die in verschlüsselter Form Hersteller, Werk und Dimension enthält. Darauf folgt ein kürzeres ovales Feld mit einem Zahlencode, der Produktionswoche und Herstelljahr enthält. Die Ziffern 198 mit einem kleinen Dreieck bedeuten, dass der Reifen in der 19. Woche des Jahres 1998 hergestellt wurde. Seit 2000 ist die DOT-Nummer vierstellig, wobei wiederum die ersten beiden Ziffern die Produktionswoche und die letzten Beiden das Jahr bestimmen. Gummis mit einer dreistelligen DOT-Nummer, jedoch ohne Dreieck-Markierung wurden vor 1990 produziert. Eine Eingrenzung des exakten Produktionsdatums ist bei solchen Reifen nicht möglich.? Wann sollten Reifen aus Sicherheitsgründen auf jeden Fall erneuert werden?! Wenn nach dem Aufpumpen auf Betriebsdruck Ozonbrüche, also viele kleine Risse über der Zentrierlinie, erkennbar sind, ist ein Austausch unumgänglich. Ansonsten würde ich die Grenze bei sechs Jahren ziehen, und zwar unabhängig vom Erscheinungsbild der Reifen.

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