Interview mit dem neuen BMW Motorradchef Dr. Michael Ganal (Archivversion) »Wir begeistern uns für Cruiser“

? Herr Dr. Ganal, Ihre Vorgänger waren selten länger als zwei Jahre im Amt und sind dann wieder zu den Autobauern abgewandert. Was machen Sie nach Ihrer Zeit bei der Sparte Motorrad?Solange die Leute so gut sind wie meine Vorgänger, sehe ich in dieser Rotation kein Problem. Im Gegensatz zu meinen Vorgängern habe ich allein schon vom Alter her die Chance, dieses Amt rund 20 Jahre zu bekleiden, und ich möchte es in der Tat möglichst lange ausfüllen. Zumal es eines der schönsten ist, das BMW zu bieten hat, weil ich hier von der Entwicklung und der Produktion über den Vertrieb bis hin zu den Finanzen und dem Personal klassische unternehmerische Verantwortung übernehme. Außerdem garantiert das Produkt Motorrad mit all seiner Emotionalität eine besonders hohe Motivation der Mitarbeiter.? Was reizt Sie darüber hinaus bei dieser Aufgabe?Zunächst einmal die Fortsetzung des Erfolges. Die Sparte Motorrad ist derzeit in einer selten günstigen Verfassung: Wir haben im letzten Jahr erstmals über 50000 Einheiten gebaut, und das Schöne ist, daß diese positive Entwicklung unbedingt fortgeschrieben werden soll: Wir sind vom Gesamtunternehmen nachdrücklich gewollt, das war nicht immer so. Ich habe also mitten im Aufwärtsschub den Steuerknüppel übernommen.? Wo werden Sie persönlich mittel- und langfristig Akzente setzen?Ich habe das Glück, hier engagierte und kompetente Mitarbeiter vorzufinden und auf eine sehr gut eingespielte Spartenleitung zu treffen, die bereits wesentliche Dinge für die Zukunft vorbereitet hat. Ich werde also nicht egoistisch versuchen, meinen Stempel aufzudrücken, sondern mit diesen Leuten zusammen unsere Vorstellungen umsetzen. Und da dürfen unsere Kunden durchaus auf Überraschungen gefaßt sein.? Werden Sie also in Marktsegmente vorstoßen, die BMW bislang nicht besetzt hat?Wir beobachten die Marktentwicklung natürlich genau. Die genannten Vorstellungen zielen auch auf eine Verbreiterung unseres Motorrad-Angebots. Mehr sage ich heute noch nicht.? Und was ist mit dem Thema Motorroller/Stadtfahrzeug?BMW wird sicherlich niemals Rollerhersteller werden, einen klassischen Roller, so wie wir ihn heute kennen, werden wir also nicht bauen. Aber interessant an unserer bei der IFMA 1992 vorgestellten Studie C 1 finde ich, das Einspurfahrzeug systhematisch als Lösungsansatz für akute Probleme im Stadtverkehr zu analysieren. Ein Fahrzeug ähnlich dem C 1 wird dann zum Erfolg, wenn es jene Nachteile, die heutige Einspurfahrzeuge haben, abschafft. Vor allem also muß es ein für motorisierte Zweiräder bisher beispielloses Maß an passiver Sicherheit bieten.? Falls BMW so ein Stadtfahrzeug baut, wird man dann wie bei der F 650 verfahren. Würden dann die Kooperationspartner wieder Aprilia und Rotax heißen?Der Erfolg der F 650 bestätigt nicht nur BMW, sondern auch unsere Partner. Ob dieses alternative Verkehrsmittel eines Tages von uns gebaut wird, ob wir es selber bauen oder zusammen mit Partnern, dies alles ist noch nicht entschieden. Aber wie auch immer: Selbst wenn wir in diesen Fragen schnell zu einem Ergebnis kommen, wird es in diesem Jahrzehnt so ein Fahrzeug von uns nicht mehr geben können.? Bedrohen die genannten Kooperationsallianzen nicht langfristig das Werk in Berlin?Ganz und gar nicht. Mit unseren derzeitigen Zwei- und Vierzylindermodellen und mit dem, was noch kommen wird, ist Berlin komplett ausgelastet. Erst im vergangenen Jahr mußten wir dort eine zweite Schicht einführen. Der Standort Berli ist also sicher, zumal wir ja bei den Stückzahlen weiter zulegen wollen.? Zum Motorradmarkt: Wie beurteilen Sie die Stellung von BMW in Deutschland?Wir haben hier einen sehr großen und relativ stabilen Markt. Wir sehen insgesamt kein großes Wachstum mehr. Aber nennenswerte Impulse könnten von der neuen Führerscheinregelung ausgehen, die via 125er Roller oder Motorrad ältere und kaufkräftige Semester wieder ans Zweirad heranführt. Außerdem setzen wir auf ein BMW-Wachstum in für uns noch neuen Marktsegmenten.? BMW ist bislang bei den Sportlern und den sogenannten Cruisern nocht nicht vertreten.Genau, und die Begeisterung für die Cruiser nimmt bei uns gerade stürmisch zu.? Frage eins also: Kommt ein Cruiser auf Basis der neuen Boxer ?Frage zwei, bitte.? Ist das ein Thema schon für 1997?Die Entscheidung darüber ist bereits gefallen. Aber ich muß Sie noch um etwas Geduld bitten.? Wie beurteilen Sie die Konkurrenzsituation für BMW, vor allem im Hinblick auf europäische Mitbewerber?Ich glaube, es führt zu nichts, wenn wir unsere Wettbewerber klassifizieren. Wir von BMW versuchen - immer wieder mit Erfolg - einen eigenständigen Antritt hinzulegen, siehe Enduros oder Sporttourer. Wenn wir in Segmenten konkurrieren, dann tun wir das gegen alle, egal ob Japaner oder Europäer.? Ihre äußerst moderate Antwort läßt auf gewisse Ambitionen im IVM, dem Industrieverband Motorrad, schließen.Wir glauben, daß der IVM eine wertvolle Institution ist. Wir leben doch alle - Hersteller oder Importeure - von den politischen Rahmenbedingungen. Wir müssen also gemeinsam versuchen, auf die Politik in Bonn und Brüssel einzuwirken, genauso, wie wir auf die Medien einwirken wollen. Von der Person her kommen für die Präsidentschaft im IVM einige Leute in Frage. Aber ich glaube, der Leiter der BMW Motorradsparte hat in Deutschland sicher eine besondere Position, weil er nicht nur einer Vertriebsorganisation, sondern auch einer Entwicklungsabteilung und einem Motorradwerk vorsteht und - nicht zuletzt eben den Namen des Unternehmens BMW hinter sich hat. Außerdem meine ich, daß der IVM, der ja auf eine Initiative von BMW entstand, in den letzten Jahren mit BMW-Vertretern an der Spitze auch recht gut gefahren.? Sie wären also zur Präsidentschaft bereit?Ja.? Zu den BMW-Modellen: Welche Bedeutung hat die neue K 1200 RS?Sie ist ein Schlüsselmodell im Sporttourer-Segment, und bei den Vierzylindern im Moment einfach unser Topmodell. Wir möchten mit ihr wieder auf 20 Prozent Markanteil bei den Sporttourern kommen. Sie transportiert nicht nur technische Kompetenz, sondern sie bringt uns auch im Design und bei der Ergonomie einen ganzen Schritt voran. Rundum also wie ein Schaufenster: Wo steht BMW.? Wird damit das BMW-Image wieder ein bißchen sportlicher.Ja, neben den traditionellen BMW-Werten wie Wertbeständigkeit, Solidität und Funkionalität wollen wir die dynamische Komponente, die ja bei BMW-Automobilen sehr ausgeprägt ist, wieder etwas verstärken. Dennoch bleibt es dabei: Die Grenze verläuft bei uns zu den Supersportlern.? Was wäre denn an sportlichen Angeboten diesseits einer solchen Grenze denkbar.Vieles. Auch im Zusammenhang mit der R-Reihe. ? Wie wird es bei der K-Reihe weitergehen?Die K 1100 RS läuft 1996 aus, im Frühjahr wird die K 1200 RS eingeführt, und definitiv nicht vor der IFMA 1998 wird das Nachfolgemodell für die K 1100 LT kommen.? ... und bei den Boxern?Über das Thema Cruiser ist alles gesagt. Ansonsten ist die Reihe ja komplett. Logischerweise wird dann als erstes Modell die R 1100 RS überarbeitet, aber da reden wir bereits über einen Zeitraum von drei, vier Jahren.? Wie verteilt sich der Absatz dieser beiden Reihen?Von den 50000 Motorrädern, die wir 1996 gebaut haben, waren zirka 10000 F 650, rund 7000 K-Modelle, und der Rest entfällt auf alte und neue Boxer. Natürlich erwarten wir durch die 1200er eine Verbesserung bei der K, wenngleich zu einem gewissen Teil auf Kosten der R 1100 RS.? Warum kommt eine zweite Variante der F 650?Dieses Motorrad hat alle Erwartungen übertroffen, und wir mußten jetzt die Chance nutzen, eine zweite Variante mit noch mehr Straßen-Affinität zu plazieren. Damit ist unser Angebot in dieser Klasse dann aber komplett.? ... kein Cruiser?Wir steigen demnächst ein in die Diskussion über einen F 650-Nachfolger. Mag sein, daß dieses Thema dann eine Rolle spielt.? Wann kommt der gereglte Kat bei der F 650?Die technische Voraussetzung dafür ist ein elektronisches Motormanagement wie bei allen unseren aktuellen Zwei- und Viezylindermodellen. Wir gehen davon aus, daß ein möglicher Aufpreis von unseren Kunden akzeptiert wird, auch wenn das in diesem Preissegment kritischer ist. Der geregelte Kat in unserem Einsteigermodell kommt mit der nächsten F 650-Generation in etwa vier, fünf Jahren.

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