Interview mit Max Biaggi (Archivversion)

«Die Fans lieben den echten Kämpfer”

Max Biaggi drehte bei Yamaha-Tests die schnellste Runde - und sprach anschließend mit MOTORRAD-GP-Reporter Friedemann Kirn über seine Ziele für die Saison 2000.

Nach zwei Jahren in der Halbliterklasse zeigt sich Max Biaggi als WM-Favorit. Bei Tests Anfang Februar in Malaysia umrundete der 28-jährige Italiener den Sepang-Kurs in 2.05,7 Minuten und lag damit um volle anderthalb Sekunden unter dem Streckenrekord. Noch nicht perfekt eingespielt war allerdings Biaggis neues Team von Mechanikern um den italienischen Cheftechniker Fiorenzo Fanali, der früher bereits für Ex-Weltmeister Eddie Lawson gearbeitet hatte. Fanalis Verpflichtung war von Biaggi in einer internen Machtprobe erzwungen worden. Von allen Yamaha-Stars einhellig gelobt wurde das Chassis der aktuellen YZR 500. Da sich das 1999er-Fahrwerk als Fehlentwicklung entpuppt hatte, griffen die Ingenieure für 2000 auf ein Chassis mit der bewährten Rahmengeometrie von 1998 zurück.
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Biaggi, Max: Interview (Archivversion)

?Neues Team, neues Motorrad, neues Millennium - wird 2000 Ihr Jahr in der Königsklasse,?Es wird ein neues Jahr mit vielen guten Fahrern und vielen guten Motorrädern. Ich habe die Chance, mit einem neuen Team zu arbeiten und bin sehr glücklich über einen frischen Start.? Was bedeutet ein italienisches Umfeld mit Fiorenzo Fanali an der Spitze für Sie? Fühlen Sie sich nun eher zuhause?Der Wechsel hat nicht so sehr mit der Sprache zu tun. Was wirklich zählt, sind Fiorenzos Qualitäten als Cheftechniker. ? Als im letzten Jahr bekannt wurde, dass Sie Ihr komplettes Mechanikerteam auswechseln wollen, gewannen Sie das nächste Rennen. Warum tauschten Sie ein Siegerteam?Ich akzeptierte einige Fehler, dann passierten neue Fehler, und ich denke, Yamaha kapierte danach, dass die Zeit reif für einen Wechsel war, für den Neustart zur nächsten Runde. Jetzt hoffe ich, viele Jahre mit dieser Crew arbeiten zu können, denn die Entscheidung wird sich in Zukunft garantiert auszahlen. Ich hoffe natürlich, dass wir sofort die Früchte ernten können, doch auf lange Sicht werden wir auf jeden Fall die Ernte einfahren.? Sind Sie glücklich mit allen technischen Veränderungen?Bis jetzt ist es nicht gerade brillant im Vergleich zum letzten Jahr. Doch wir sind erst bei den zweiten Tests, und wir versuchen immer noch, das Motorrad zu verstehen. Manche der Mechaniker haben noch nie an einer 500er gearbeitet, und sie brauchen Zeit, sich umzustellen. Wir haben auch einen Franzosen und einen Japaner, und alle müssen zusammenwachsen. Doch das geschieht alles schnell, und ich bin sicher, dass sie nach zwei, drei weiteren Tests sehr gut sein werden.? Es gibt noch andere bedeutende Änderungen in der neuen Halbliter-Saison. Beginnen wir mit Ihrem Kommentar zum Mick Doohan-Rücktritt.Es tut mir leid, denn er war meine Referenz auf der Strecke. Er war ein Fahrer, den ich sehr respektierte. Nur auf der Strecke wohlgemerkt, sonst nicht. Er sprach schlecht über mich in einer australischen Zeitschrift, und in Imola 1998 hakte er nach und zog mich bei italienischen Journalisten in den Dreck, nur um Druck auf mich auszuüben. Nichts von dem, was er sagte, war wahr. Er sagte sehr schlechte Dinge, nur um mich zu attackieren. Zwischen ihm und mir hatte es zuvor nie Probleme gegeben. Ich war sehr demoralisiert und verletzt.? Die neue Kraft bei den 500ern heißt Valentino Rossi. Was bedeutet sein Aufstieg für Sie und den Motorradrennsport in Italien?Sein Aufstieg in die Topkategorie hat zwei Seiten. Ich wechselte erst später zu den 500ern, weil ich als 250er-Weltmeister meinen Rivalen die Chance zur Revanche geben wollte. Wenn man sich allerdings so verhält wie Rossi und sofort nach dem Titelgewinn die Klasse wechselt, dann ist das eine Art Flucht. Doch wie auch immer: Er ist aufgestiegen, hat ein gutes Motorrad und ein gutes Team, und es würde mich nicht überraschen, wenn er Erfolg hätte.? Sie waren lange Zeit Italiens Nummer eins, doch derzeit genießt Rossi diesen Status. Können Sie den zurückgewinnen?Rossi und ich sind grundverschieden. Selbst wenn er nicht gewinnt, denkt er sich ständig Dinge aus, um sein Image zu polieren und das Publikum bei Laune zu halten. Ich dagegen konzentriere mich auf Rennresultate. Wie Rainey, Doohan oder Schwantz. Die Leute lieben den echten Kämpfer. Der Halbliter-Rennsport offenbart die Wahrheit über einen Fahrer, denn manchmal ist es wie der Kampf gegen ein wildes Tier. 500er-Rennen sind die wahre Herausforderung, und wir werden sehen, wer zuletzt lacht. Nicht zu vergessen: Es gibt auch noch Loris Capirossi, der zu den 500ern zurückgekehrt ist.?Welchen Ihrer italienischen Gegner fürchten Sie in der neuen Saison am meisten?Keinen, denn ich gehe meinen eigenen Weg. Wenn ich mir ein Feindbild aufbauen müsste, würde ich aber mehr an Fahrer wie Alex Crivillé oder Kenny Roberts denken. ? Als Sie im letzten Jahr zu Yamaha gingen, wurden Sie wie ein neuer Wayne Rainey begrüßt. Doch statt Erfolge kamen Probleme.Der Saisonauftakt in Malaysia war eine Riesenenttäuschung. Fünf Jahre hintereinander hatte ich regelmäßig das erste Rennen gewonnen, und nun wegen eines Elektrikdefekts gestoppt zu werden, war das Letzte, womit ich gerechnet hatte. Ich war damit von Beginn an in einer schlechten Position. Dann kamen die Handverletzungen. Jeder ist herzlich eingeladen, in solcher Verfassung Rennen zu fahren, nur um zu verstehen, wieviel Schmerzen ich wegstecken mußte. Ich brauchte fünf, sechs Rennen, um mich halbwegs zu erholen. Das Hauptproblem war, daß ich die äußeren zwei Finger beider Hände nicht schließen konnte. Erst gegen Ende der Saison in Australien wurde mir bewusst, dass mir die Dinge wieder leichter von der Hand gingen. Ich sagte - wow, jetzt bin ich wieder da!? Doohan kritisierte Honda oft, sie hätten zu viele Fahrer und sollten sich auf die Nummer eins konzentrieren. Denken Sie ähnlich über Yamaha?Bei Yamaha gibt es keine Nummer eins, das steht fest. Ich wünschte, ich wäre die Nummer eins oder so etwas. Doch es gibt sie nicht, und Yamaha will sie auch nicht. Letztes Jahr siegten zwei Fahrer mit diesem Motorrad. Seit ich mehr Punkte auf Yamaha eingefahren habe als jeder andere, schenken sie mir vielleicht etwas mehr Aufmerksamkeit, doch es gibt keine wirkliche Nummer eins.? Zumindest waren Sie schon mal der erste, der den neuen Prototypen mit nur einer Kurbelwelle fahren durfte.Ja, ja. Sie fragten mich und beförderten mich zum Haupt-Testfahrer für den Grand Prix-Sport, außerdem haben sie Nanba als Testfahrer in Japan. Er testet dort, und ich fliege gelegentlich hin, um meine Eindrücke weiterzugeben. Nicht mehr als das.? Ihre ersten Fahreindrücke?Ich kann nur soviel sagen: Es ist nur ein Prototyp. Wir arbeiten an verschiedenen Lösungen. Derzeit ist es noch schwierig, denn es ist ein junges Baby, und wir werden noch meilenweit gehen müssen, bis das Chassis und alles andere funktioniert. Details darf ich nicht verraten.? Können Sie zu den Verbesserungen am Standardmodell Stellung nehmen?Ja. Letztes Jahr hatten wir beträchtliche Probleme mit den Reifen, denn wir verbrannten das Gummi viel zu schnell. Jetzt haben wir kapiert, wie wir dieses Problem lösen können. Chassis und Federung sind ganz klar besser geworden. In Sachen Motorleistung ist es dagegen wie mit einer kurzen Bettdecke: Wenn du deine Füße zudeckst, fehlt sie dir am Oberkörper. Wenn du sie bis zum Hals ziehst, kriegst du kalte Füße. Der Motor ist also immer ein Kompromiß. Es wird ständig gearbeitet, doch echte Veränderungen passieren nicht sehr schnell.? Was erwarten Sie von sich selbst?Meine eigenen Erwartungen sind sehr hoch. Deshalb sonne ich mich auch nicht in den Erfolgen der Vergangenheit, obwohl ich schon viele Titel und Rennen gewonnen habe. Ich bin nicht happy mit dem Erreichten, denn der größte Triumph, der Titel in der Königsklasse, steht immer noch aus.? Werden Sie dieses Jahr wieder in ein Formel 1-Cockpit steigen?Die Fahrt letztes Jahr im Ferrari war ein sehr besonderes Erlebnis, und manchmal ist es besser, einzigartige Erfahrungen einzigartig zu lassen. Eine Wiederholung wäre falsch - für mich ebenso wie für die Medien.? Was wird stattdessen Ihr nächstes Abenteuer?Motorräder. Sie sind meine größte Passion. Ich liebe diesen Sport, und ich suche nach nichts anderem.

Yamahas neuer Prototyp (Archivversion)

Yamaha-Testfahrer Kyoji Nanba probierte in Sepang ausgiebig den hoch geheimen Halbliter-Prototypen.Max Biaggi hatte die Neuentwicklung bereits Ende letzten Jahres in Japan getestet und die eigene Bestzeit auf der gewohnten YZR 500 nur um eine Sekunde verpasst. Wann und ob die Neue das jetzige Modell verdrängen wird, steht jedoch in den Sternen.Radikalste Änderung ist der Motor. Es handelt sich ebenfalls um ein V4-Aggregat, anders als bei der aktuellen YZR 500 mit zwei gegenläufigen Kurbelwellen kommt der Prototyp aber mit nur einer Kurbelwelle aus. Yamaha folgt damit dem nun schon seit Jahren überlegenen Konstruktionsprinzip von Honda.Dass weniger trotz des perfekten Massenausgleichs von zwei gegenläufigen Kurbelwellen mehr sein kann, hängt mit den Kreiselkräften zusammen. Die rotierende Masse von nur einer Kurbelwelle stabilisiert das Motorrad zum Beispiel bei Slides am Kurvenausgang. Obwohl diese Kreiselkräfte die Maschine in engen Kurven und Schikanen etwas unhandlicher machen, überwiegen die Vorteile. Denn während ein Motorrad mit zwei Kurbelwellen wie die YZR 500 oder die Suzuki RGV 500 stets perfekt abgestimmt sein muß, verhält sich die Honda NSR 500 auch mit kleineren Abweichungen am Set-Up relativ gutmütig.

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