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Interview mit Ken Roczen "Zurück nach Europa? Wohl kaum"

Ken Roczen gilt als Ausnahmetalent des Offroad-Sports. Nach dem WM-Titel fasste der Thüringer in Rekordzeit in den USA Fuß und gehört mittlerweile zum Jetset der Rennsport-Szene. MOTORRAD sprach mit dem Superstar.

Tellerwäscher war Ken Roczen noch nie, doch zum Millionär hat er es bereits gebracht. Für den Motocross-Profi aus Thüringen ist er wahr geworden, der American Dream, dieser uramerikanische Traum vom Weg ganz nach oben, der jedem offen steht. In bescheidenen Verhältnissen im 20 Kilometer östlich von Weimar gelegenen Mattstedt aufgewachsen, blitzte das außergewöhnliche Talent des Youngsters früh auf. Nachdem der Baby-Crosser in den Jugendklassen bereits die Titel sammelte wie andere Gleichaltrige Panini-Abziehbilder, erlebt die deutsche Offroad-Szene eine­ Premiere. Unter der Führung des ­damaligen Suzuki-Vertriebsleiters Bert Poensgen stattete ein Industrie-Konsor­tium aus der Motorradbranche den damals Zwölfjährigen mit einem Fünfjahresvertrag aus. Das verwegene Ziel: der WM-Titel. Roczen lieferte pünktlich. Mit 17 Jahren gewann er die Weltmeisterschaft in der MX2-Klasse (250 cm³).

Doch bereits während der WM-Kam­pagne ließ der Ausnahmekönner keine Zweifel über seine eigentliche sportliche Destination aufkommen: die USA. Als amtierender Weltmeister kehrte er der WM den Rücken. Am Erfolgskurs änderte sich nichts. Zunächst der 250er-Supercross-Titel (2013), danach der Sieg in der 450er-Outdoor-Meisterschaft (2014). Der Schönheitsfehler: „nur“ Platz drei im Supercross-Cham­pionat. In den Augen des ehrgeizigen Deutschen nicht gut genug – nicht einmal in seinem Premierenjahr in der Königsklasse. Am Rand der Rennstrecke über­nahm Ken Roczen in Rekordzeit den amerikanischen Lebensstil. Mit Wohnsitzen in Florida und Kalifornien, Interviews in fließendem Yankee-Amerikanisch oder geschickt platzierten Internet-Videos über seine Golf- und Surf-Exkursionen pflegte der Profi das Image des Jetset-Crossers, avancierte damit zum Liebling der Massen. Aus dem „German Wunderkind“ wurde längst K-Roc. Auf den Merchandising-Ständen vor den Stadien gehören die T-Shirts mit seinem Logo mittlerweile zu den Bestsellern. 

Auch der Sportimport selbst verkauft sich bestens. Das neue RCH-Team, bei dem Ken Roczen seit seinem spektakulären Wechsel von KTM zu Suzuki zu Beginn dieser Saison unter Vertrag steht, wird von einem Spielcasino großzügig unterstützt. Der Glamour-Faktor stimmt ebenfalls. Teambesitzer ist neben Ex-Spitzencrosser Ricky Carmichael der Freestyler Carey Hart, der Ehemann von Rock-Superstar Pink. Doch der Plan vom 450er-Supercross-Titel platzte trotz anfänglicher Tabellenführung. Nach drei kapitalen Stürzen konnte der sonst eigentlich so sattelfeste Ken Roczen von Glück sagen, nur mit einem angerissenen Band am Sprunggelenk davongekommen zu sein. Die Indoor-Saison war für ihn dennoch ­vorzeitig beendet. Doch dann geriet auch der geplanter Neustart zur Outdoor-Saison holprig. Eine Wirbelverletzung (siehe Interview) bremst Roczen derzeit ein. Teller muss der 21-Jährige trotzdem nicht waschen. Insider schätzen sein Jahreseinkommen vorsichtig auf derzeit vier Millionen Dollar.

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Interview mit Ken Roczen

?  Du hast nach einer Verletzung die Supercross-Saison vorzeitig beenden müssen. Nun beeinträchtigt eine Wirbelverletzung den Start der Outdoor-Meisterschaft. Die Informationen über die Schwere der Beeinträchtigung sind momentan sehr spärlich. Was liegt denn genau vor?

!  Eine Fraktur des 4. und und 5. Lendenwirbels, also den Wirbeln knapp oberhalb des Kreuzbeins. Wir wissen auch nicht genau, ob die Ursache eine Folge einer Überlastung ist oder ob die Fraktur noch von einem meiner drei Stürze beim Supercross herrührt. Es besteht zwar keine Lähmungsgefahr, doch die Schmerzen sind sehr stark und ich kann nicht trainieren. Die Resultate beim Outdoor-Saisonstart (Anm. Roczen erreichte beim Serienauftakt Platz 19 und 5) spiegeln diese Situation wider. 

?  Du giltst grundsätzlich als sattelfester Pilot und warst bislang kaum verletzt.

!  Ja, das stimmt. Seit dem Jahr 2009 habe ich kein einziges Rennen wegen einer Verletzung aussetzen müssen. Insofern war die Situation in der Supercross-Saison für mich recht ungewohnt und ist sie jetzt natürlich auch.

?  Bei unserer Begrüßung war in den ersten Sätzen auf Deutsch ein deutlich amerikanischer Akzent zu hören. Fühlst du dich bereits als Amerikaner?

!  Sagen wir mal so: Ich fühle mich, als ob ich noch nirgendwo anders gewohnt hätte. Gerade mit den Medien spreche ich natürlich ausschließlich Englisch. Da muss ich für ein Interview auf Deutsch im Kopf schon umschalten. Aber ich glaube, das hat sich jetzt schon gegeben, oder nicht?

?  Stimmt, wenn man vom Thüringer Dialekt absieht. Trotzdem ist dein flüssiges Amerikanisch in den Interviews bereits legendär. Offensichtlich scheinst du sprachlich sehr talentiert zu sein.

!  Nein, ich spreche nur Deutsch und Englisch. Ich habe aber die englische Sprache schon sehr früh gebraucht. In der Jugend-Europameisterschaft war es bereits wichtig, sich mit den Fahrern aus anderen Ländern unterhalten zu können. Mit elf Jahren fuhr ich dann auch zum ersten Mal in den USA Rennen. So hat sich das eben entwickelt.

?  Mittlerweile lebst du seit drei Jahren in den USA. Hast du noch Kontakte in die Heimat?

!  Natürlich, mein Vater lebt bei mir, meine Mutter und Schwester kommen mich regelmäßig besuchen. Und auch die Kontakte zu meinen deutschen Kumpels sind mir wichtig.

?  Interessieren sich auch deutsche Medien für deine Karriere in den USA?

!  Das Interesse hält sich in Grenzen. Es haben mich zwar viele europäische Zeitschriften porträtiert, aber das waren doch größtenteils Fachmagazine. Natürlich auch die aus Deutschland. Über den Motorradsport hinaus ging die Serie „Wild Ones“ auf Pro Sieben. Davon wurden bereits zwei Staffeln gedreht und in Deutschland ausgestrahlt. Eine dritte soll noch folgen. Aber da weiß mein Manager Genaueres.

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Foto: Suzuki
Ken Roczen.
Ken Roczen.

?  Du wirst nicht mehr von Bert Poensgen, dem ehemaligen Vertriebsleiter von Suzuki Deutschland und deinem ehemaligen Förderer, gemanagt?

!  Nein, aber wir haben durch meine Eltern noch mittelbar Kontakt. Ich habe noch immer großen Respekt vor ihm. Vor dem, was er beruflich geleistet hat und wie sehr er sich für mich engagiert hat. Doch jetzt arbeite ich mit einer Agentur aus Los Angeles zusammen, der Wasser­man Media Group. Die betreut auch Profi-Golfer und Athleten aus anderen Sportarten.

?  Du fliegst zu den Supercross-Rennen gelegentlich mit dem Privatjet von Firmenchef Casey Wasserman. In welcher Weise kümmert er sich um deine Belange?

!  Er betreut mich umfassend. Privat, sportlich – er kümmert sich um alles.

?  Man kann offensichtlich davon ausgehen, dass sich deine aktuelle finanzielle Situation recht positiv darstellt. Hättest du als Weltmeister in der WM weniger verdient als in den USA?

!  Ich glaube schon. Hier sind die Tarife für die Spitzenfahrer einfach höher. Es gibt mehr Sponsoren, mehr Preisgeld und höhere Boni.

?  Und wohl auch einen härteren Wettbewerb. Doch du hast dich erst kürzlich von Startrainer Aldon Baker getrennt und lässt dich wieder von deinem Vater beraten. Kritiker behaupten, du hättest das harte Training von Baker nicht verkraftet. 

!  Unsere Auffassungen vom Sport haben sich zu sehr unterschieden. Wir haben gut trainiert, aber ich hatte immer öfter das Gefühl, ausgelaugt zu sein. Ich war nicht so fit, wie ich mir das nach all diesen Anstrengungen vorgestellt hatte. Zum erfolgreichen Motocrosser gehört mehr als Rekordzeiten mit dem Rennrad aufzustellen. Das mag bei anderen funktionieren, bei mir aber nicht. Mein Vater kennt mich genauer als jeder andere und weiß, was ich für den Erfolg tun muss.

?  Wie unterscheidet sich der Lebensstil in der WM von deinem aktuellen?

!  Das ist ein Heidenunterschied. In der WM schwingt trotz des sportlichen Anspruchs immer noch ein Urlaubsgefühl mit. Man fährt mit dem Camper von Rennen zu Rennen, trainiert zwischendurch, kann aber auch mal etwas besichtigen und lernt coole Städte und verschiedene Kulturen kennen. Das ist in den US-Serien völlig anders. Man fliegt ein, fährt Rennen und fliegt wieder nach Hause.

?  Und wo ist für dich Zuhause?

!  Meinen Hauptwohnsitz habe ich mittlerweile in der Nähe von Orlando in Florida. Ich besitze aber auch noch mein Haus in Murrieta in Kalifornien. 

"Ich fühle mich, als ob ich noch nirgendwo anders gewohnt hätte."

?  Wie muss man sich das Leben eines Profi-Crossers vorstellen?

!  Die Veranstaltungen, egal ob Super- oder Outdoor-Cross, finden an nur einem Tag statt. Immer am Samstag. Am Sonntag fliege ich nach Hause. Am Montag, Dienstag und Mittwoch gehe ich jeweils einen halben Tag mit dem Motorrad fahren, die andere Hälfte trainiere ich körperlich. Radfahren, Sportstudio und Gymnastik. Donnerstag ist Ruhetag, am Freitag fliege ich auf das nächste Rennen.

?  Dieser Rhythmus wiederholt sich jede Woche?

!  Fast. Das Rennprogramm in den USA ist hammerhart. Die Supercross-Saison läuft von Januar bis Mai. Zwischen den 17 Rennen ist nur ein Wochenende frei, an Ostern. Mitte Mai beginnt die Outdoor-Saison. Die umfasst zwölf Rennen und dauert bis Ende August. Auch da sind nur drei Unterbrechungen vorgesehen. Da­zwischen Tests, PR-Termine, Pressekonferenzen. Wir sind hier gut beschäftigt.

?  Geht das nicht an die Substanz?

!  Körperlich lässt sich das schon verkraften, es sind eher die Reisen, die mental zermürben.

?  Viele US-Fahrer beschweren sich über das dicht gedrängte Rennprogramm. Wird sich deiner Ansicht nach in dieser Beziehung etwas ändern?

!  Nein, besser wird das nicht. Im Ge­genteil. Die würden gern noch mehr Veranstaltungen ins Programm packen. 

?  Trotzdem scheinst du aber immer noch Zeit zu haben, um zu surfen oder Golf zu spielen. Tust du das wirklich regelmäßig, oder soll damit eher das Image des Jetset-Crossers gepflegt werden?

!  Nein, ich tue das wirklich. Ich nehme mir einfach die Zeit. Vor allem Golfen macht mir Spaß.

?  Wie hoch ist dein Handicap?

!  Das habe ich noch nicht ermittelt und werde das auch nicht tun. Ich bin Hobby-Golfer. Leistungsdruck habe ich genügend bei den Rennen.

Foto: Suzuki
... und gehört mittlerweile zum Jetset der Rennsport-Szene.
... und gehört mittlerweile zum Jetset der Rennsport-Szene.

?  Zu deinem Image des Jetset-Crossers trägt auch dein Kontakt zu Rockstar Pink bei. Wie kam der zustande?

!  Ganz einfach. Mitbesitzer des RCH-Suzuki-Teams, bei dem ich unter Vertrag stehe, ist der Ex-Freestyler Carey Hart. Er ist mit Pink verheiratet.

?  Kennst du Pink persönlich?

!  Klar, wir gehen gelegentlich gemeinsam essen. 

?  KTM hat mit deinem ehemaligen Teamkollegen Ryan Dungey erstmals den Supercross-Titel in der wichtigsten, der 450er-Klasse geholt. Marvin Musquin holte den Titel in der 250er-Klasse ebenfalls ungefährdet. Beides sind deine ehemaligen Teamkollegen. Hast du KTM zu früh verlassen?

!  Nein, Dungey habe ich zu Beginn dieser Saison auch auf der Suzuki relativ locker geschlagen. Doch dann machte ich Fehler beim Supercross in Oakland und in Atlanta. Erst diese Verletzung änderte die Situation. Mit dem Motorrad hat das alles nichts zu tun.

?  Oder mit zu viel Druck? Du warst ja, wie gesagt, seit dem Jahr 2009 unverletzt. 

!  Nein, das war ein normaler Renn­unfall. Ich hatte Chad Reed ja bereits über­holt, musste dafür aber die Innenspur wählen. Dann hat der Schwung einfach nicht gereicht.

?  Es ist bekannt, dass es dein Wunsch war, KTM nach der vergangenen Saison zu verlassen. Es lief doch eigentlich gut.

!  Ich fühlte mich auf der KTM einfach nicht so wohl und hatte auch das Gefühl, einen Tapetenwechsel zu brauchen.

?  Vor den Jahren mit KTM bestrittest du deine gesamte Karriere auf Suzuki. War der Wechsel auch emotional begründet?

!  Da mag schon was dran sein. Ich hatte meine ersten großen Erfolge auf Suzuki. Das prägt sicherlich auch. 

?  Mit 21 Jahren ist es wohl noch zu früh, um nach den Plänen nach der Karriere zu fragen. Dennoch, hast du vor, wieder nach Europa oder Deutschland zurückzukehren?

!  Ich glaube kaum.

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