Interview mit Bundesverkehrsminister Kurt Bodewig (Archivversion) »Motorräder müssen wie moderne Pkw behandelt werden“

Mit Kurt Bodewig, SPD, seit kurzem Bundesminister für Verkehr, Bau- und Wohnungswesen, sprach MOTORRAD über alle Themen, die Motorradfahrer interessieren.

Herr Bodewig, Sie sind selbst Motorradfahrer? Ja, ich bin früher viel gefahren, aber seit den 80er Jahren nicht mehr – aus Gründen beruflicher Belastung. Welchen Stellenwert hat das Motorrad Ihrer Auffassung nach?Das Motorrad ist überwiegend ein Freizeitfahrzeug mit wachsender Bedeutung. Zunehmend sind es Herren Ende 40, die sich neben den Jungen mit neuen Maschinen auf die Straße begeben. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, wie wichtig die Verkehrssicherheit beim Verhalten von Motorradfahrern ist. Wir haben immer wieder eine Reihe schlimmer Unfälle. An manchen schönen Wochenenden im April sind die chirurgischen Abteilungen der Krankenhäuser wirklich belastet. Mein Appell deswegen an alle Motorradfahrer, so sorgfältig und sicher wie nur möglich zu fahren.Wie sollen Motorräder in Zukunft hinsichtlich der Umweltverträglichkeit behandelt werden? Es sind in den EU-Gremien Vorschläge für strengere Schadstoffgrenzwerte für 2003 und 2006 im Gespräch.Wir möchten sehr deutlich machen, dass wir diesen Kurs mittragen. Motorräder müssen bei Schadstoffemissionen und Geräuschen wie moderne Pkw behandelt werden. Man muss das artikulieren, damit sich die Motorradindustrie frühzeitig darauf einstellen kann. Ich möchte auch deutlich sagen, dass wir den Kraftstoffverbrauch reduzieren müssen, um den CO2-Ausstoß zu vermindern. Motorräder sind heute sehr viel zahlreicher als früher und stellen somit ein größeres Problem dar. Auch wegen der Ozonbelastungen in den Sommermonaten. Es wird also auf europäischer Ebene zu einer Verschärfung der Grenzwerte kommen müssen.Gilt das auch für Geräusche?Es gibt bei einem nicht unerheblichen Teil von Motorrädern Geräuschbelastungen, die einem schweren Lkw vergleichbar sind. Ich appelliere an die Motorradfahrer, Rücksicht auch auf Anrainer zu nehmen.Serienmotorräder sind nicht so sehr ein Geräuschproblem, eher solche, die mit Nachrüstdämpfern ausgestattet sind.Je mehr Motorräder auf die Straße kommen, desto mehr werden Geräuschemissionen öffentlich wahrgenommen. Wenn die Industrie ein Ziel bekommt, die Lärmbelastung zu reduzieren, dann ist das der richtige Weg. Wir werden auch eine Umweltuntersuchung für Motorräder einführen. Allerdings möchten wir diese Untersuchung im europäischen Prozess gemeinsam vereinbaren.Es ist eine emissionsabhängige Steuer geplant, die dem Steuersatz für Pkw angeglichen wird? Wir haben in dem Sofortprogramm zur Minderung der Ozonbelastung festgelegt, dass es eine emissionsabhängige Kfz-Steuer für Motorräder geben wird. Fahrzeuge, die langfristig die Euro-2-Norm nicht schaffen, würden dann steuerlich höher belastet. Halten Sie Streckensperrungen für Motorräder an Wochenenden für geboten?Zunächst weise ich darauf hin, dass das Ländersache ist. Ich komme aus Nordrhein-Westfalen, und da gibt es Strecken etwa in der Eifel, wo es an Wochenenden schwere, zum Teil tödliche Unfälle gibt. Es gibt auch mindere Methoden – Geschwindigkeitsbegrenzungen, Überholverbote.Die haben wir doch heute schon. Wir haben an bestimmten Strecken ganz besondere Unfallhäufigkeiten. Hier müssen die Länderbehörden zu einer Lösung kommen. Die Länderbehörden werden Streckensperrungen nicht leichtfertig vornehmen. Zudem sind sie auch gerichtlich überprüfbar.Müssen Besitzer älterer Motorräder fürchten, sie in einigen Jahren stilllegen zu müssen, weil sie strengeren Umweltanforderungen nicht mehr genügen? Die Akzeptanz des Motorrads muss gewahrt bleiben. Daher müssen die Kritierien, die für andere Fahrzeuge gelten, auch für Motorräder gültig sein. Es gibt für Motorräder, die eine TÜV-Genehmigung haben, einen Bestandsschutz, aber es gibt keinen Freibrief für Manipulationen.Wie stehen Sie zu der Forderung, in die Fahrerlaubnisklasse B für Pkw Motorräder bis 125 cm³ einzuschließen? Unsere Bundesanstalt für Straßenwesen wertet zur Zeit Erfahrungen aus, die in Österreich gemacht wurden. Der entscheidende Punkt ist, ob solche Regelungen zu weniger Unfällen führen. Das scheint jedoch nicht der fall zu sein. Außerdem wird gern vergessen, dass in Österreich eine zehnstündige Zusatzausbildung notwendig ist. Das wäre doch auch hierzulande denkbar. Wir haben das auf europäischer Ebene diskutiert. Ein solche Regelung müsste europaweit eingeführt werden, sonst könnte man nicht über die Grenze fahren. Derzeit sieht es nicht so aus, als wenn es eine solche Besitzstanderweiterung für den Pkw-Führerschein geben würde.Kann Tempo 80 für 16- und 17-jährige Leichtkraftradfahrer aufgehoben werden? Diese Regelung wurde durch die Länder herangetragen aus Gründen der Verkehrssicherheit. Wir werden das mit den Ländern diskutieren. Für mich ist entscheidend: Dient eine solche Regelung der Verkehrsicherheit und dem Schutz des jungen Fahrers?Halten Sie das motorisierte Zweirad im Stadtverkehr für förderungswürdig? Etwa, indem es Omnibus- und Taxifahrspuren benutzen darf? Nein. Diese Fahrspuren dienen dem öffentlichen Verkehr zur Entlastung der Innenstädte. Das Motorrad ist ein normales Verkehrsmittel wie der Pkw auch. Sonderrechte können ihm nicht eingeräumt werden. Sonst könnten etwa auch Fahrer von kleinen Elektromobilen oder Smartfahrer Sonderrechte beanspruchen.Das Interview führten Michael Pfeiffer und Axel Westphal

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote