Interview mit Kenny Roberts jr. (Archivversion)

«Ruhm ist nur ein Bonus”

Mit vier 500er-GP-Siegen avancierte Suzuki-Pilot Kenny Roberts jr. zum Shooting-Star der Saison 1999. MOTORRAD-Mitarbeiter Friedemann Kirn erklärte er, wie es um seine Titelchancen steht.

? Sie sind Suzukis großer Star. Belastet Sie der Rummel um Ihre Person?Ganz oben zu sein ist leicht. Schwer war es, dorthin zu kommen. Ich ahnte schon immer, dass ich ein Motorrad schneller bewegen kann als jeder andere, hatte aber selten Gelegenheit, es zu beweisen. Seit letztem Jahr lebe ich im Bewusstsein, Mick Doohan, Max Biaggi und Alex Crivillé auf einem Motorrad besiegt zu haben, das schwieriger als ihre Maschinen zu fahren war, und das zählt für mich. Ich bin glücklich, dass ich diese Chance hatte. Alex hatte diese Chance nicht, seit Mick Doohan fehlt. Er schlug nur die Jungs, die er schlagen musste, und hat nichts Unerwartetes geleistet. ? Was fällt Ihnen zu Ihren Niederlagen ein?Hauptsächlich, dass wir stets alles getan haben, was in unserer Macht stand, und dass wir alles gezeigt haben, außer dieses oder jenes Rennen zu gewinnen. Wie etwa in Australien, als der Reifen in Fetzen davonflog. Natürlich war ich zunächst enttäuscht. Aber wir lernten aus dem kleinsten Fehler. Das Reifenproblem war binnen zwei Rennen gelöst, indem wir unser Test- und Auswahlsystem umstellten. In Brasilien war ich schon wieder auf dem Weg zum Sieg – bis der Motor Dreck ansaugte.Es gab aber auch Niederlagen, die nicht so leicht zu erklären waren.Wir wussten immer, was los war. Sogar zu Saisonbeginn in Malaysia und Japan drückte uns der Schuh. Da ich trotzdem beide Rennen gewann, war es plötzlich sehr schwierig, die Lösung unserer technischen Probleme durchzusetzen. Das Tempo, mit dem die Japaner Probleme in Angriff nehmen, hängt vom Druck ab, der auf sie ausgeübt wird. In der Europa-Saison traten diese Sorgen dann in vollem Umfang zutage. Wir hatten nicht genügend getestet, die Grundeinstellung war nicht perfekt, und das Motorrad hätte uns ein bisschen aushelfen müssen. Tat es aber nicht. Es war nur mit einem absolut perfekten Set-up konkurrenzfähig. Das war sehr deprimierend. Ob du es glaubst oder nicht: Der Sachsenring-GP war unser schlechtestes Rennen. ? Trotzdem haben Sie gewonnen?Es gelang, aber so viel Glück hast du nur in einem von 20 Rennen. Am Ende machte Crivillé einen Fahrfehler, und ich blieb vorn. Doch unser Problem war immer noch nicht gelöst. Erst ab dem Brünn-Grand Prix hatten wir die richtigen Karten in der Hand: Wir testeten statt Showa eine Öhlins-Federung und wussten sofort, dass das die richte Richtung war. ? Suzuki fehlte auch Motorleistung. Wurde sie mittlerweile gefunden?Es ist kein Geheimnis, dass wir daran arbeiten. Doch das ist schwer und langwierig. Wenigstens hängt der Motor inzwischen viel besser am Gas. Ob das für erste oder nur für zweite Plätze reichen wird, wissen wir nicht.? Sie sind anders als viele Stars - zugänglicher und stehen trotz allen Ruhms mit beiden Beinen auf dem Boden.Ich identifiziere mich nicht mit irgendeiner Art von Star-Dasein. Für mich als Mensch hat sich in den letzten beiden Jahren nichts verändert. Ich genieße alles in diesem Sport. Mein Hauptinteresse ist immer noch, auf jeder Art von Motorrad schneller als jeder andere herumzukurven. Das Geheimnis dabei ist, die Daten, die über den Lenker und Sitz in dein Gehirn wandern, schneller auszuwerten als die anderen. Derjenige, der dafür am wenigsten Zeit braucht, kann im entscheidenden Moment schneller fahren. So lange ich das ausleben kann, ist mein Dasein eine runde Sache. Die Fans, der Rummel und der Ruhm sind nur ein zusätzlicher Bonus.? Keine Träume vom süßen Leben eines Jet-Set-Stars?Ich spreche nicht für die Ewigkeit. Doch dieses Jahr habe ich viele verlockende Dinge abgesagt, weil ich einfach zu Hause bleiben, am Erntedankfest Truthahn grillen und Football anschauen wollte. Das genieße ich. ? Wird Ihr Erfolg wieder mehr amerikanische Piloten inspirieren, ihr Glück in Europa zu versuchen?Diese Frage ist nicht einfach für mich, denn ich will die Manager dieses Sports nicht kritisieren. Doch es ist offensichtlich, dass man heutzutage eine bestimmte Nationalität braucht, um in diesem Sport nach oben zu kommen. Ein Amerikaner müsste auf eine GP-Maschine hüpfen und sofort Top-Resultate bringen. Das ist nahezu ausgeschlossen. Deshalb wird auch keiner kommen. ? Werden Sie Weltmeister 2000?Von der Papierform her sieht es gut aus. Wenn wir keine Motorprobleme kriegen und wenn ich nichts Dummes mache, dann haben wir eine Weltmeisterschaft zu verlieren. Ich sage nicht, dass wir gewinnen, aber sie unser Ding, das wir verlieren können.
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