Interview mit Francesco Zerbi (Archivversion) »Die Superbikes sind ungefährdet“

Francesco Zerbi, der Präsident des Motorradsport-Weltverbands FIM, sieht in den ab 2002 im Grand-Prix-Sport zugelassenen Viertaktern keine Bedrohung für die Superbike-WM.

?Warum ließ sich die FIM mit der Entscheidung, ab 2002 in der jetzigen 500er-Klasse auch Viertakt-Prototypen mit maximal 990 cm3 Hubraum zuzulassen, so lange Zeit? Die Hersteller waren sich doch schon lange einig.! Einen so radikalen Beschluss hat es im Motorradsport noch nie zuvor gegeben. Es handelt sich hier um keine Reglementänderung, sondern um einen epochalen Schritt. Es ist besser, bei der Vorbereitung einer solchen Revolution voreilige Entscheidungen zu vermeiden.?Warum wurden Zweitakter nicht verbannt?! Momentan weiß niemand, was in Zukunft die bessere Formel sein wird, Viertakter oder Zweitakter. Deshalb muss das Reglement für viele Möglichkeiten offen bleiben. Der FIM geht es nicht ums Interesse der einzelnen Firmen oder einzelner Piloten oder der Sponsoren. Es geht um den Sport als Ganzes.?Warum ist es im Allgemeininteresse dieses Sports, Viertakter einzuführen?! Weil es so scheint, als seien Viertakter die Zukunft des Motorrads. Deshalb ist das neue Reglement auch nicht so gedacht, Zweitakter zu verdrängen, sondern Viertakter zusätzlich zuzulassen.? Viele Teams befürchten, dass bei den Viertaktern die Kosten wie in der Formel 1 explodieren werden. Dort sind aus diesem Grund wenigstens manche exotische Materialien und Technologien verboten.! In der Formel 1 ist es sehr leicht, das Geschehen mit technischen Reglementierungen zu beeinflussen. Bei Motorrädern sind dem Wachstum natürliche Grenzen gesetzt. Eine Maschine mit 300 PS beispielsweise wäre unfahrbar, weil man die Kraft nicht auf den Boden bringt.? Letztes Jahr äußerten Sie im MOTORRAD-Interview genau diese Befürchtung: Ein 1000-cm3-Reglement werde unfahrbare Monster-Bikes erzeugen.! Ich bin überzeugt, dass die Hersteller fahrbare Prototypen entwickeln werden, keine Monster. Wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, wird eine natürliche Balance entstehen. Die FIM will dem Fortschritt nicht im Wege stehen, deshalb ist das Reglement so frei.? Wie werden Sie dem zu erwartenden Ärger mit Superbike-Promoter Flammini begegnen?! Die Superbike-WM ist keineswegs in Gefahr. Im Gegenteil. Ich erwarte, dass die Bedeutung der Superbike-WM sogar noch steigen wird. Wenn die Prototypen-WM ihren Sinn erfüllt und die Ideen und Entwicklungen daraus in die Serie einfließen, wird auch der Sport mit Serienmaschinen interessanter. Die Grand Prix sind ein Umfeld der Hochtechnologie, in dem der Fan nicht sein Motorrad wiederentdeckt, sondern wegen seiner Idole, wegen Biaggi, Rossi oder Waldmann anreist. Bei den Superbikes ist das völlig anders. Der Zuschauer freut sich, weil er sein eigenes Motorrad um die Kurve brausen sieht. ? Offensichtlich bedarf die Superbike-WM trotzdem Ihres Schutzes: Sie haben Zweizylindern bei den GP nur zugestimmt, falls die Hersteller die Neuentwicklung echter Prototypen garantieren. ! Ich wollte nur klarstellen, dass bei den Grand Prix andere Motoren verwendet werden als jene Zweizylinder, die schon bei Aprilia oder Ducati laufen. Wir brauchen klare Regeln und müssen jede Konfusion zwischen Grand Prix und Superbike im Keim ersticken.? Auch der Motocross-Sport steht vor einer Revolution. So soll es künftig statt zweier Läufe nur noch je einen pro Klasse geben, dafür starten alle drei Kategorien bei einer Veranstaltung. Warum? ! Alle Sportarten auf hohem Niveau müssen sich so verändern, dass sie in die moderne Welt der Fernsehübertragungen passen. Wir brauchen Spielregeln, die für jedermann sofort verständlich sind. Mein Traum ist es, an 52 Wochenenden im Jahr jeden Sonntag ein Motorradspektakel im Fernsehen anzubieten. Beispielsweise am ersten Februarwochenende einen Grand Prix. Am zweiten Motocross. Am dritten Superbike. Am vierten wieder einen Grand Prix. Jede Woche eine andere Show. Momentan ist es nur ein Traum. Doch schon in zwei,drei Jahren kann er Wirklichkeit werden.*Die Fragen stellte MOTORRAD-Grand-Prix-Reporter Friedemann Kirn

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