Interview mit BMW-Entwicklungschef Peter Müller (Archivversion) "Herausforderung auf Weltniveau"

Peter Müller, 47, ist Leiter Entwicklung und Baureihen bei BMW Motorrad und eine der treibenden Kräfte hinter den jüngsten Sport­-aktivitäten der Bayern. MOTORRAD fragte ihn nach den Zielen des Superbike-Engagements.

Herr Müller, BMW ist 2007 so sport­-lich geworden wie seit Jahren nicht mehr: Mit Ihrem Offroad-Prototypen haben Sie sich bis in die Enduro-WM vorgewagt, mit dem Sportboxer konnten Sie in der Langstrecken-Weltmeisterschaft einige Achtungserfolge erzielen. Kürzlich haben Sie den Einstieg in die Superbike-WM 2009 verkündet – wo will BMW hin?
Zunächst bin ich stolz auf unser Resultat beim letzten Endurance-WM-Lauf in Doha/Qatar. Unser Team beendete die Saison mit einem hervorragenden siebten Platz im Gesamtklassement. Und das auf dieser Strecke mit Highspeed-Geraden, auf der unser Boxer naturgemäß gegen­über den Vierzylinder-Maschinen im Nach­-teil ist. Diese sehr erfreuliche Saison ist für BMW Motorrad ein Meilenstein, um auf Dauer ein deutlich sportlicheres Image aufzubauen. Das wollen wir mit unserem Engagement sowohl im Offroad-Sport als auch insbesondere im Straßenrennsport weiter intensivieren.
Straßensport passt aber nicht so richtig zur bisherigen BMW-GS- und -RT-Klientel.
Ich denke, dass sich weder unsere RT- noch unsere GS-Kunden durch die sportliche Orientierung verunsichern lassen und nichts gegen ein sportlicheres Image der Marke BMW haben. Wir haben auch nicht vor, das Kernprogramm von BMW Motorrad zu vernachlässigen. Mit unserem Engagement im Straßen- und Geländesport wird BMW Motorrad weiter gestärkt.
Warum ist die MotoGP-Idee vom Tisch? Das ist doch die Formel 1 des Motorradsports.
Wir wollen uns der Herausforderung in einem seriennahen Wettbewerb auf höchstem internationalem Niveau stellen – und die ist in der Superbike-WM gegeben. Wir treten dort gegen direkte Wett­bewerber und Teams an, die uns in diesem für uns neuen Umfeld viele Jahre Erfahrung voraus haben. Wir sind nach 50 Jahren Abstinenz über die Endurance-WM in den Straßenrennsport zurückgekehrt. Die World-Superbike-Serie ist der logische nächste Schritt.
Was haben Sie denn technisch in der Hand, um gegen die etablierten Teams bestehen zu können?
Wir haben uns für einen Reihen-Vierzylinder entschieden, weil dieses Motorkonzept für die Superbike-WM und auch für das Serienmotorrad die besten Voraussetzungen bietet. Der Motor wird natürlich ein paar BMW-Besonderheiten aufweisen. Wenn wir antreten, werden wir von der Leistung her wettbewerbsfähig sein – da sind wir sicher.
Könnten Sie technisch etwas konkreter werden?
Wir haben uns in der Motorenent­wicklung massiv in den Bereichen Simu­-lation, Ladungswechsel und Verbrennung verstärkt. Hier kam uns das geänderte technische Reglement in der Formel 1 zugute, weil dadurch weniger Kapazität in der F1-Motorenentwicklung gebunden wird – wir konnten aus dieser Abteilung kompetente Leute für unser Superbike-Projekt gewinnen. So viel kann ich sagen: Der Ventiltrieb ist auf hohe Drehzahlen ausgelegt, der Motor wird sehr kompakt ausfallen. Fahrwerk und Triebwerk des Serien-Prototyps, den wir derzeit erproben, bestehen schon komplett aus BMW-eigenen Komponenten.
Wird das Superbike-Team ein echtes Werksteam werden?
BMW hat sich für eine Kooperation mit den Spezialisten von Alpha Technik entschieden. Es wird ein echtes Werks­team geben. Aber BMW hat nicht alle dafür notwendigen Kapazitäten im eigenen Haus, deshalb die Entscheidung für die Zusammenarbeit mit einem Partner. Etwas Ähnliches haben wir im Automobilsport sehr erfolgreich mit der Firma Schnitzer gemacht. Mit Berti Hauser als Leiter der Abteilung Rennsport bei BMW Motorrad und Rainer Bäumel als Projektleiter World Superbike bleibt alles unter der direkten Kontrolle von BMW.
Auf wie viele Jahre ist die Kooperation mit Alpha Technik angelegt?
Das ist eine längerfristige Kooperation. Zunächst geht es mal darum, dass wir den höchst professionellen Auftritt schaffen, den die Welt von BMW beim Start in die Superbike-WM erwartet. Dabei leisten die Spezialisten von Alpha Technik mit ihrer jahrelangen Erfahrung im Renn­-sport einen wichtigen Beitrag. Viele wer­-den sogar erwarten, dass wir sofort vorn dabei sind. Uns ist allerdings klar, dass wir eine Lernphase durchlaufen müssen.
War der Einsatz in der Langstrecken-WM mit dem Sport-Boxer bereits Teil dieser Lernphase?
Das Endurance-Team hat absolut professionelle Arbeit abgeliefert – es war ein Team von Idealisten. Der Auftritt und der aus der Rennmaschine abgeleitete Serien-Boxer HP2 Sport demonstrieren dennoch in idealer Weise den Gedanken hinter der HP-Baureihe: Renntechnik für die Straße.
Renntechnik für die Straße – vom Superbike muss ja auch eine Serienversion gebaut werden. Wann kommt die auf den Markt?
Wie es die Homologationsregeln für Neueinsteiger vorgeben, müssen wir bis zum ersten Rennen 2009 125 Serien­maschinen herstellen. Damit ist das Mo­-torrad für die Superbike-WM startberechtigt. Im Lauf des Jahres 2009 müssen dann weitere 500 Serienmaschinen pro­-duziert werden. Wann das Serienmotorrad in den Handel geht, dazu möchten wir uns heute noch nicht äußern.
Wo wird der Prototyp getestet?
Der Prototyp muss auf verschiede­nen Rennstrecken getestet werden. Even­-tuell sind in der zweiten Hälfte des Jahres 2008 Starts in der Prototypen-Klasse der Langstrecken-WM möglich.
Haben Sie aus der Szene schon Feedback zu Ihren großen Plänen bekommen?
Das Team, das wir jetzt aufbauen, bringt uns in eine gute Ausgangsposition. Das ist nicht unbemerkt geblieben. Wir bekamen sogar schon Jobgesuche aus den Lagern von Wettbewerbern.

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