Interview mit Max Biaggi (Archivversion) »Rossi hat 240 PS“

?Nach der Saison 2001 hast du erklärt, die Viertakter seien die lang ersehnte Chance zu einem völligen Neubeginn bei Yamaha. Haben sich deine Hoffnungen bestätigt?Momentan schaut es so aus, als würden wir nur testen, testen, testen, ohne große Fortschritte zu machen. Wenn sich bei den ersten Rennen die Informationen bestätigen, die wir von den Honda-Tests haben, wird es sehr schwer sein, dieses Paket zu schlagen.?War Yamahas Philosophie, mit dem M1-Prototyp erst einmal die Performance einer 500er zu erreichen und dann darauf aufzubauen, zu konservativ?Ich weiß nichts von einer solchen Philosophie. Vielleicht ist es so, dass sie erst einmal alle unsere Tests auswerten wollen, bevor sie den entscheidenden technischen Schachzug machen. Im Endeffekt sind alle Materialien und alle Systeme, um einen Motor auf Trab zu bringen, aus der Formel 1 bekannt. Mir ist es nicht gestattet, zu sagen, woran es fehlt. Ich kann auch keinen Kommentar dazu abgeben, ob der Motor von Yamaha zu konservativ ist, denn ich habe keine Ahnung, was drinsteckt. Er kommt aus Japan und geht wieder ins Werk zurück, ohne dass er je von den Mechanikern geöffnet wird.?Wünschst du dir mehr PS?Dass die 500er bei den Tests hier und da immer noch eine halbe Sekunde schneller sind als wir, zeigt ganz klar, dass wir in irgendeinem Bereich unterlegen sind.?Vor einem Jahr gab es Aussagen, 250 PS seien in der MotoGP-WM möglich, aber nur 200 davon sinnvoll zu verwerten. Wie ist der Stand heute?Es gibt jemand, der hat schon diese Leistung und kann sie bereits auf den Boden bringen. Das ist die Erklärung dafür, warum sie so schnell sind. Die Hondas von Rossi und Ukawa haben mehr als 230, 240 PS. ?Letztes Jahr hattest du viele Probleme mit dem Vorderradgrip. Wie ist das Fahrverhalten deiner neuen Maschine?Nicht schlecht. Ich habe ein gutes Gefühl für den Vorderreifen. Das Einlenkverhalten ist ein größeres Problem mit diesem Motorrad. Und das Herausbeschleunigen aus der Kurve. Zwei Probleme, die dringend gelöst werden müssen.?Hast du deinen Fahrstil für den Viertakter umstellen müssen?Eins steht fest: Der Viertakter beschert dir mehr Probleme als der Zweitakter. Wegen der Bremswirkung des Motors tendiert das Hinterrad beim Einlenken zum Blockieren. Das macht dich beim Einbiegen in die Kurve langsam. Wenn du das nicht dadurch ausgleichen kannst, dass du am Kurvenausgang schneller bist, leiden deine Rundenzeiten. Ich denke, deshalb wurde das Hubraumlimit so großzügig mit 990 cm3 bemessen. Mit einer Viertakt-500er hättest du nie im Leben eine Chance.?Es heißt, beim Viertakter könne man das Gas früher öffnen.Wenn du das Gas früher öffnen kannst, aber am Ende der Kurve nicht schneller bist als mit dem Zweitakter, dann hast du keinen Vorteil. Wenn deine Sektionszeit gleich ist wie mit der 500er, obwohl die das Gas später öffnen – wo ist dann der Vorteil? Einen Vorteil hast du erst, wenn du das Gas früh öffnen kannst und gleichzeitig mehr PS hast. ?Andere Fahrer wie Kenny Roberts sind ganz enthusiastisch, weil sie mit ihren neuen Viertaktern endlich nach Herzenslust driften können. Wirst auch du dir das Driften angewöhnen?Um ein Motorrad auf diesem Niveau zu bewegen, muss jeder das Hinterrad zum Durchdrehen bringen. Ich betreibe esnur nicht zum Extrem. Ich denke, mein Fahrstil ist ähnlich wie der von Eddie Lawson. Auch er ließ das Hinterrad durchdrehen, ohne querzustehen. Ich kontrolliere das Motorrad mit den Beinen, nicht mit dem Lenker, trete derart in die Fußrasten, dass ich nach zwei Rennen Löcher in den Stiefeln habe.?Nach deinen Rennstürzen im letzten Jahr wurde dir nachgesagt, du könntest nur mit frischen Reifen schnell fahren.Das ist Bullshit, und ich kann mir schon denken, wer das der Presse eingeimpft hat. Schon bei meinem ersten Halbliter-Sieg 1998 verwendete ich den weichsten Reifen, den Michelin zur Verfügung hatte. Es stimmt also nicht, dass ich das Gas zurückdrehe, sowie sich das Motorrad zu bewegen anfängt. Ich benutze neben McCoy die weichsten Reifen von allen. Geh zu Michelin. Die können dir das bestätigen.?Hat es dich genervt, dass Rossi letztes Jahr derart im Rampenlicht stand?Es war schwer zu akzeptieren, dass Rossi in den Medien als Übertalent dargestellt wurde, obwohl ich genau wusste, das war nicht der Fall war. Ich sage nicht: Rossi ist nicht gut. Doch ich sage auf jeden Fall: Wegen seines guten Motorrads gewann er die meisten Rennen, den Titel und viel Geld. Ich kam dagegen manchmal nicht einmal den anderen Honda-Piloten hinterher.?Glaubst du, dass dieses Jahr wieder die drei italienischen Fahrer vorne sein werden?Ich hoffe. Und ich wäre gern der von diesen dreien, der ganz oben steht. Aber dieses Jahr sind wir Yamaha-Fahrer in den Händen der Ingenieure. Wir können die Zylinder nicht tunen, können nichts an der Vergasereinstellung ändern, können nicht verschiedene Zylinder und Köpfe aussuchen, wie ich es vorher tat. Bei unserem neuen Motorrad kenne ich nicht einmal die Geschwindigkeit der einzelnen Gänge.

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