Interview mit IVM-Präsident Dr. Ganal (Archivversion) «Man muß nicht erschrecken“

Wo der Industrie-Verband Motorrad Deutschland e. V. hinwill, erklärt sein Präsident Dr. Michael Ganal, 43, zugleich Geschäftsführer der Sparte Motorrad der BMW AG.

Ist der IVM mit den politischen Rahmenbedingungen für das Motorradfahren zufrieden? Oder ist es angestrebt, politische Veränderungen herbeizuführen?Die Rahmenbedingen sind von immenser Bedeutung. Wir sind beim Führerschein-Direkteinstieg ein gutes Stück weiter. Auch die Führerscheinregelung für ältere Autofahrer, die jetzt Leichtkrafträder fahren dürfen, ist erfreulich. Aber es gibt genug zu tun. Der Smogalarm kürzlich hat gezeigt, daß es so nicht geht. Unser Ziel ist aber nicht, gar keine Regelung zu bekommen, sondern vernünftige europaweite Regelungen zu erlangen.In welche Richtung möchte der IVM Einfluß nehmen? Wir wollen zum Beispiel verbindliche Schadstoffregelungen europaweit.Als BMW-Mann sind sie fein raus, aber zur Ihrem Verband gehört auch eine Firma wie Suzuki, die mit niedrigen Abgasen wenig am Hut hat.Wir müssen als IVM auf einen gemeinsamen Nenner kommen. Einige unserer Mitglieder haben mit strengeren Abgasnormen kein Problen, andere würden am liebsten alles so lassen, wie es ist. Jeder weiß aber, daß es so nicht weitergehen kann. Uns geht es aber darum, frühzeitig zu wissen, wie die Grenzwerte fixiert werden.Die Projektgruppe »Motorrad und Umwelt« beim Bundesumweltministerium hat postuliert, daß die Prüfzyklen denen von Pkw angeglichen werden. Das würde bedeuten, daß nicht einmal BMW-Motorräder mit geregeltem Kat die Abgasgrenzwerte schaffen würden.Man muß nicht erschrecken, wenn es Forderungen gibt, die über das Ziel hinausschießen. Wenn Motorräder mit dem Auto über einen Kamm geschoren werden, dann haben wir nicht mehr die Motorräder, die wir heute haben. Das ist schlicht nicht realisierbar. Weder auf der Lärm- noch auf der Abgasseite. Alles was heute das Motorrad kennzeichnet, das geringe Gewicht, die guten Fahrleistungen, die Transportmöglichkeiten - mit 200 Kilo Motorrad kann man zwei Personen plus Gepäck transportieren, das ist ja auch ein ökologisches Plus - wäre dann hinfällig. Das Motorrad würde per se in Frage gestellt, wenn sie es über den Leisten Auto schlagen.Was wäre für die nächste Zukunft akzeptabel?Wenn man für die Euro 2-Norm heutige Motorräder als Maßstab nähme, die von der Abgasreinigung optimal sind, dann fänden wir das sinnvoll. Damit wäre eine Menge erreicht. Allerdings sollte man nicht Prüfzyklen vorschreiben wie beim Pkw.Wie schätzen Sie den Motorradmarkt der Zukunft ein? Wie werden sich die Segmente entwickeln?Der Markt wird sich auf dem hohen Niveau stabilisieren. Der Cruiser-Trend ist gut erklärlich, weil er sich aus der Zeit, aus den gesellschaftlichen Strömungen ergibt. Ich glaube aber, daß wir bei einem Cruiser-Anteil von 30 Prozent bleiben werden. Es gibt aber keine Prognosen, die besagen, daß sich die Segmente wesentlich verschieben werden. Es hängt wohl hauptsächtlich davon ab, welche attraktiven Modelle auf den Markt kommen. Was halten Sie von dem Leistungshochrüsten? Beispiel: die neue Suzuki GSX 1300 R mit 175 PS. In den 70er Jahren hatte man diese Entwicklung verworfen.Wir haben eine Studie bei der TU Darmstadt machen lassen, die besagt, daß in 85 Prozent des Fahrbetriebs weniger als zehn Prozent der Leistung abgefragt werden. Dann spielt es keine Rolle, ob ein Motorrad 70 oder 100 PS hat. Außerdem besteht auch kein Zusammenhang zwischen Motorradleistung und Unfallhäufigkeit, wie eine EU-Studie ergeben hat. Die Motorleistung eines Motorrads ist eine Komponente, die eher im ideellen Bereich angesiedelt ist. Wie im Autobereich auch. Es werden Cabrios mit 300 PS gekauft, die aber niemand ausfahren möchte.Was im Autobereich erlaubt und erwünscht ist, kann beim Motorradfahren nicht schlecht sein?So sehen wir es. Außerdem haben wir zwar einen Trend zu großvolumigen Motorrädern, aber keinen Trend zum Schnellerfahren.Sollte man, um das Image des Motorradfahrens zu verbessern, nicht dennoch auf das Maximieren der Leistung verzichten?Wo sollen wir die Grenze setzen? Ich halte diese Diskussion für unselig. Natürlich muß das Motorrad umweltverträglich sein. Man kann natürlich nicht nachts mit hohen Drehzahlen durchs Wohngebiet rasen oder mit 120 an einer Gruppe Kinder vorbeifahren. Aber ich möchte davor warnen zu deckeln. Motorradfahren wird immer noch gedeckelt. Strecken werden gesperrt. Warum unternimmt der IVM da nicht mehr, etwa durch finanzielle Unterstützung bei juristischen Auseinandersetzungen?Das tun wir ja. Aber wir können nicht alle Initiativen unterstützen. Wir setzen auf die Signalwirkung, die ein zu unseren Gunsten entschiedener Präzendenzfall hat.

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