Interview mit Katja Poensgen (Archivversion) »Stürze gehören dazu“

Katja Poensgen musste wegen einer ausgekugelten Schulter auf den Le Mans-GP verzichten. Im MOTORRAD-Gespräch zieht sie trotzdem eine positive Zwischenbilanz.

? Du hast viele Erwartungen bereits übertroffen. Deine eigenen auch?! Ich wusste am Anfang überhaupt nicht, wo ich stehe. Deshalb habe ich nichts erwartet. Schon in Japan hat sich gezeigt, dass dies das beste Rezept ist. Sowie ich kurz vor Trainingsende dachte, Mann, ich schaff’ die Qualifikation einfach nicht, aber es wird mir jeder verzeihen beim ersten Mal, war der Druck weg, den ich mir auferlegt hatte. Und plötzlich purzelten meine Rundenzeiten.? Was ist beim Fahren jetzt anders als bei den ersten Tests?Ich bin am Anfang zu zögerlich mit dem Gasgriff umgegangen. Du musst das Gas entweder ganz auf oder ganz zu machen und sofort in die Bremse langen, damit das Timing stimmt. Jetzt gehen die grundsätzlichen Dinge automatisch. ? Was hast du dir als nächste Lernschritte vorgenommen?! Das noch spätere Bremsen.Wenn ich ganz spät bremse, komme ich in Hektik mit Kupplung ziehen, Schalten, Bremsen und dann noch Umlegen und Umsetzen. Der Kurvengeschwindigkeit selbst ist gut, was aber wiederum bedeutet, dass mir am Ausgang oft die Kurve ausgeht. Trotzdem war es gut, es von Anfang an so schnell reinrollen zu lassen, weil ich so das Vertrauen zum Vorderrad gekriegt habe, wofür ja manche Monate brauchen.? Akzeptierst du deine beiden Trainingsstürze in Le Mans als Berufsalltag?! Solange Stürze relativ glimpflich ausgehen und ich nicht sechs Wochen im Gips liegen muss, ist ein Sturz nicht so arg schlimm. Es tut zwar immer weh, doch ich habe keine Angst vor dem Stürzen. Sonst müsste ich besser zu hause bleiben. Stürze gehören dazu. Ich hoffe nur, dass ich mich nicht ernsthaft verletze.? Was bedeutet es für dich, dass dein Papa fast überall dabei ist?! Ich erzähle ihm meine Sorgen, er gibt mir Tipps, und meist ist es dann gar nicht mehr so schlimm, wie ich dachte. Es ist wie eine starke Hand im Rücken: Egal, was kommt, der Papa ist ja da!? Was hat dich in der GP-Szene am positivsten überrascht?! Früher kam mir alles sehr kalt vor, dass sich die Fahrer nicht untereinander unterhalten und jeder nur auf sich schaut. Dann habe ich in Suzuka gemerkt: Das stimmt gar nicht – nur hat keiner Zeit für eine gemütliche Tasse Kaffee. Am Sonntagabend kamen einige Fahrer zu mir her und haben sich vorgestellt – hallo, ich bin der Gibernau, hallo, ich bin der Garry McCoy oder der Carlos Checa. Servus und willkommen im Grand Prix. Richtig nett.? Genießt du das Jet-Set-Dasein und die Begegnungen mit Berühmtheiten?!Meine Geschwister und ich sind nicht so erzogen worden, dass ein Star etwas Besonderes ist. Als Teenager hätte ich nie mein Taschengeld ausgegeben für einen Sänger einer Boy Group, um aufs Konzert zu fahren und dem ein Stofftier auf die Bühne zu schmeißen. Der Einzige, bei dem ich mich total gefreut habe, war Kevin Schwantz. Ich habe ihn in Laguna Seca kennen gelernt. Er war total nett, und von ihm bin ich Fan, seit ich Motorradrennen fahre. Dennoch ist für mich jeder Mensch etwas Besonderes, und wenn es eine Putzfrau ist. Die hat trotzdem eine eigene Lebensstory, und es gibt einen Grund, warum sie Putzfrau ist und nicht Motorradrennfahrerin. Sie hat vielleicht nie einen Papa gehabt, der bei einer Motorradfirma arbeitet und sie immer so unterstützt hat wie meiner.? Wie gehst du mit negativer Resonanz um, etwa wenn Max Biaggi sagt, eine Frau im Rennsport sei wie ein Paar schöne Schuhe, eine Mode, die kommt und geht?! Ich glaube nicht alles, was geschrieben wird. In der Sport-Bild war ein langer Bericht, in dem stand, dass ich wie die Prinzessin von Spanien durchs Fahrerlager von Jerez stolziert sei, in meinem Schlepptau meine Mechaniker, und ich hätte meinen knallroten Lippenstift nochmals nachgezogen. Totaler Schwachsinn.? Hat der Playboy schon bei dir angefragt?! Schon vor einem oder anderthalb Jahren. Es haben auch schon andere Zeitungen für erotische Fotos angefragt. Aber da sag’ ich dann halt: Tut mir leid, das ist nicht mein Job. Ich will zeigen, dass ich Motorrad fahren kann. Sich oben ohne neben das Motorrad stellen kann jede Frau der Welt, aber einen Grand Prix mitfahren und sich qualifizieren, kann nicht jede.

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