Interview (Archivversion)

Wolfgang Murrmann, 55, stellvertretender Geschäftsführer der Honda Deutschland GmbH, äußert sich zum 100-PS-Limit

Herr Murrmann, Sie waren 1978 an dem Beschluß zwischen Herstellern bzw. Importeuren und dem TÜV, keine Motorräder mit mehr als 100 PS auf den deutschen Markt zu bringen, beteiligt?Ja, wir von Honda Deutschland haben die 100-PS-Begrenzung befürwortet, um das nicht so gute Image, das Motorradfahren damals hatte, zu verbessern.1978, als Sie die sensationelle Sechszylinder-CBX 1000 rausbrachten, waren ja die Motoren viel schneller als die Fahrwerke. Ganz anders als heute.In der Tat war es damals richtig, den Leistungswettlauf zu beenden. Die Motorräder waren einfach zu schwer, und weder Reifen noch Fahrwerke, noch Bremsen waren der Motorleistung gewachsen. Heute sieht das natürlich ganz anders aus. Ohnehin ist der Knackpunkt immer der Fahrer und nicht die Technik.Beispiel Honda CB 1100 XX mit 164 PS. Dieses tolle und leicht zu fahrende Motorrad kauft man doch nicht zuletzt wegen seines gigantischen Leistungspotentials. Sie bieten es aber nur mit 98 PS an. Ist das nicht paradox? Wir halten uns an die 100-PS-Begrenzung. Wenn ein Kunde das Motorrad aber entdrosseln will, hindern wir ihn nicht daran.Ein Eiertanz. Ist es überhaupt sinnvoll, so ein extrem leistungsstarkes Motorrad zu bauen?Wir müssen ein möglichst abgerundetes Modellprogramm offerieren. Sie wissen, wir haben auch Motorräder wie die ST 1100 oder die VFR 750, die es weltweit nur mit 100 PS gibt, und für diese Käuferschicht ist das genau richtig. Die Spitzenleistung ist nur ein Kriterium von vielen beim Kauf einer Maschine.Ist die Leistungsbeschränkung noch zeitgemäß? Zumal es etwas Vergleichbares auf dem Automobilsektor nicht gibt und es auch niemand wagen würde, so etwas einzuführen. Wie soll es in Zukunft weitergehen?Wir müssen die EU-Betriebserlaubnis abwarten. Wenn die eine Leistungsbeschränkung vorsieht, vielleicht irgendwas zwischen 110 und 120 PS, werden wir uns daran halten. Das wäre auch für alle Hersteller von Vorteil, denn man könnte ein einheitliches Motorrad für alle Märkte bauen. Sollten wir in Deutschland allerdings eine Geschwindigkeitsbegrenzung wie in anderen Ländern kriegen, ist das Thema sowieso erledigt.Die Europäische Kommission hat ein Gutachten in Auftrag gegeben, um zu erforschen, ob es einen Zusammenhang von Motorleistung und Unfallhäufigkeit gibt? Ja, das will das Europäische Parlament noch abwarten, bis es eine Entscheidung in Sachen EU-Betriebserlaubnis fällt. Die meisten Unfälle passieren bekanntlich innerorts bei niedrigen Geschwindigkeiten und werden vorwiegend von jüngeren Fahrern verursacht. Das hat mit der Motorleistung wohl weniger zu tun. Unfallforscher bestätigen das.

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